Eispilze in Schwerin

Wie eine Wiese mit Eis-Champignons: Am Franzosenweg haben Frost, Sturm, Gischt und Gras eisige Pilze erschaffen: Zapfen, die von unten wachsen.

Die Woche im Bild

Die Bilder der Woche – unter anderem aus der mitteldeutschen Eiswüste und mit hilfsbedürftigen Comichelden.

Das Auge liest mit

Leipzig. Buchmesse. Man braucht zum Auftakt immer eine Art Wiedereingliederungsphase. Wenn einen der Besucherstrom in die Hallen mitspült und dann gewissermaßen mitten im Getümmel ausspuckt, dann braucht man ein paar Minuten, um sich an diesen wogenden Wahnsinn zu gewöhnen.

Wie eine Sturmflut umspülen die Besucher die Buden, schwappen in den hintersten Winkel der Auslage. Die Flut beginnt um 10 und endet um 17 Uhr. Ebbe ist nur in der letzten Stunde. Wo ein bekannter Name angekündigt wird, entsteht eine Springflut.

Man versucht zu überleben, bemüht sich, aufs Wesentliche zu achten, aber das fällt nicht immer leicht. Da sind immer wieder die dicken Manga-Mädchen, an denen man sich vorbeizwängt. Detailliert kostümiert wandern sie zur Halle mit dem Comic-Buch-Fan-Treffen. Oder diese Herren. Herren mit wallender, wirrer grauer Mähne, in Tweed-Jackets, die es als ihre Verpflichtung verstehen, stets über den Rand ihrer Brille hinweg die Messemassen zu mustern. So schreiten sie mit gesenktem Kopf und weit aufgerissenen Augen durch die Gänge.

Ausklappbare Buchseite mit gezeichnetem Storch.
Klappen gehört zum Handwerk.

Irgendwann beachtet man sie nicht mehr – und dann liegt plötzlich die Schönheit des gedruckten Wortes vor einem. Als Pfeilstorch. „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“. Ein Buch über Tiermeldungen aus zwei Jahrtausenden. Titelheld ist dann auch noch der Rostocker Pfeilstorch, der einst als Beweis für den Vogelzug diente, weil der Vogel mit einem Geschoss afrikanischen Ursprungs im Halse bis in unsere Breiten flog. Das berühmte Tier verwahrt heute die Uni Rostock – und die Geschichte mit Zeichnung zum Ausklappen ist nun Teil des „Merkwürdigkeiten“-Buches vom Verlag Kunstanstifter (Kunstanstifter, Halle 5 F213).

Oder „Der Atlas der verschwundenen Länder“ – Björn Berge erzählt anhand seiner Briefmarkensammlung Geschichten von Ländern, die es unter diesem Namen längst nicht mehr gibt (dtv, Halle 4 A201/B200).

Manchmal reicht auch ein Kartenspiel. „Monster!“, ein literarisches Trumpfkartenspiel. 30 Ungeheuer und Monstrositäten aus 300 Jahren Weltliteratur treten gegeneinander an. Die Kategorien: Alter, Gerissenheit, Brutalität. Der Leviathan trifft auf den Hund von Baskerville und den Prager Golem (Homunculus-Verlag Erlangen, Halle 5 F119).

Brutalität ist Trumpf.

Und dann gibt es noch die Stiftung Buchkunst – sie zeichnet Bücher aus, bei denen nicht zwangsläufig der Inhalt, wohl aber die Aufmachung besonders lobenswert sind. Wer will es bezweifeln: Das Auge liest mit. An ihrem Stand wird deutlich, was gestalterisch weltweit möglich ist. Hier wird sogar das am besten aufgemachte Buch prämiert. Die Wettbewerbsexemplare liegen zur Ansicht aus. Randnotiz: Ausgerechnet beim Buch über das Falten, Falzen, Knicken und Binden hat die Bindung nachgegeben. (Stiftung Buchkunst, Halle 3 D500).

Bindungslücke – ausgerechnet beim Buch…
… übers Heften und Binden.

Die schönen Seiten der Buchmesse

Juli statt April: Ersatzbusse XXL

Eisrauschen

Der richtig knackige Frost kommt wohl noch in der nächsten Woche. In der Zwischenzeit schiebt der Wind auf dem Schweriner See die Eisschollenreste haufenweise ans Ufer: Dünne, teilweise glasklar wirkende Splitter und Platten, die geräuschvoll aneinanderschubbern.

So klingts – und so siehts aus:

Bunte Tonnenprügelei

In Born am Darß ist nicht nur im Sommer Tonnenabschlagen, sondern auch im Februar. Jeweils am dritten Sonnabend im Februar trifft sich eine besonders bunte Schar, die mit Knüppeln bewaffnet um den Titel des Tonnenkönigs wetteifert.

Beim Fastnachtstonnenabschlagen gibts zunächst einen bunten Festumzug durch den Ort, und dann treten sowohl Reiterinnen und Reiter, als auch entschlossenes Fußvolk an. Einzige Voraussetzung: Verkleidung muss sein. Zwischendurch ruft die ganze Festwiese “Gut Schluck! Gluck, gluck!” Unter Gejubel und Applaus und ja: auch Gelächter hunderter Zuschauerinnen und Zuschauer gehts dann jeweils einem baumelnden, bunt bemalten Holzgefäß ans Rund. Der Spannungsbogen beim Tonnenabschlagen verläuft dabei wohl in der Regel so: Zunächst können die kühnen Reiter auf das Faß einschlagen, wie sie wollen – es scheint nichts zu passieren. Es baumelt einfach nur wild hin und her. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Spiltter fliegen, Dauben purzeln, Reifen bersten. Aber irgendein Stück Holz bleibt gefühlt ewig hängen. Da ein Tonnenabschlagen erst dann vorbei ist, bis das komplette Fass vom Haken heruntergeprügelt worden ist, zieht es sich dann doch etwas. In diesem Jahr hat ein reitender Teufel den letzten Schlag gesetzt – und darf sich nur Tonnenkönig nennen – gemeinsam mit einem übergewichtigen Engel, der beim zweiten Durchgang den alles entscheidenden und somit abschließenden Knüppel-Angriff auf die Tonne gestartet hatte.

Boltenhagen: Leichenteile am Strand

Ein Kopf, ein paar Meter weiter ein Torso, daneben skelettierte Körperteile samt Schädel. Spaziergängern am Strand von Boltenhagen boten sich heute an manchen Abschnitten Bilder des Grauens. Jedes für sich ein erschütterndes Überbleibsel namenloser Gewalt. Die Aufregung hielt sich dennoch in Grenzen – man stumpft eben ab.

Krebsschale im Seetang am Strand von BoltenhagenFischgräte am Strand

„Der Zug verkehren“ oder auch nicht

Ich habs genau geprüft. Heute früh um 5:30 habe ich im DB-Navigator zum ersten Mal gecheckt, wie denn die Chancen sind, heute früh mit dem Zug von Hannover nach Schwerin zu kommen. Sagen wir es so: Es sah unverdächtig aus.

Ich habe mich auf den Weg zum Hauptbahnhof gemacht. Und noch immer in der Fahrplanauskunft: Kein Hinweis auf Verspätungen oder gar Schlimmeres. Allerdings im dritten Buchungsschritt dann doch ein kleines Hinweisschildchen:

“Der Zug verkehren zwischen Karlsruhe nach Frankfurt(Main)Hbf.” Nun gut, Da fährt der fragliche IC sowieso nicht lang, er startet in Kassel Wilhelmshöhe. Man überlegt also kurz, ob man dem Frieden trauen kann, wirft alle Bedenken über Bord und kauft ein Ticket, geht hoch zum Bahnsteig und triff dort: einen “Bahnsteigkoordinator”. Er hat sogar eine grüne Leuchtweste an, auf der dieses Wort steht.

Über ihm hängt die Infotafel – und dort wiederum steht leuchtend weiß auf Samtblau der Satz des Tages: “Zug fällt aus”.

Aber der Koordinator hat einen Tipp: Schnell rüber zu Gleis 3 und in den Regionalzug von Metronom einsteigen, nach Uelzen fahren und dort in einen weiteren Metronom nach Hamburg umsteigen. Guter Tipp. Findet aber nicht jeder: