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	<title>kohlhof.de &#187; Shanghai</title>
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		<title>&#8220;Juhu, kein Ami!&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Nov 2008 20:32:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Schmidt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schmidt, Shanghai]]></category>
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		<description><![CDATA[Schmidt in Shanghai: Der vorerst letzte Versuch &#8211; und was man für 60 Euro alles mit sich machen lassen kann oder muss. Ein paar Tage vor dem Rauswurf aus der Volksrepublik China versuche ich, zusammen mit der Sekretärin, in Shanghai noch einmal mein Glück bei den Behörden. Dort gibt es ein deutsches Konsulat, und wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Schmidt in Shanghai: Der vorerst letzte Versuch &#8211; und was man für 60 Euro alles mit sich machen lassen kann oder muss.</strong></p>
<p><span>Ein paar Tage vor dem Rauswurf aus der Volksrepublik China versuche ich, zusammen mit der Sekretärin, in Shanghai noch einmal mein Glück bei den Behörden. Dort gibt es ein deutsches Konsulat, und wir werden vorstellig, erst einmal indem wir uns plump davor stellen. Im Mute der Verzweiflung warte ich bis zur Öffnung, denn meine Situation gebietet mir nicht viele Optionen im Moment. Demnach denke ich wie die Biathletin und Vorzeige-Anglistin Uschi Disl, die einst zur Presse sagte: „Now can come what wants“. Aber man weist uns am Tor rüde ab und meint, ein Konsul sei zu Besuch gekommen. Na gut, das ist normal in einem Konsulat, denken wir. Jedenfalls keine Audienz. Der Wärter fragt mich durch seine Zahnlücken: „You America?“ – „No!“ – „Good!“ </span><span id="more-1263"></span><span>- Verwirrend, kurz, postmodern, aber wahrheitsgemäß. Dabei erinnere ich mich Dank meines kindlichen Gemütes an die alten „Ghostbuster“-Filme und frage mich, ob die aus dem Wasser stapfende Freiheitsstatue „Miss Liberty“ von New York diese Frage des Wärters vielleicht bejaht hätte. Wir könnten später anrufen, meint er. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Gut, wir müssen also ein wenig die Zeit tot schlagen, ganz un-brutal. Das Konsulat ist direkt am berühmten „Bund“, der Flaniermeile in Shanghai, auf der Fuchs und Feuerstein angeboten wird, vor allem nutzloser, quietschender, dudelnder Müll in Neonfarben, wenn man ehrlich ist. Als Europäer ist man hier nicht allein, viele andere Ausländer leben hier und auch ihnen wird viel angeboten. Trotzdem die chinesische Sekretärin neben mir geht, stürzen sich dennoch alle Nase lang aufdringliche Halbschattengewächse mit ihren „Produkten“ an meine Brust. Folgender Dialog findet statt:</span></p>
<p class="MsoNormal"><span>„Hey Mister“ – (gedacht: No!), gesagt: „No!“ – „Hey, Mister! </span><span>Watch?“ – (gedacht: Mensch, hau ab!) gesagt: „No, I need no watch.“ – „Bag?“ – „I have a bag. </span><span>No!“ – „Shoes?“ – “I have shoes. No!” – “Watch?” – (gedacht: Alter, verpiss Dich, ich weiß schon allein, wann ich ´ne Uhr kaufen will, dafür brauche ich doch Deinen Rat nicht!) gesagt: „Fucking nooo!“ – „Romantic Lady Massage? 60 Euros!“ – (gedacht: Wie bitte? Dat ging jetzt aber ´n bisschen flott, aber warte mal, mhh ….) gesagt: „Romantic, of course! Nooo!“ – Puh, er ist weg. Aber da kommt sein Schwager – „Hello Mister! Watch?“ – (gedacht: So, nun versuchen wir mal was ganz Billiges), gesagt: „Gegenfrage: Police?“ – Der Schwager ist weg. Mensch, geht doch. Die Sekretärin kann sich kaum halten vor Lachen. Das hat zwar kein Geld, aber ein paar Nerven gekostet. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Dann haben wir uns genug die Promenade am Fluss angeschaut, der dreckig dahin dümpelt, und außer Fotos von Hochhäusern oder Fotos von Leuten die Hochhäuser fotografieren, kann man dort zumindest nichts Sinnvolles machen. Da wir auch keine Lust auf Essen haben, vermeiden wir den gegrillten Mist am Spieß, der an rostigen Karren an jeder Kreuzung durch altes Soja-Fett seinen Weg in unsere Nasen findet, und versuchen einen Anruf bei der Botschaft vom Hotelzimmer aus. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Niemand nimmt ab, aber man verweist auf die Nummer der Botschaft in Berlin. Gut, denken wir. Bei meinem letzten Besuch dort konnte ich keinen der Mitarbeiter ernsthafte Fragen stellen, keiner sprach in irgendeiner Form annehmbares Englisch oder Deutsch. Gut, also lasse ich die Sekretärin anrufen, sie macht den Lautsprecher an, und ein alter, ruhiger Mann meldet sich auf Deutsch. Die Sekretärin fragt, ob er Chinesisch oder Englisch spreche. Der Mann, angeblich also der Leiter der Visastelle, antwortet in langem Berliner Dialekt: „Ne, ne, ne, Fräulein. Auf Wiederhören“. Das gibt es doch gar nicht. Die Botschaft hat uns doch nicht an den Hausmeister oder Koch vermittelt, oder? Die Sekretärin schaut verdutzt, ich auch, und ich brülle zur Überraschung der Sekretärin schnell quer durch das Hotelzimmer: „Moment, Moment mal!“ – Dann ein tatsächlich klares deutsches Gespräch. Klare Informationen. Auch leider klare Sache in meiner Angelegenheit: Keine Hoffnung hier, ich muss raus aus dem Land. Seine Frage am Schluss: „Also, sie sind kein Amerikaner? Auch nicht mit doppelter Staatsbürgerschaft?“ – „Nein, gar nicht!“ – „Gut!“.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Ich schaue später noch einmal zufällig auf die Bedingungen für chinesische Visa im Internet, und da finde ich eine interessante Klausel über die Kosten. Für manche Visa nach China gilt die lustige, überhaupt nicht nach chinesischer Willkür klingende Besonderheit: „Ausländer“: 30 Euro, „US-Bürger“: 90 Euro. Juhu, denke ich, kein Ami! Also 60 Euro gespart. Und, ob ich will oder nicht, plötzlich ist da wieder der Preis für die „Romantic Lady Massage“ in meinem Kopf, den ich schon beinahe wieder vergessen hatte. Naja!</span></p>
<p class="MsoNormal"><em><a href="http://www.myspace.com/schmidtcarsten">Carsten Schmidt</a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a href="http://www.miescha.de/">miescha.de</a>.</em></p>

	Schlagwörter: <br /><a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/botschaft/" title="Botschaft" rel="tag">Botschaft</a> - <a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/china/" title="china" rel="tag">china</a> - <a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/shanghai/" title="Shanghai" rel="tag">Shanghai</a><br />
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		<title>Aus der Traum</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Oct 2008 22:50:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Schmidt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schmidt, Shanghai]]></category>
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		<description><![CDATA[Schmidt in Shanghai: Einfach nur kafkaesk „Ouahh“ ist nicht die Antwort auf die Frage, wie man Orang-Utan in Nanjing sagt, sondern ein Gähn-Laut, den ich nach getaner Arbeitslosigkeit neulich Abend tat. Kurz zuvor sah ich noch die Sekretärin meines Chefs in der Gemeinschaftsküche erkältet am Teeglas haften und mir sagen hören: „Herr Schmidt, ich glaube, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Schmidt in Shanghai: Einfach nur <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kafkaesk">kafkaesk</a><br />
</strong></p>
<p>„Ouahh“ ist nicht die Antwort auf die Frage, wie man Orang-Utan in Nanjing sagt, sondern ein Gähn-Laut, den ich nach getaner Arbeitslosigkeit neulich Abend tat. Kurz zuvor sah ich noch die Sekretärin meines Chefs in der Gemeinschaftsküche erkältet am Teeglas haften und mir sagen hören: „Herr Schmidt, ich glaube, ihre Aufenthaltsgenehmigung macht gute Fortschritte. Morgen früh telefoniere ich ein wenig, und dann, glaube ich, kann ich Ihnen gute Nachrichten bringen“. Fein, also eine prima Voraussetzung um einzuschlafen. Gegähnt, getan. </p>
<p><span id="more-1179"></span></p>
<p>Tiefer Schlaf umflimmerte mich und – Zack! – sah ich mich als Einzelkämpfer auf einer tropischen Insel zusammen mit Douglas Adams seltene Fledermäuse fotografieren, so gut man Fledermäuse eben beim Fliegen fotografieren kann. Er fragt mich wie ich finde zu Recht: „Was machst Du in meinem Traum?“ &#8211; „Na ich lese gerade ihr Buch, Herr Adams, also lassen sie mich doch ein wenig. Es ist ja nur ein Traum!“ – „Na gut, dann helfen sie wenigstens, eine Toilette für meine Foto-Assistentin zu finden, die muss schon seit Mauritius auf ´n Topf“, meint er, und so ich darf mit seiner britischen, rotgelockten Fotografin namens Heather zusammen auf einem afrikanischen Elefanten in den Sonnenuntergang reiten. Ich erzähle ihr unter dem harten Ruckeln auf dem weichen Rücken des grauen, sanften Tieres, dass die afrikanischen Elefanten verdammt schwer abzurichten seien und sie deshalb bei den alten Tarzan-Filmen indische Artgenossen mit angeklebten großen, eben afrikanischen Ohren, genommen hätten. Die Fotografin antwortet: „Das steht doch alles in Adams Buch“. Mist, denke ich. Wir wackeln weit aus dem Wald. Staubige Straßen, rostbraune Erde, riesige Savanne. Endlich ein Toilettenschild, wie es sich gehört mitten in der Savanne. Wir stehen kurz danach vor einer Bambushütte, die eine chinesische Fahne trägt, und ich gleite vom Elefanten herab. Die Assistentin eilt hinein und Douglas Adams raucht bedächtig. Er bietet mir drei Mal eine an, und ich denke, gut, es ist nur ein Traum, und rauche mit. Nach einer Weile sagt Douglas: „Geh mal nachsehen, ob sie heute noch fertig wird, wir müssen wieder zurück bevor es dunkel ist“. Abgemacht, meine ich, und poltere in die Bambushütte, aber da ist keine Toilette.</p>
<p>Ich sitze auf einmal auf einem Stuhl, mir gegenüber ein lachender Sessel-Pupser-Chinese mit dreckiger alter Uniform. Er hält etwas in seiner Hand, das wie mein Pass aussieht. Er raucht und bläst den dünnen, ekligen Qualm durch seine Zahnlücken in einen von zermatschten Fliegen klebenden Ventilator. Ich schaue links und rechts von mir, ob irgendwo Silvester Stallone als Rambo mich rettet, aber der Beamte sagt in fließendem Chinesisch: „Hahaha“. Und ich frage, was das heißt. Er lacht lange weiter, wischt sich mit dem Pass den Schweiß aus dem Nacken und sagt: „Sie können hier nicht bleiben, Herr Schmidt. Sie haben nicht genug zu bieten, damit sie uns überzeugen können. Haben sie den roten Umschlag mit?“ – „Nein, wie, was für einen Umschlag?“ – „Dann können wir mit unserer überaus demokratischen, freien, chinesischen Kollektiv-Einstellung nichts für sie kapitalistisches Individuum tun“. Es wird dunkel um uns. Das Wort „tun“ hämmert und echot in meinem Kopf herum, tun, tun, tun, tun, tun.</p>
<p>Ich wache mit Kopfschmerzen auf und schüttele mich vor lauter Schreck über diesen Unfug. Welch ein Nebel in meinem Kopf. Es ist schon hell, und 2 Aspirin später döse ich noch ein wenig den Elefanten und der britischen Fotografin hinterher, die sich so erfolgreich verpieselt hatte. Es klopft an der Tür. Die Sekretärin vom Boss steht da, zwar nicht in einem Bambushäuschen, aber auch sie hält meinen Pass in der Hand. Sie gibt ihn mir ganz langsam, mit gesenktem Kopf. In der anderen Hand hält sie 5 meiner vielen abgelieferten Passfotos, und ihre Worte klingen sehr schummerig in meinem Ohr: „Herr Schmidt, es tut mir leid, die Aufenthaltsgenehmigung für sie wurde abgelehnt. Sie müssen in ein paar Tagen nach Deutschland ausreisen. Von dort müssen sie neue Dokumente und ein neues Visum beantragen“. In einer ganz vorsichtigen, bedächtigen Geste gibt sie mir auch die Passbilder und ich schließe ebenso bedächtig und mit gesenktem Kopf die Tür, als hätten wir uns aus Traurigkeit beide voreinander verbeugt. </p>
<p>Ein vorläufiger, sanfter Rauswurf aus dem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.</p>
<p><em><a href="http://www.myspace.com/schmidtcarsten">Carsten Schmidt</a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a href="http://www.miescha.de/">miescha.de</a>.</em></p>

	Schlagwörter: <br /><a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/china/" title="china" rel="tag">china</a> - <a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/shanghai/" title="Shanghai" rel="tag">Shanghai</a><br />
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		<title>Versöhnung und Vandalismus</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Oct 2008 10:35:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Schmidt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schmidt, Shanghai]]></category>
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		<category><![CDATA[Party]]></category>
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		<description><![CDATA[Schmidt in Shanghai: als versöhnlicher Gastgeber, Dekorateur und Waschmaschinengewicht. Der achte Blog wird, wie die chinesische Zahlenphilosophie es vorsieht, das Glück zurück bringen. Ich habe meinen Frieden mit dem Land China gemacht, auch wenn der Spruch abgedroschen ist. Wenn das Land jedoch nur in Mäuseschritten auf einen zukommt, dann muss man eben selbst einen größeren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Schmidt in Shanghai: als versöhnlicher Gastgeber, Dekorateur und Waschmaschinengewicht.</strong></p>
<p>Der achte Blog wird, wie die chinesische Zahlenphilosophie es vorsieht, das Glück zurück bringen. Ich habe meinen Frieden mit dem Land China gemacht, auch wenn der Spruch abgedroschen ist. Wenn das Land jedoch nur in Mäuseschritten auf einen zukommt, dann muss man eben selbst einen größeren Schritt wagen und den Menschen, mit denen ich hier am meisten zu tun habe, entgegen eilen.</p>
<p> Musik und Mampfen sind international, also dachte ich mir, ich schmeiße eine Party mit Essen und Liedern, dann wird schon ein Stück geschafft werden. Wer sollte etwas gegen solche Schleimereien sagen können? Ganz besonders freue ich mich, mecklenburgische Eierkuchen zu machen. In der Küche drehe ich zum Test am Gasherd, aber nichts passiert. Ich schaue in allen Luken links und rechts davon nach, aber keine Gasflasche. Der Hausmeister bringt später zwar eine, aber auch er bekommt die Sache nicht zum Laufen. Nun gut, es wird dann auch mit Snacks gehen, gehen müssen. Meine Kollegin half mir beim Einkaufen, und so brachten wir alles Mögliche in unser neues großes Büro und bereiteten eine Party vor.</p>
<p>Der Erfolg kam, das Eis brach, die Menschen freuten sich. Na also, es geht! Es wurde geklatscht, gesungen, gelacht und auch getanzt. Chinesisch, Deutsch und Englisch waren dabei, sogar Plattdeutsch habe ich gewagt, mit dem Lied „Dat du min Leevtsen büst&#8221;. Für uns ist es kaum vorstellbar, wie ähnlich sich die Sprachen in einem asiatischen Ohr anhören, und die Zuhörer kaum merken, wenn man von Deutsch auf Englisch wechselt. Dennoch war es wohl eine gute Idee, es kamen viel mehr Gäste als wir dachten, und so mussten von weit her Stühle herbeigezaubert werden, es wurden chinesische Olympiahymnen mit Hilfe von Laptop-Karaoke geschmettert und angeblich berühmte deutsche Fußballlieder gespielt, die uns aber nur vom Namen etwas sagten. Die Snacks waren schnell verputzt, Sonnenblumenkerne und Sesambrösel waren hier der Renner, auch neongrüne Trend-Getränke wurden angenommen, obgleich sie wohl anderenorts als Industriekleber genutzt werden können. Eine sehr schöne Party, rundherum. Viele der jungen Damen und Herren waren recht aufgeregt und plapperten noch später aufgeregt darüber.</p>
<p>Der Morgen danach war mit Aufräumarbeiten gefüllt. Also fix aufgestanden, noch eine Waschmaschine mit schmutzigen Tischdecken und Handtüchern angestellt und dann die Reste aus dem Büro geschleppt. Gesagt, getan. Gläser und Teller waren schnell herüber in die Küche gebracht. Dann gönnt man sich ein Frühstück. Da Milch hier aus irgendwelchen Gründen Mangelware ist und man kaum 10 Liter in einem Supermarkt findet, mache ich mir ein Müsli mit Erdbeerjoghurt.</p>
<p>Als ich mit der Schale Müsli noch mal in den gestrigen Feierraum gehe, höre ich ein lautes Rattern und Rumpeln aus der Küche. Ein metallischer Knall, dann ist es ruhig, aber irgendwie tröpfelt etwas. Ich renne sofort zur Küche und rutsche gleich am Eingang in einer Lache Wasser aus, wodurch ich die Müslischale fünf Meter weiter auf den Boden schmettere und somit unfreiwillig die Tapete drum herum mit Erdbeerfarbe um-dekoriere. Ich schaue, langsam aufstehend, in die Küche, und betrachte ehrfurchtsvoll die Waschmaschine, die eine Etage tiefer und wie ein bockiges Kind in die Ecke gewandert ist. Oje.</p>
<p>Aufwischen ist nun die Devise, aber dazu brauchen wir zwei Dinge, einen Eimer, ein wischendes Hilfsmittel, wo für es auf Deutsch so viele Bezeichnungen gibt, auf Chinesisch übrigens „mabù&#8221;, und dann drittens noch frische Luft zur Zirkulation. Während ich also wische und mich in den pitschnassen Flur vortaste, gehe ich wie selbstverständlich zum Fenster und öffne es, wobei das äußere Moskitofenster völlig unerwartet das Weite sucht und scheppernd auf das Blechdach knallt. Wie gerufen steht in derselben Sekunde eine Ingenieurin in der Tür. Oh Gott, ich muss ja unterrichten. Sie fragt: „Aber Mr. Schmidt, ich dachte, es gefällt ihnen im neuen Flur. Was machen sie denn hier?&#8221; Oje, nun sehe ich die erdbeerfarbene Tapete wieder. An die hatte ich ja gar nicht mehr gedacht. Ja, mir gefällt es hier, eigentlich. Aber was ich hier mache, ist gar nicht leicht zu erklären. Sie geht, und ich vertage die Unterrichtsstunde auf den Nachmittag. Der Wandertag der Waschmaschine und ihr Freiheitsdrang beim Schleudergang werden nun durch mein Gewicht begrenzt.</p>
<p>Basta! Ich mache mir ein neues Müsli und kann ein wenig durchatmen. Da erinnere ich mich an die alte Kinowerbung, die aufzeigt, dass die meisten Unfälle daheim geschehen und man demnach besser nicht da sein sollte, sondern eben im Kino. Zu spät. Aber ich denke bei mir, von nun an kann es heute nur noch langweilig werden.<br />
<em><a href="http://www.myspace.com/schmidtcarsten"><br />
Carsten Schmidt</a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a href="http://www.miescha.de/">miescha.de</a>.</em></p>

	Schlagwörter: <br /><a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/china/" title="china" rel="tag">china</a> - <a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/party/" title="Party" rel="tag">Party</a> - <a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/tag/shanghai/" title="Shanghai" rel="tag">Shanghai</a><br />
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		<title>I am a little alien</title>
		<link>http://www.kohlhof.de/kohlhof/2008/10/23/i-am-a-little-alien/</link>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 19:21:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Schmidt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Schmidt in Shanghai: Verzweifelt &#8211; in einem Handy-Laden, auf der Straße und überhaupt. Vielleicht habe ich einen großen Fehler gemacht, indem ich hierher kam. Einen Denkfehler. Vielleicht habe ich zu Unrecht gedacht, dass es naiv ist und ein wenig illusionistisch, z. B. in Uganda eine Sprachschule für Deutsch und Englisch aufzubauen. Vielleicht sollte ich die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Schmidt in Shanghai: Verzweifelt &#8211; in einem Handy-Laden, auf der Straße und überhaupt.</strong></p>
<p>Vielleicht habe ich einen großen Fehler gemacht, indem ich hierher kam. Einen Denkfehler. Vielleicht habe ich zu Unrecht gedacht, dass es naiv ist und ein wenig illusionistisch, z. B. in Uganda eine Sprachschule für Deutsch und Englisch aufzubauen. Vielleicht sollte ich die Leute, die mir davon erzählten, anrufen und sagen, dass es mir leid tut und sie mehr Chancen haben als ich hier.</p>
<p>Seit meiner Abiturprüfung in Mathe 1998 habe ich mich nicht mehr so dumm, so hilflos und ausweglos gefühlt wie bei der offenbar naiv von mir möglich gedachten Unmöglichkeit, in der dörflichen Stadt Ehu Town, zwischen Suzhou und Wuxi, eine pre-paid-Card für mein Handy zu kaufen.</p>
<p>Okay, man denkt, man nimmt sein Handy, Geld, seine Handy-Karte und ein Wörterbuch in einen der vielen großen „China Mobile“-Läden mit. Aber nichts zu machen. Nicht nur haben sie mich nicht verstanden, sie standen mit zehn Leuten um mich herum und telefonierten nach Leuten, die 3 Worte mehr Englisch zu können glaubten als sie, aber auch das war erfolglos. Keiner der Leute verstand meine notierten Worte „international call card for 200 Yuan“.<span id="more-1146"></span></p>
<p>Nun ja, ich lächelte, aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Ganz klar mein Denkfehler. Vielleicht ist es zu schwer, in einem Laden für Mobiltelefone eine Telefonkarte zu kaufen. Es mag in einem Obstladen einfacher gehen. Meine Bereitschaft zu gehen wächst, da steht die Sekretärin meines Bosses neben mir und redet auch noch eine Weile. Eigentlich hatte ich mich bis dahin nur unwohl gefühlt, aber nicht peinlich berührt. Ab dann schon. Wie viele Schwächen kann ein Sprachlehrer zeigen? Bei Shakespeare gibt es (bei den „Zwei Gentlemen aus Verona“?) den Spruch: „Ich beginne zu verstehen, dass aus mir gerade ein Arsch gemacht wird“. Tja! Ich schaue dusselig um mich und starre wie eine Gans wenn es donnert auf die lauteste Verkäuferin, die eine Kunden anlockende Schärpe um und eine Art Papp-Diadem auf hat, beides mit programmatischen Sprüchen bestickt. Vermutlich auf Deutsch: Regel 1: „Wir sind immer für sie da, so lange Sie Chinese sind“. Regel 2: „Mit Mao geht alles irre steil nach vorne los“. In dem Aufzug sieht sie ein wenig aus wie eine sorbische Gurkenverkäuferin aus dem Spreewald. Das, mit Verlaub, ist aber auch schon das Lustigste an ihr. Plötzlich Getuschel in meine Richtung. Die Verkäufer wollen meinen Pass sehen. Wie bitte? Es klatscht gleich, aber keinen Applaus! Brauche ich denn hier für jede gekaufte Banane ein Foto und eine Genehmigung? Ja, beim Konfuzius, der Pass ist bei der Polizei, also Ende der Diskussion. Tschüss.</p>
<p>Ich dankte dann der Sekretärin und ging weiter einkaufen. Bei einem Fotoladen konnte ich kurz darauf innerhalb von 5 Minuten 12 Passbilder machen, die ich nächste Woche für weitere Späßchen mit der Polizei brauche. Ich sagte das chinesische Wort für Foto und dann das für Reisepass (hùzhào), und der gute Mann nickt und setzt mich auf einen Stuhl, rückt mein Kinn zurecht, knippst, druckt, und gibt mir 12 Fotos. Kaum fünf Minuten, also ist hier Service doch möglich. War ja auch leichter, ich konnte ja schlechterdings Avocados oder einen Wonder-Bra in seinem Laden kaufen, obwohl…</p>
<p>Dann jedenfalls gehe ich weiter die Straßen entlang, wo Fahrer in ihren kleinen Vehikeln schlafen, Eisenhändler im Hocken rauchen, Wäschefrauen auf dem Bordstein Steinspiele spielen. Einige zeigen auf mich und sagen laut „nánkàn wàiguórén“. Meist freue ich mich, wenn ich mal zwei Worte im Radio oder im Gespräch verstehe, aber die Freude ist nicht immer da, denn es heißt „hässlicher Ausländer“, und ein Mann, zwei Meter vor mir, dreht seinem Kind den Kopf zu mir und zeigt in mein Gesicht. Ich fühle mich ganz, ganz tief zum Kotzen. Mein Blick geht auf meine Schuhe und ich beiße mir auf die Lippen wie ein Pubertierender nach einer Dummheit. Ich gehe tapsend auf die andere Straßenseite, wo ich in einem kleinen Laden wenigstens ohne Polizeizeugnis das Brot greifen kann, was ich möchte. Vielleicht hilft es, bei aller mitteleuropäischer Verwöhntheit, allem Egoismus und der Arroganz, sich alle 10 Jahre – seit der Abi-Prüfung 1998 – mal 5 Minuten lang so zu fühlen.</p>
<p>Nun wird es aber eigentlich erst interessant. Man könnte denken, dass sich die zehn Mitarbeiter von China Mobile doof fühlen sollten, wenn sie englische Sprüche über guten Service an den Wänden haben, aber sie lachten nur. Ich bin derjenige, der sich doof fühlt. Ich hätte nicht gedacht, dass hier derart viele Leute auf dem Motorrad oder Fahrrad beinahe einen Unfall bauen oder sich den Kopf aus dem Scharnier drehen, um mir 12 Mal nachzuschauen.</p>
<p>Okay, ich habe hier Arbeit als Lehrer, ich werde für chinesische Verhältnisse sehr gut bezahlt. Und viele sind freundlich zu mir. Der deutsche Boss befiehlt die Kurse und ich unterrichte so wie er es sich denkt. Aber alles eben: Diktatorisch, nicht gewollt. Dass Kinder oder Schüler keine Lust oder kein Verständnis für Unterricht haben, kenne ich schon lange. Aber in welchem Maße ich hier nicht gebraucht und teilweise auch nicht gewollt werde, das habe ich wohl unterschätzt. Von den dutzenden Arbeitern, Ingenieuren und Managern, die ich unterrichte, sind vielleicht 5 von sich aus interessiert, nach meinem Gefühl.</p>
<p>Als Sprachlehrer brauche ich die Welt und die Veränderung der Welt. Aber 99,99 % der Welt braucht mich als Sprachlehrer nicht. Ein Vergleich zu Deutschland fällt nun auch nicht gerade günstig aus. Ich habe meinen Schülern meist erzählt, dass sie Sprachen brauchen und dass sie ihnen die Türen öffnen für die ganze Welt. Aber eventuell habe ich sie, wie Goethes Faust, an der Nase herumgeführt. Hier jedenfalls, und auch meistens in Deutschland, kann man auf Ausländer „verzichten“, man braucht kein Englisch, wenn nur einer von 50.000 Kunden ein Ausländer ist wie ich hier. Es ist, als hätte ich, tausende Kilometer weg, die Regionalschule Sanitz in Mecklenburg letztlich nie verlassen, wo Kinder enthusiastisch dem Nachbarn mit dem Zirkel ins Knie stechen, aber der Unterricht oft eine Farce ist.</p>
<p>Mein Boss sagte, man müsse hier in China gegen Vieles ankämpfen, und das versuche ich weiterhin. Er sagt: “Mit Diktatur können die hier wenigstens umgehen, nicht mit Demokratie. Es hilft nichts zu sagen: Englisch könnte für euch wichtig sein“. Vielleicht hat er sehr Recht.</p>
<p><em><a title="Myspace-Seite von Carsten Schmidt" href="http://www.myspace.com/schmidtcarsten">Carsten Schmidt</a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a title="Michael Fengler" href="http://www.miescha.de/">miescha.de</a>.</em></p>

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		<title>Alarmierende Postmoderne</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Oct 2008 16:16:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carsten Schmidt</dc:creator>
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		<category><![CDATA[kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[Schmidt in Shanghai: als Gurkendieb, als Kunstkritiker und auf der Flucht. Shanghai bietet viel für Touristen, wenngleich in der zentral befohlenen Urlaubszeit im Oktober so viele Chinesen von Ulumuqi und anderen Provinzen kommen, dass die Stadt noch mehr aus den Nähten platzt als sonst schon. So zwänge ich mich früh morgens von einem Drehkreuz in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Schmidt in Shanghai: als Gurkendieb, als Kunstkritiker und auf der Flucht.</strong></p>
<p>Shanghai bietet viel für Touristen, wenngleich in der zentral befohlenen Urlaubszeit im Oktober so viele Chinesen von Ulumuqi und anderen Provinzen kommen, dass die Stadt noch mehr aus den Nähten platzt als sonst schon. So zwänge ich mich früh morgens von einem Drehkreuz in der U-Bahn zum nächsten und hoffe, dass die Dame am Schalter die richtige Strecke auf meine Karte geladen hat. Es wird sehr eng und ich presse meine Finger um die Tasche. Die soziale, klaustrophobische Fern- und Nahdiagnose meiner Mit-Steher beinhaltet Knoblauch, transpirative Anstrengung und einige Überraschungen mehr. Puh, nächste Station People´s Square, also der Platz des Volkes. Ich steige aus.<span id="more-1138"></span></p>
<p>Als ich gerade ein wenig Luft schnappe und am Ausgang ein alter Kauz auf der berühmten Kniegeige Erhu spielt, zieht ein Kind an meiner Hand und ich finde es niedlich, weil es mich wohl mit jemandem verwechselt. An der anderen Hand zieht nun die Mutter, was ich nicht niedlich finde. Sie sagen laut „Dào“ zu mir. Lustig, bei einem absurden Beispieltext in meinem Chinesisch-Buch hieß dieses Wort „Dieb“, aber wer kann schon diese Menschen verstehen. Sie beschreiben mir mit Blick auf meine linke Hand ihr Anliegen. Ich habe in der U-Bahn-Enge und Egozentrik nicht nur nach meiner Tasche, sondern auch nach einer kleinen Tüte kleiner Gurken von einer Frau gegriffen. Ich entschuldige mich irgendwie und versuche, tief einatmend, fix das Weite zu suchen, aber das ist gar nicht leicht. Der Versuch ist bei den vollen Straßen so sinnvoll wie mit jemandem in einem Fahrstuhl Fangen zu spielen.</p>
<p>Nun jedoch sehe ich die Familie nicht mehr hinter mir und ich gehe auf den Platz des Volkes, wo es viele Jugendliche gibt, die den nationalen Feiertag genießen und sich gegenseitig mit Handys an Springbrunnen oder auf Parkbänken fotografieren. Mein Ziel für diesen Tag ist das ganz nahe Museum für neue Kunst, wo schon tausende von Leuten anstehen, und so auch ich. Nach fast zwei geduldigen Stunden Anstehens, die ich Dank einer gewissen Jane Austen tief versunken im romantischen England des 18. Jahrhundert verbrachte, werde ich plötzlich von den hinter mir drängelnden Studenten gefühlte 20 Kunstepochen von der Romantik in die Gegenwart geschoben.</p>
<p>Es ist alles jämmerlich post-post-modern, obwohl ich gewillt bin, mich zu freuen und es wenigstens „interessant“ oder „nett“ zu finden. Man hat Figuren von Dinosauriern die Köpfe abgeschlagen und feixende Clowns-Köpfe drauf gesetzt. Na gut. Dann eine Videoprojektion einer angeblich erfolgreichen Münchnerin: Fahrende Busse und Autos, wild geschnitten und mit Ton versehen. So weit, so schlecht. Dann ein Flugzeug aus Pappmaschee, an dessen eine Tragfläche ein Auto gebastelt wurde. Ach, schau an. Weiter oben gibt es ähnliche Räume ohne Sinn. Ein sehr großer Saal voller Sessel und Couchen beinhaltet nichts, nur Dunkelheit und eine kleine Diskokugel, welche die Herumsitzenden Kunstfreunde mit kleinen hellen Punkten umspielt. Aufregend. Ganz oben helle und dunkle Räume, bei einigen glaubt man, ein Zahnarzt könnte nicht weit sein, bei anderen ist man durch die Umgewöhnung natürlich wie ein Maulwurf und fasst schon mal den ein oder anderen Gast an, der auch nichts sieht. Puh, nur schwarze Decken und labyrinthische Ecken, um sie man sich herum windet. Ich denke bei mir, wenn hier mal was passiert, oje. Dann ein riesiger Raum mit ein paar Ampeln und Leuchten, aber er ist sonst sehr, sehr, wie soll man sagen, leer. Nur der sich an der Decke zwirbelnde schwarz-graue Qualm ist ganz interessant gemacht.</p>
<p>Ich zucke die ganze Zeit unwillkürlich mit den Schultern, weil ich die Metaebenen dieser Kunst dann noch schwer knacken kann, und drehe mich zum nächsten Raum. Auf einmal ein lautes Klirren wie von zersprungenem Glas und ein rotes, blinkendes Licht an der Decke. Einige Sekunden später eine Art langsame Sirene und eine ernste Frauenstimme, die auf Chinesisch drohend ruft. Angesichts der Geräusche und Alarme wird mir bewusst, nein gar nichts wird mir bewusst. Ich handle. Ganz schnell runter die Treppen, dritter Stock, zweiter Stock, erster Stock, und raus aus dem qualmenden Haus.</p>
<div id="attachment_1139" class="wp-caption alignnone" style="width: 503px"><a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/wp-content/uploads/2008/10/kunst_in_china.jpg"><img class="size-large wp-image-1139" title="Kunst in China,ein Beispiel" src="http://www.kohlhof.de/kohlhof/wp-content/uploads/2008/10/kunst_in_china.jpg" alt="Skulptur: Rostige Gestalten" width="493" height="656" /></a><p class="wp-caption-text">Skulptur: Rostige Gestalten vor Dampf-Lokomotive. Foto: Carsten Schmidt</p></div>
<p>Ich poltere aus einer Seitentür und purzele mit dem Ellenbogen ein wenig seitlich gegen Rost, künstlerisch aufgestellt. Au, das gibt also eine Rostbeule am Ellenbogen. Scheiß Sprachspiele. Drei rostbraune Bürger winken als postmoderne Figuren auf einem Bahnsteig mit Mao-Büchern ihrem großen Herrn in einem Zugabteil zu. Verwirrt blicke ich um mich. Ein Museumswärter, der eben noch die Seitentür galant aufriss, lacht nun mit einigen Verlusten auf der Vorderfelge, und fragt auf Englisch: „Hat Dir die Alarm-Performance gefallen?“. Ich verneine verdutzt. „Ist aus Japan“. Super, denke ich mir, und wische den Staub vom Hintern. Vielleicht mache ich mal was Ruhiges, zur Abwechslung. Noch Fragen, Kienzle? Ja: Erlebt man hier auch mal einen normalen Tag?</p>
<p><em><a title="Myspace-Seite von Carsten Schmidt" href="http://www.myspace.com/schmidtcarsten">Carsten Schmidt</a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a title="Michael Fengler" href="http://www.miescha.de/">miescha.de</a>.</em></p>

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		<title>Die Fünf-Sterne-Pfütze</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Oct 2008 15:28:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schmidt, Shanghai]]></category>
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		<description><![CDATA[Schmidt in Shanghai: Ernste Probleme mit dem Visum, Suche nach einem Hotel und kein Huhn Mein Aufenthalt ist unsicher. Das Visum muss verlängert werden. Deshalb fahren wir mit zwei Managern unserer Firma eine weitere Beantragungsgenehmigung behördlich beantragen. Eine andere Strecke; das allein ist aufregend. Sie zeigen plötzlich auf einen riesigen Bauplatz mit neuen Gebäuden und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Schmidt in Shanghai: Ernste Probleme mit dem Visum, Suche nach einem Hotel und kein Huhn</strong></p>
<p>Mein Aufenthalt ist unsicher. Das Visum muss verlängert werden. Deshalb fahren wir mit zwei Managern unserer Firma eine weitere Beantragungsgenehmigung behördlich beantragen. Eine andere Strecke; das allein ist aufregend. Sie zeigen plötzlich auf einen riesigen Bauplatz mit neuen Gebäuden und lassen uns raten, was es wohl ist. Ich tippe naiv auf die zwei einfachsten Möglichkeiten, Fabrik für Lebensmittel oder Textilien. Beide Fahrer lachen, und meine Kollegin neben mir meint, es könnte auch ein Gefängnis sein. Die Fahrer grinsen und sagen. „Ja, ein neues Zuhause für Politische!“ Ich sage zynisch hintendrein: „Oder für freche Ausländerlehrer, die was Falsches gesagt haben“. Wieder lachen beide, aber ich nicht. Meine Kollegin auch nicht. Warum haben sie uns das gezeigt? Meine Arme verschränken sich wie automatisch und die Laternen fliegen draußen vorüber.<span id="more-1090"></span><br />
Bei der Polizei gibt es wieder eine Fotosession für mich und einige Blitze aus weiteren Kameras. Wo und bei wem eigentlich mein Pass ist, weiß ich nicht. Zu meinem 60 Euro teuren anderen Ausweis sagen sie nur ein Wort: „nutzlos“. Danke noch mal an das heimische Ortsamt in Mecklenburg. Während die Herren Manager, nun ein wenig ernster, mit den Polizisten reden, die immer wieder wollen, dass ich mich woanders hinsetze, weil ich dort – zu meiner eigenen Sicherheit – von mehr Kameras gesehen werde, rufe ich die Botschaften in Frankfurt, Berlin und Shanghai an. Ich habe alle Nummern, auch eine email habe ich schon geschrieben. Keinerlei Antwort, nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Außer lustigen Telefonabfragen in einer Schleife (wenn sie Telefonsex mit dem Botschafter haben wollen, drücken sie jetzt bitte die 9) keine Chance und ewige Besetztzeichen oder obskures Knacken. Sehr hilfreich!<br />
Ich trabe langsam zum Schalter und setze mich neben meinen Chef in einen Sessel, mein Kinn gedankenverloren auf einer Kopie meines Passes ruhend. Die bisher einzige freundschaftliche Geste eines Chinesen mir gegenüber: Der Chef fasst mir ganz kurz an den Oberarm und sagt zwinkernd: „There is a chance“. Neben der ungewollten Berührung eines alten Männerfußes neulich im proppenvollen Schwimmbad die einzige Intimität, die das Land für mich offenbart. Aber es scheint wirklich zu gehen. Ich warte noch eine Weile, dann halten sie ein Papier in den Händen, das bestätigt: Ich darf 4 Wochen bleiben, aber vorher kümmert man sich um eine weitere Aufenthaltsgenehmigung. Und ich höre noch die klugen Journalisten bei den Olympischen Spielen: „Ja, alle freundlich, China öffnet sich der Welt, es ist ein völlig anderes Land geworden“. Klar. Düster wie meine bockigen Gedanken ist auch meine Stimmung nach außen, noch bei der Fahrt ins Apartment. Ich bedanke mich natürlich für die Bemühungen, mich hier zu behalten, aber selbstverständlich bleiben Skepsis und Restzweifel, ob alles gut geht. Die grauen Wolken kreieren ein langes Gewitter über der Stadt, wie Wellen rollen lange Schauer von Donner durch die dicke Wettersuppe. Mein Kopf brummt, es ist schon dunkel, und ich falle in Bett.<br />
Am nächsten Morgen klingelt das Telefon um halb sieben. Dran ist meine Managerin, der ich ein wenig mehr vertraue, warum auch immer. Sie klingt ruhig, warm und freundlich. Ihre Worte vergrößern die kleine, graue Hoffnung des Vortages. Sie sagt, dass es alles gut wird. Gerade hat sie eine neue Bestätigung der gestrigen Bestätigung bekommen. „Mr. Schmidt, you can stay! It will be alright. See you tomorrow!“. Es freut mich und ich atme dankend tief durch. Ich gehe ans Fenster und sehe einen völlig neuen Tag &#8211; eine neue schöne Welt &#8211; hinter dem vom nächtlichen Regen gereinigten Glas.<br />
Auf dem Balkon sehe ich mit nassem Sattel das Fahrrad, was mich schon in so interessante Teile der Vorstadt gebracht hat. Ich setze mich drauf und tuckere langsam los. Die Sonne steigt, Schritt für Schritt schalte ich gemächlich, mit Restmüdigkeit, Gang für Gang höher. Der langsam trocken werdende Sattel und das Hochschalten erinnern mich an das Fahren in meinen alten, eigensinnigen Mazda, den eine gekonnt ausparkende Fußballerfrau zerstörte. Der Mazda hatte nach regnerischen Nächten auch die individuelle Angewohnheit, mit dem Keilriemen einige Kurven lang die Bevölkerung wach zu quietschen, dann aber war er trocken und surrte brav.<br />
Nun fahre ich wieder einmal durch die Stadt, aber nicht in Richtung Osten zum Expo-Park, wo es eine bizarre Mondlandschaft gibt, aber auch nicht nach Norden, wo ich gestern das neu entstehende Gefängnis sah. Im Süden gibt es viele ländliche Ecken. Es soll ein edles Hotel geben, das will ich finden! Ich sehe dörfliche Streitigkeiten, wobei es offenbar den Männern weniger wichtig ist, dass die Familienehre aus dem Stadttor galoppiert und den Jangtsekiang runter schwimmt, als dass dabei die Helmut Schmidt-Gedächtnis-Dauer-Zigarette ausgeht. Übrigens hat sie auch viele Funktionen, denn die aus dem Fenster gehaltene Zigarette des Beifahrers gilt hier schon als Blinken in der Kurve. Sehr wichtig! Ich überhole nach langem Anlauf ein großes Dreirad, was eine ganze Wiese transportiert und oben drauf noch zwei Kinder. Da sehe ich, mit Gras in den Speichen, eine 10 Meter breite Blumenwerbung für ein großes Hotel einer europäischen Kette, deren Name so ähnlich klingt wie Camping.<br />
Ich fahre in die Einfahrt, denn das muss das tolle Hotel sein. Der Wachmann an der Schranke grüßt militärisch. Auf einmal neuer, breiter Asphalt. Hunderte Gärtner schnippeln an den Straßenrändern an Dahlien, Stachelbeeren und Kirschlorbeer. Es folgen kilometerlange Tartan-Joggingstrecken für die reichen Hotelbewohner, auch weitere Werbung für Golfclubs, natürlich nur Mitgliedschaft durch Einladung. Außer grünen Wiesen und Zäunen nichts zu sehen. Das Hotel will einfach nicht auftauchen. Keine weiteren Hinweise. Nach gut 5 Kilometern ein sehr kleiner, dreckiger Seitenweg, der von der ewigen Straße wegführt.</p>
<div id="attachment_1091" class="wp-caption aligncenter" style="width: 517px"><a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/wp-content/uploads/2008/10/carsten_hotel_01.jpg"><img class="size-medium wp-image-1091" title="Luxushotel bei Shanghai aus zufällig anderer Perspektive" src="http://www.kohlhof.de/kohlhof/wp-content/uploads/2008/10/carsten_hotel_01.jpg" alt="Luxushotel bei Shanghai aus zufällig anderer Perspektive" width="507" height="254" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Blickwinkel, der im Hotelprospekt sicherlich fehlt: Blick aus dem Bediensteten-Dorf Richtung Lusxusherberge. Foto: Carsten Schmidt</p></div>
<p>Ich traue mich und radle langsam zwischen dutzenden Müllbeuteln und Essensresten herum. Am Horizont taucht im Dunst ein graues, gigantisches Gebäude auf, aber der Weg scheint davon weg zu führen. Verflucht, es ist wie in Kafkas Romanen: Da will einer zum Schloß und kommt nicht hin. Von gestern stehen noch viele Pfützen auf dem Weg. Dann sehe ich links mit Entengrütze besäte Jauchegräben vor windschiefen Papphütten. Die Gräben sind mit Spanplatten überbrückt. Eine Frau mit wettergegerbtem Gesicht taucht mit einem gelben Hund auf und bietet mir rostbraune Orangen an. Ich schüttele den Kopf und fahre langsam weiter. Eine große Pfütze muss ich sehr langsam durchfahren. Mitten drin hakt das Rad in einen tiefen Spalt und ich purzele sehr un-olympisch vom Ein-Meter-Brett. Als ich halb nass knie, sehe ich aus der neuen Perspektive weitere Müllberge, Hütten und im Hintergrund das beeindruckende Hotel. Dies ist das Viertel der Bediensteten Gärtner, Kellner und Pagen.</p>
<div id="attachment_1092" class="wp-caption aligncenter" style="width: 529px"><a href="http://www.kohlhof.de/kohlhof/wp-content/uploads/2008/10/carsten_hotel_02.jpg"><img class="size-medium wp-image-1092" title="Das Hotel liegt hinter Bergen..." src="http://www.kohlhof.de/kohlhof/wp-content/uploads/2008/10/carsten_hotel_02.jpg" alt="Das Hotel liegt hinter Bergen..." width="519" height="363" /></a><p class="wp-caption-text">Im Hotel arbeiten ein Haufen Leute, die wiederum einen Haufen Müll machen, der wiederum im Dorf gesammelt wird, wo er wiederum für längere Zeit liegen bleibt. Foto: Carsten Schmidt</p></div>
<p style="text-align: left;">Der Hinterhof des Reichtums, das Rückgrat des Wohlstandes. Morgendliches Treiben um mich. Kellnerinnen waschen ihre Schürzen, andere ziehen sich ihre Kochkleidung an und traben müde in Richtung Hotel. Ich begebe mich für einige Zeit gern in ihre Perspektive, ihre Ebene, und schiebe dreckig das Rad aus dem Wasser. Ein verzwickter Trampelpfad führt durch eine Art Wald raus aus dem Bediensteten-Dorf und man steht plötzlich neben einem Wachhäuschen. Dann sieht man die halbrunde, königliche Auffahrt des 5-Sterne-Hotels mit blitzeblanken Scheiben und kaminroten Teppichen vor der Tür. Ich fahre eine halbe Runde und sehe sich verbeugende Diener vor einer Limousine. Sie schauen mich unsicher an. Dann verbeugen sie sich auch vor mir, denn ich bin ein Ausländer und könnte ja ein Hotelgast sein, der eben nur verdammt dreckig ist. Ich radle wieder die Auffahrt hinunter. Der Trampelpfad, die Hütten, die Müllberge, alles ist verschwunden und nicht auszumachen, wo ich gerade herauskam. Komisch. Ich nehme die edle, trockene Asphaltstraße für den Heimweg.</p>
<p style="text-align: left;"><em><a title="Myspace-Seite von Carsten Schmidt" href="http://www.myspace.com/schmidtcarsten">Carsten Schmidt</a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a title="Michael Fengler" href="http://www.miescha.de/">miescha.de</a><br />
</em></p>

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