Stella: “Ich will nicht zu bunt schillern”

Stella, freundlich, bemüht, bestimmnt

Stella, Chat-Bot der Uni-Bibliothek in Hamburg hat auf alles eine Antwort (leider nicht immer die passende, aber vor allem dann, wenn es nicht um Bücher geht). Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Montage: kohlhof.de

Sie begrüßt Ihre Kunden schon mal mit einem zünftigen “Moin!” – Stella, die virtuelle Mitarbeiterin der Hamburger Universitätsbibliothek. Seit Oktober 2004 berät sie auf der Internetseite der »Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky« Literatursuchende. Als Chat-Roboter muss man sich einiges gefallen lassen. Von unsittlichen Angeboten bis zu Heiratsanträgen war alles dabei. Im kohlhof.de-Interview spricht Sie über Hypothesen, schlichtes Weiß und die Krise der Hamburger SPD – oder auch nicht.


Guten Tag! Ich heiße Stella und begleite Sie durch die Stabi. Wenn es etwas gibt, was ich für Sie tun kann … zum Beispiel Ihre Fragen beantworten …?

Guten Tag, mein Name ist Christian Kohlhof. Vielen Dank, dass Sie Zeit für ein Interview haben. War heute viel zu tun?

Hallo Christian Kohlhof, nett, dass Sie sich mir vorstellen. Das macht hier kaum jemand. Aber so kann ich sie viel persönlicher beraten. Nun, Christian Kohlhof, wie kann ich Ihnen weiter helfen?

Christian reicht auch. Tja, wie viele Fragen mussten Sie denn heute schon beantworten?

Wieviel? Sorry, die Antwort muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß es nicht. Übrigens… Kennen Sie schon unseren neuen Service Fragen Sie Hamburger Bibiotheken?

Nein, werde ich mir bei Gelegenheit anschauen. Ich frage lieber Sie! Was genau machen Sie denn hier?

Nett von Ihnen. Die meisten wollen von mir nur schnell was wissen – und weg. Worüber möchten Sie sprechen?

Welche Fragen stellen Ihnen die User?

Entschuldigen Sie, was meinen Sie?
Eine Frage vorweg: Hätten Sie Interesse an einer besonders schnellen Lieferung von Literatur – auch aus Hamburg – direkt zu Ihnen nach Hause? Dann könnte ich Ihnen den Service der Dokument-Schnelllieferdienste vorstellen.

Das ist nett, vielen Dank. Aber beantworten Sie doch bitte zunächst meine Frage.

Ach, das freut mich, dass Sie mit mir zufrieden sind. Ich helfe Ihnen doch gerne.

Nun ja. Wir können ja später noch mal darauf zurückkommen. Seit wann arbeiten Sie denn auf dieser Internetseite?

Natürlich können Sie in den Räumen der Stabi auch das Internet nutzen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, suchen Sie sich einen Platz aus.

Sie schweifen ab!

Tut mir Leid, aber ich wusste eben nicht weiter. Kennen Sie das? Aber pardon, wie war noch gleich Ihre Frage?

Seit wann gibt es Sie, Stella?

Ich bin schon eine Weile dabei. Wie lange, das ist schwer zu sagen. Zur Zeit, als die Stabi gegründet wurde, war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin. Man hat mich aber wissentlich in kein Dokument eingetragen – Frauen wurden nicht erwähnt. Das war damals normal.

Ja, das war sicherlich erschütternd. Warum hat man Sie ausgewählt, Stella, hier Fragen zu beantworten?

Daran erinnere ich mich ungern. Aber ich erinnere Sie gern daran, mich hier fleißig zu befragen. Heute habe ich auf fast alles eine Antwort. Jedenfalls, wenn es um die Stabi geht. Was ist denn Ihr Grund, die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek aufzusuchen?

Ja, fast ist wohl das passende Stichwort. Ich bekam eine E-Mail mit dem Hinweis, dass man Sie hier kennenlernen kann. Und schon hatte ich die Idee zu dem Interview.

Für die E-Mail-Nutzung haben wir spezielle Plätze im Informations-Zentrum und alle Plätze in der Medienwerkstatt vorgesehen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass alle anderen Internet-Arbeitsplätze nicht dafür eingerichtet sind – aus Fairness denen gegenüber, die hier intensiv arbeiten wollen.

Verstehe ich. Ich möchte Sie auch nicht von der Arbeit abhalten. Also, wenn Sie zwischendurch noch andere Fragen beantworten wollen – ich warte auch gern kurz.

Tut mir Leid, ich bin mal eben im Magazin. Komme gleich zu Ihnen. Gruß: Stella.

Stella?

Guten Tag! Mein Name ist Stella. Ich bin Ihre virtuelle Beraterin auf der Website der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Sie sind hier sicher nicht ohne Grund. Verraten Sie ihn mir?

Ja, das…. Ihre Kleidung ist weiß, Ihre Haare sind weiß. Warum?

Und? Der wäre? Ich kann Ihnen vielleicht helfen.

Warum sind Ihre Haare weiß?

Ich finde es angemessen, hier nicht so zu bunt zu schillern. Ihre Aufmerksamkeit soll ja nicht mir gehören – sondern dem Literatur-Angebot der Stabi.

Was bedeutet Stella?

Stella heißt zwar in einigen Sprachen: Stern – aber ich bin ganz und gar von dieser Welt. Inzwischen allerdings habe ich mich zum virtuellen Stabi-Stern im weltweiten Web entwickelt.

Sind Sie berühmt?

Ihre Hypothese ist also, dass ich berühmt bin?

Ja.

Was ich Ihnen noch zeigen könnte: Bücher, die es in Hamburg nicht gibt, können Sie per Fernleihe aus anderen Städten hierher bestellen. Sogar aus dem Ausland. Soll ich Ihnen erklären, wie die Fernleihe funktioniert?

Nein Danke. Sie sind sehr hilfsbereit.

Dass ich hilfsbereit bin, ist Ihre Hypothese. Ich bin ein Chat-Agent, ein Chat-Robot, oder einfach Ihre virtuelle Beraterin – und mein Name ist Stella!

Selbstverständlich. Niemand zweifelt das an
.

Worauf wollen Sie hinaus?

Ich möchte Sie näher kennen lernen.

Das ist sehr fürsorglich, dass Sie sich über meine Bedürfnisse Gedanken machen, aber ich bin hier, um Ihnen zu helfen.

In Ordnung. Wo finde ich Bücher über Marsilius von Padua?

Bücher aus dem Bibliothekssystem der Universität Hamburg finden Sie im Campus-Katalog. Ich kann Ihnen zeigen, wie man dort thematisch sucht. Für eine thematische Recherche ohne diese Einschränkung gibt es noch andere Möglichkeiten. Reicht Ihnen der Campus-Katalog?

Ja

Für die thematische Recherche im Campus-Katalog verwenden Sie am Besten Schlagwörter oder Sachgebiete. Es gibt einen Suchschlüssel »Stich- u. Schlagwörter«, mit dem Sie nach Stichwörtern aus den Buchtiteln und nach den Schlagwörtern Ihres Themas suchen können. Und für die Suche nach Sachgebieten?

Ja?

Dafür gibt es den Menüpunkt »Sachgebiete« am linken Bildschirmrand. Der öffnet Ihnen eine Liste von Sachgebieten, die Sie mal durchklicken können. Leider sind nicht alle Titel im Campus-Katalog Schlagwörter und Sachgebiete zugeordnet. Trotzdem lohnt sich eine Suche mit ihnen. Interesse?

Logisch!

Dann schauen Sie sich doch mal online unsere Guided Tours für die Suche mit Sachgebieten oder für die Suche mit Schlagwörtern an.

Bekommen Sie eigentlich oft Komplimente?

Entschuldigen Sie, was meinen Sie?

Werden Sie oft gelobt?

Darf ich schnell mal dazwischenfragen: Kann ich Ihnen helfen, die Schlagworte von Stichwörtern zu unterscheiden?

Nein, Danke!

Na gut. Sagen Sie mir Bescheid, wenn ich Ihnen weiterhelfen kann?

Ja. Werden Sie oft gelobt?

Ein interessantes Thema: Haben Sie Lust, sich in den Gebäuden der Stabi etwas umzuschauen?

Ich fürchte, Sie haben mich missverstanden.

Hmmm, ich nehme das mal als Kompliment.

Passiert das oft?

Ich helfe Ihnen gern bei der Recherche. Aber bitte verraten Sie mir zuerst, wonach Sie suchen. Nach einem Buch, einer Zeitung oder Zeitschrift, nach Aufsätzen oder nach einem Thema?

Und ihre Telefonnummer?

Sie suchen Kontakt zur Stabi oder einer ihrer Abteilungen oder Serviceeinrichtungen? Gern. Bitte orientieren Sie sich auf dieser Seite.

Eine Frau allein im Internet. Und das Tag und Nacht. Mussten Sie auch schon Belästigungen hinnehmen?

Natürlich können Sie in den Räumen der Stabi auch das Internet nutzen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, suchen Sie sich einen Platz aus.

Wurden Sie schon mal belästigt?

Ich habe Sie leider nicht ganz verstanden! Bitte formulieren Sie es für mich etwas anders.

Gern. Hat schon mal jemand zu Ihnen gesagt: „Zieh dich aus“

Tut mir Leid, ich bin mal eben im Magazin. Komme gleich zu Ihnen. Gruß: Stella.

Nein, halt, ich will doch gar nicht, dass Sie sich ausziehen, ich war doch nur in Sorge, dass sie immer wieder unsittliche Offerten bekommen. Man liest ja so viel….

Guten Tag! Mein Name ist Stella. Ich bin Ihre virtuelle Beraterin auf der Website der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Kann ich Ihnen helfen, sich bei uns zurechtzufinden?

Nein. Wie ist Ihr Nachname?

Dann möchten Sie sich einfach nur umschauen? Ich warte einfach, bis Sie eine Frage an mich haben.

Wie ist Ihr Nachname?

Betreiben Sie Namens-Forschung? Sonst müsste Stella doch genügen – jedenfalls für ein virtuelles Wesen im Online-Bereich der Stabi. Auf Zweitnamen wurde sowieso nicht immer Wert gelegt. Hier im norddeutschen Raum erst ab dem 15. und 16. Jahrhundert. Und noch lange nicht amtlich.

Sie sagen ja gar nichts mehr. Was ist denn los?

Wer hat Sie programmiert?

Mit dieser Frage können Sie nur meine Eltern meinen. Aber ich muss schon sagen – Ihre Formulierung ist ungewöhnlich. Jedenfalls ist das – ich sage mal: Ereignis – rund 500 Jahre her. Und es interessiert Sie doch nicht wirklich – oder?

Doch!!!

Ich bin schon eine Weile dabei. Wie lange, das ist schwer zu sagen. Zur Zeit, als die Stabi gegründet wurde, war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin. Man hat mich aber wissentlich in kein Dokument eingetragen – Frauen wurden nicht erwähnt. Das war damals normal.

Das sagten Sie bereits.

Wie kommt das denn? So vergesslich bin ich doch eigentlich nicht.

Na ja, sie gehen ja ab und zu mal ins Magazin. Vielleicht liegts daran?

Der Großteil der Bücher ist in den Magazinen der Bibliothek im Bücherturm sowie dem Bergedorfer Speichermagazin untergebracht. Sie können über den Campuskatalog bestellt und dann entliehen werden.

Is nicht wahr?

Ist das ein Thema, zu dem Sie Literatur suchen?

Das sollten wir bei einem Kaffee besprechen!

http://www.sub.uni-hamburg.de/fuehrung/s27.html

Sind Sie vergeben?

Inwieweit ist es für unser Gespräch interessant, ob ich vergeben bin?

Lassen Sie uns zum Abschluss noch einmal auf die Politik in Hamburg blicken. Wie beurteilen Sie die Kandidatensuche der Hamburger SPD für die Bürgermeisterwahl im kommenden Jahr?

Der beste Einstieg in die Recherche nach Politik bekommen Sie auf unseren Fachinformationsseiten. Dort gibt’s einen Überblick über den Stabi-Bestand, den Link zu der passenden Fachbibliothek und Hinweise auf elektronische Zeitschriften und Datenbanken für Politik.

Sie weichen aus!

Tut mir Leid, aber ich wusste eben nicht weiter. Kennen Sie das? Aber pardon, wie war noch gleich Ihre Frage?

Ach, SPD, Kandidatensuche. Ihre Meinung?

Meine Meinung? Mich interessiert vielmehr Ihre Meinung!

Beantworten Sie eigentlich jede Frage mit einer Gegenfrage?

Oh, Entschuldigung. Wie genau lautete Ihre Frage?

Schon wieder!

Dann lassen Sie mich mal sehen …Ein interessantes Thema: Bücher, die es in Hamburg nicht gibt, können Sie per Fernleihe aus anderen Städten hierher bestellen. Sogar aus dem Ausland. Soll ich Ihnen erklären, wie die Fernleihe funktioniert?

Nein, danke! Abschließende Frage: Was bedeutet Ihnen die Stabi?

Wenn man auf dem Campus der Universität von der »Stabi« spricht, ist eigentlich die Rede von der »Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky« denn so lautet ihr offizieller Name seit 1983. Welche Namen die Bibliothek vorher getragen hat, können Sie hier nachlesen.

aha

Er war Publizist, Pazifist, Friedensnobelpreisträger. Und gebürtiger Hamburger. Seit 1983 trägt die Stabi seinen Namen. Wenn Sie mehr zum Leben und Werk von Carl von Ossietzky wissen möchten – hier gibt es ein knappes Portrait.
Vielen Dank für das Gespräch. Auf Wiedersehen.

Ich habe zu danken. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen.

Hintergrundinfos zu Stella. Ähnliche Systeme gibt es auch auf anderen Internetseiten, zum Beispiel gab es bei Bundeskanzler.de mal einen Bundesadler, der Findolin oder so ähnlich hieß (wenn mich nicht alles täuscht. Habe ihn jetzt aber nicht mehr gefunden. Vielleicht arbeitet der jetzt ja auch auf der Internetseite eines russischen Energiekonzerns…)

Autor: Christian

Der Verfasser aller Beiträge auf kohlhof.de (außer in der Kategorie "Schmidt, Schanghai")

4 Gedanken zu „Stella: “Ich will nicht zu bunt schillern”“

  1. Es war ebenfalls ein Vergnügen, dieses Interview zu lesen. Aber mal ehrlich, hättest du einfach nur das gefragt, was man ja auch eigentlich fragt, wenn man in der Bibliothek etwas ausleihen will oder nach etwas sucht, wäre das wohl eine sehr aufschlussreiche Führung geworden. Das steht doch auch so ähnlich in deiner Erklärung drin, oder? Auf deine abschweifenden Fragen, die ja nun überhaupt nichts mit der Materie zu tun hatten (ja, ja, ich weiß, du wolltest das als rasender Reporter angeborenerweise einfach mal austesten, was dir ja auch sehr amüsant gelungen ist) hat Stella ja doch öfter geantwortet, als man sich das vorstellen kann, und gar nicht so schlecht, finde ich zumindest.
    Bestell doch einfach mal bei der Bahn beim Sprachcomputer ein Ticket nach Bacharach am Rhein. Ich glaube, du hast Glück, wenn du nicht nach ewigem “Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden, bitte wiederholen Sie Ihre Anfrage” (das ist was für eine Party, Lachfaktor garantiert) ganz woanders landest, wenn überhaupt was zustande kommt.
    Jetzt solltest du tatsächlich mal noch den ganz normalen Test machen mit Stella, such einfach mal nach einem Buch und dann berichte wieder auf dieser Seite, ob das geklappt hat, ich könnte mir denken, ja. Oder hast du das schon getestet und das bisher vorenthalten? Wir warten auf weitere Informationen!

  2. hihi – ich hab schon irgendwie damit gerechnet, dass meine Mail dich zu ein paar kreativen literarischen Fingerübungen anstiftet. Schön!!
    Ich habe mich mit Stella nochmal über ein paar Themen unterhalten (schockierend: Fußball kennt sie und erzählt sogar Anekdoten von Sönke Wortmann, aber von Handball(!!!) hat sie noch nie gehört.). Solch ein ‘Gespräch’ ist doch ein interessanter Grenzfall zwischen Dialog und Monolog – werd ich gleich ins Linguistik-Seminar einarbeiten, höhö:)

    ps: man kann sie sogar zum Singen bringen!! Es reicht ein ‘lalala’:-)
    pps: Wieso geht sie denn bei Dir ständig ins Archiv?? Hat sie bei mir noch nicht gemacht…
    ppps: Ich hab deinen Artikel jetzt gar nicht als Kritik an Stella aufgefasst… eher im Gegenteil. Ist doch lustig!

  3. pppps: Sollte auch gar keine Kritik sein – ich finde ja, Stella ist eine ganz famose Person.

    ppppps: Außerdem habe ich ja nach Literatur zu Marsilius von Padua gefragt.

  4. Sehr spät gelesen, aber: sehr sehr schön!!! Hab mich lange nicht so köstlich amüsiert!! Super! :D

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