Bloß nicht das Haus verkaufen

Heute ist ein toller Tag für Blogger. Es passiert so viel Belangloses, über das man der Welt was erzählen kann. So war ich heute in der bequemen Situation, in Warnemünde ein Eis zu kaufen. Über der Theke direkt am Alten Strom prangt dieses Schild:

Außerhausverkauf

Wie gut, dass ich bloß zwei Eiskugeln haben wollte und mir der Sinn nicht gerade nach dem Erwerb von Gebäuden und Eigenheimen stand. In meiner Erleichterung, dass ich von dieser Beschränkung nicht betroffen war, habe ich ganz vergessen zu fragen, was man denn in der Diele noch alles erstehen kann außer Häusern: Tarnkappen-Schnellboote, Kartoffeln zum Einkellern, Sitzgruppen – vielleicht ist ja wenigstens Mieten oder Pachten von Gebäuden möglich? Wer weiß, was die Eisverkäufer schon alles erlebt haben mit ihren Kunden. Bestimmt gibt es irgendwo eine Statistik, wie oft pro Tag Eisdielenmitarbeiter durchschnittlich gefragt werden, ob sie auch Häuser oder gar das Haus, in dem sie gerade stehen, veräußern würden. Wir Kunden machen uns wahrscheinlich gar keine Vorstellung, wie nervig, störend und ermüdend diese dauernde Fragerei sein kann.

Ich muss wohl noch mal hinfahren, um das alles zu klären; und weil das Eis recht lecker war – und das ist ja die Hauptsache.

Eierschalensollbruchstellenverursacher

Aktuell

Es ist noch gar nicht lange her, da bot sich hier die Gelegenheit, den Seegrasgeisterpfeifenfisch vorzustellen, ein possierliches Unterwasserwesen, das nicht nur wegen seines Äußeren, sondern vor allem wegen seines ellenlangen Namens eine Erwähnung verdient hat. Ähnlich monströs, aber über Wasser, dafür leblos, aber praktisch und vielleicht zu Ostern das Geschenk schlechthin ist in diesem Zusammenhang der Eierschalensollbruchstellenverursacher – ein kleiner Haushaltshelfer, der Konversation und Action am Frühstückstisch in vollkommen neue Bahnen lenkt. Das Utensil macht das morgendliche Eierköpfen zu einer unblutigen Angelegenheit, von der kaum Spuren zurückbleiben. “Lass es wie einen Unfall aussehen, Luigi”, könnte der Auftrag an den Designer gelautet haben (wobei nicht überliefert ist, ob der Entwickler wirklich diesen Namen trägt). So hilft das Gerät, jedes Frühstücksei einen Kopf kürzer zu machen: Die von der Designagentur “take 2” vertriebene Kuriosität besteht aus einer metallenen Haube, die man bitte auf die Spitze eines gekochten Eis setzen möge. Oben auf der Metallhaube ist eine gut 20 Zentimeter lange Metallstange befestigt, auf der eine Eisenkugel entlangrutscht. Man setzt dem Ei also die Metallmütze auf (verkneift sich abschweifende Gedanken an elektrische Stühle), hebt dann die Kugel hoch und lässt sie wieder hinabsausen. Das macht kaum Geräusche (außer einem leisen zzzssp-schkrk), und das Ei spürt kaum etwas. Durch den Aufprall und vermittels des Impulssatzes verursacht die Energie in der Eierschale eine kreisrunde Bruchstelle. Hier lässt sich nun das Messer ansetzen und die Spitze des Eis mühelos abtrennen. Der Eierschalensollbruchstellenverursacher soll also sowohl das oft gefährliche Herumfuchteln, Schwungholen und Zuschlagen mit Schneidwerkzeugen am Frühstückstisch überflüssig machen, als auch den mit im Kreis angeordneten messerscharfen Zähnen bewährten Eierköpfer zurück in die Schublade verweisen. Löffel sind sowieso abgemeldet. Da auch das Auge mitköpft, gibt es den ESSBStV mit verschiedenen Griffen am oberen Ende der Stange. Zum Sortiment gehören neben verschiedenen Eierknäufen auch welche aus Holz und ein WM-Fußball-Griff. Schön, nech? Zu haben in der “Für-Leute-die-sonst-schon-alles-haben”-Abteilung.

Seegrasgeisterpfeifenfisch

Es gibt so Wörter, die scheinen gar kein Ende nehmen zu wollen: Donaudampfschifffahrts­gesellschafts­kapitänsmützen­abzeichen­stanz ­maschinenbedienungs­handbuch­layout­fachkraft ist so ein Wort. Nun gut, den zweiten Teil habe ich mir eben ausgedacht. Das fiel mir ein, als ich bei meinen ausgedehnten Streifzügen durchs Netz auf ein ganz kleines possierliches Kerlchen gestoßen bin. Er schwimmt unter anderem vor Indonesiens Küsten und wohl auch im Roten Meer. Dabei tarnt er sich so gut, dass selbst Wikipedia keine Ahnung hat, was das sein soll. Nur Onkel Google weiß mal wieder alles besser. Es geht um den “Seegrasgeisterpfeifenfisch”. Was für ein Monster, aber auch nur was die Länge seines Names angeht. See, Gras, Geist, Pfeife, Fisch. Fünf Wörter -und er sieht nicht einem einzigen dieser Begriffe auch nur annähernd ähnlich – nicht mal einem Fisch (!). Und überhaupt: Man sieht ja nicht mal, wo vorn und hinten ist. Es ist einfach nur ein grüner oder brauner Fetzen mit weißen Punkten, der unter Wasser treibt.

Das ist wieder so ein Moment, in dem man Biologen beneiden kann: Kaum entdecken Sie ein bislang unbekanntes Lebewesen, schon dürfen sie sich einen Namen dafür ausdenken. Ob im vorliegenden Fall die Namensfindung eher auf den Drogenkonsum seines Entdeckers schließen lässt, kann wohl nur ein Blick in eine gut sortierte Bio-Bibliothek klären. Ansonsten bleibt noch anzumerken, dass als Name – gemessen an der Optik des Objekts – durchaus auch “PlattGewalzterKaktusUntertauchDings” gepasst hätte. Naja, zu spät.

In manueller Handarbeit aufoktroyiert

In dieser Ausgabe wollen wir einen Blick in die bunte Welt der Pleonasmen wagen. Es geht dabei, um es einfach zu sagen, um doppelt gemoppelte Wortkonstruktionen oder -kombinationen. Der weiße Schimmel ist der Klassiker, aber es gibt noch viel mehr.

“Regnets draußen?” Nett gemeinte Frage, leider doof formuliert. Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich mich durch ein Unwetter kämpfte, mich gegen schneidenden Wind und eiskalte Tropfen stemmte und schließlich doch noch mit letzter Mühe und Kraft – vollkommen durchnässt – mein Ziel erreichte. Und während vor der Tür weiter kindskopfgroße Regentropfen einschlugen, sich zu einem reißenden Strom vereinigten und in wahnsinnigem Tempo die Straße entlang spülten und alles mitrissen, was dort so an Unrat im Rinnstein lag, fragt drinnen jemand: “Regnets draußen?” – Ja, wo denn sonst? Im Bus? Im Abstellraum, unten im Erdgeschoss? Oder denkt hier etwa jemand, ich hätte in aller Eile auf dem Weg zur Arbeit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen versucht und mich deshalb erst angezogen um mich anschließend noch schnell unter die Dusche zu stellen.

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Aktiv auf den Arm genommen

Stillstand ist Rückschritt, wer rastet der rostet, jaja. In unserer schnellen Zeit, in der Trends so fix verschwinden wie sie kommen, in der heute out ist was morgen in ist, da ist Bewegung, Fortschritt, Mithalten, Aktion alles. Und das wird in einem einzigen Wort deutlich, das ganz aktiv die deutsche Sprache zu verpesten scheint: aktiv.

“Dann können die Kinder aktiv entscheiden, ob sie in die Sonnenblumengruppe gehen oder bei den Schmetterlingen mitmachen”, sagt die stolze Kindergartenmutter. Nebenan sagt der Sonnenstudio-getunte Handyverkäufer: “Da können Sie dann aktiv wählen zwischen dem Call-Dings und dem Prepaid-Bums.” Wie schön. Gegenüber in der Backwarenverkaufsstelle empfiehlt die kleine Blonde hinter der Theke: “Milch und Zucker für ihren Kaffe dürfen sie sich aktiv am Service-Point nehmen.” Mal abgesehen vom Dienstleistungs-Punkt: Wie denn sonst soll man selbst einen Tarif wählen oder koffeinhaltige Heißgetränke süßen? Passiv? Warten, bis das Mobiltelefon selbst einen Abrechnungsmodus wählt oder der Zucker aus der Dose, am Milchtopf vorbei den Becher außen hoch in den Kaffee klettert?

Es sind wohl Globalisierungsverlierer, die noch gar nicht wissen, dass sie Globalisierungsverlierer sind, die mit dem häufig und überflüssig eingestreuten “aktiv” in auch ansonsten eher nebensächlichem Sätzen ihre schwindende Bedeutung als ganz kleines Zahnrad im weltweiten Menschlein-Gefüge kaschieren wollen. Wer von ihnen hören muss, dass sie alles ganz aktiv machen, der soll ihnen glauben, dass sie die Kontrolle behalten haben im Gewirr aus Handytarifen mit 77 Fußnoten, im Meer der Kaffeesorten und -aromen, bei der Wahl der richtigen Krankenversicherung. Was bei der Wahl eines Cappuccino noch gut gehen beziehungsweise folgenlos bleiben kann, das muss bei der Wahl des richtigen Stromanbieters, des besten Postdienstes nicht zum Spar-Erfolg führen.

Wenn Unternehmen ihren Kunden jede Wahl überlassen, dann ist das zweifellos sehr freundlich, wenn allerdings die kompetente Beratung fehlt – wem nützt das dann? Dem Kunden jedenfalls nicht, der ganz aktiv selbst den Knebelvertrag gewählt hat. Er hat sich ja selbst entschieden. Wer also glaubt, unabhängig zu sein, weil er alles ganz aktiv entscheidet, der hat sich ganz passiv täuschen lassen von Werbeversprechen, die nur verdecken sollen, dass viele Konzerne gern bei der Beratung sparen wollen. Ganz aktiv haben die Konzerne da Kosten reduziert.

Und alle sind – ganz aktiv – glücklich.