{"id":1146,"date":"2008-10-23T21:21:14","date_gmt":"2008-10-23T19:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=1146"},"modified":"2008-10-24T05:20:30","modified_gmt":"2008-10-24T03:20:30","slug":"i-am-a-little-alien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2008\/10\/23\/i-am-a-little-alien\/","title":{"rendered":"I am a little alien"},"content":{"rendered":"<div class='__iawmlf-post-loop-links' style='display:none;' data-iawmlf-post-links='[{&quot;id&quot;:655,&quot;href&quot;:&quot;http:\\\/\\\/www.myspace.com\\\/schmidtcarsten&quot;,&quot;archived_href&quot;:&quot;http:\\\/\\\/web-wp.archive.org\\\/web\\\/20260211130724\\\/https:\\\/\\\/myspace.com\\\/schmidtcarsten&quot;,&quot;redirect_href&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.myspace.com:443\\\/schmidtcarsten&quot;,&quot;checks&quot;:[{&quot;date&quot;:&quot;2026-02-20 21:09:39&quot;,&quot;http_code&quot;:200},{&quot;date&quot;:&quot;2026-02-27 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Einen Denkfehler. Vielleicht habe ich zu Unrecht gedacht, dass es naiv ist und ein wenig illusionistisch, z. B. in Uganda eine Sprachschule f\u00fcr Deutsch und Englisch aufzubauen. Vielleicht sollte ich die Leute, die mir davon erz\u00e4hlten, anrufen und sagen, dass es mir leid tut und sie mehr Chancen haben als ich hier.<\/p>\n<p>Seit meiner Abiturpr\u00fcfung in Mathe 1998 habe ich mich nicht mehr so dumm, so hilflos und ausweglos gef\u00fchlt wie bei der offenbar naiv von mir m\u00f6glich gedachten Unm\u00f6glichkeit, in der d\u00f6rflichen Stadt Ehu Town, zwischen Suzhou und Wuxi, eine pre-paid-Card f\u00fcr mein Handy zu kaufen.<\/p>\n<p>Okay, man denkt, man nimmt sein Handy, Geld, seine Handy-Karte und ein W\u00f6rterbuch in einen der vielen gro\u00dfen \u201eChina Mobile\u201c-L\u00e4den mit. Aber nichts zu machen. Nicht nur haben sie mich nicht verstanden, sie standen mit zehn Leuten um mich herum und telefonierten nach Leuten, die 3 Worte mehr Englisch zu k\u00f6nnen glaubten als sie, aber auch das war erfolglos. Keiner der Leute verstand meine notierten Worte \u201einternational call card for 200 Yuan\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Nun ja, ich l\u00e4chelte, aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Ganz klar mein Denkfehler. Vielleicht ist es zu schwer, in einem Laden f\u00fcr Mobiltelefone eine Telefonkarte zu kaufen. Es mag in einem Obstladen einfacher gehen. Meine Bereitschaft zu gehen w\u00e4chst, da steht die Sekret\u00e4rin meines Bosses neben mir und redet auch noch eine Weile. Eigentlich hatte ich mich bis dahin nur unwohl gef\u00fchlt, aber nicht peinlich ber\u00fchrt. Ab dann schon. Wie viele Schw\u00e4chen kann ein Sprachlehrer zeigen? Bei Shakespeare gibt es (bei den \u201eZwei Gentlemen aus Verona\u201c?) den Spruch: \u201eIch beginne zu verstehen, dass aus mir gerade ein Arsch gemacht wird\u201c. Tja! Ich schaue dusselig um mich und starre wie eine Gans wenn es donnert auf die lauteste Verk\u00e4uferin, die eine Kunden anlockende Sch\u00e4rpe um und eine Art Papp-Diadem auf hat, beides mit programmatischen Spr\u00fcchen bestickt. Vermutlich auf Deutsch: Regel 1: \u201eWir sind immer f\u00fcr sie da, so lange Sie Chinese sind\u201c. Regel 2: \u201eMit Mao geht alles irre steil nach vorne los\u201c. In dem Aufzug sieht sie ein wenig aus wie eine sorbische Gurkenverk\u00e4uferin aus dem Spreewald. Das, mit Verlaub, ist aber auch schon das Lustigste an ihr. Pl\u00f6tzlich Getuschel in meine Richtung. Die Verk\u00e4ufer wollen meinen Pass sehen. Wie bitte? Es klatscht gleich, aber keinen Applaus! Brauche ich denn hier f\u00fcr jede gekaufte Banane ein Foto und eine Genehmigung? Ja, beim Konfuzius, der Pass ist bei der Polizei, also Ende der Diskussion. Tsch\u00fcss.<\/p>\n<p>Ich dankte dann der Sekret\u00e4rin und ging weiter einkaufen. Bei einem Fotoladen konnte ich kurz darauf innerhalb von 5 Minuten 12 Passbilder machen, die ich n\u00e4chste Woche f\u00fcr weitere Sp\u00e4\u00dfchen mit der Polizei brauche. Ich sagte das chinesische Wort f\u00fcr Foto und dann das f\u00fcr Reisepass (h\u00f9zh\u00e0o), und der gute Mann nickt und setzt mich auf einen Stuhl, r\u00fcckt mein Kinn zurecht, knippst, druckt, und gibt mir 12 Fotos. Kaum f\u00fcnf Minuten, also ist hier Service doch m\u00f6glich. War ja auch leichter, ich konnte ja schlechterdings Avocados oder einen Wonder-Bra in seinem Laden kaufen, obwohl\u2026<\/p>\n<p>Dann jedenfalls gehe ich weiter die Stra\u00dfen entlang, wo Fahrer in ihren kleinen Vehikeln schlafen, Eisenh\u00e4ndler im Hocken rauchen, W\u00e4schefrauen auf dem Bordstein Steinspiele spielen. Einige zeigen auf mich und sagen laut \u201en\u00e1nk\u00e0n w\u00e0igu\u00f3r\u00e9n\u201c. Meist freue ich mich, wenn ich mal zwei Worte im Radio oder im Gespr\u00e4ch verstehe, aber die Freude ist nicht immer da, denn es hei\u00dft \u201eh\u00e4sslicher Ausl\u00e4nder\u201c, und ein Mann, zwei Meter vor mir, dreht seinem Kind den Kopf zu mir und zeigt in mein Gesicht. Ich f\u00fchle mich ganz, ganz tief zum Kotzen. Mein Blick geht auf meine Schuhe und ich bei\u00dfe mir auf die Lippen wie ein Pubertierender nach einer Dummheit. Ich gehe tapsend auf die andere Stra\u00dfenseite, wo ich in einem kleinen Laden wenigstens ohne Polizeizeugnis das Brot greifen kann, was ich m\u00f6chte. Vielleicht hilft es, bei aller mitteleurop\u00e4ischer Verw\u00f6hntheit, allem Egoismus und der Arroganz, sich alle 10 Jahre \u2013 seit der Abi-Pr\u00fcfung 1998 \u2013 mal 5 Minuten lang so zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Nun wird es aber eigentlich erst interessant. Man k\u00f6nnte denken, dass sich die zehn Mitarbeiter von China Mobile doof f\u00fchlen sollten, wenn sie englische Spr\u00fcche \u00fcber guten Service an den W\u00e4nden haben, aber sie lachten nur. Ich bin derjenige, der sich doof f\u00fchlt. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass hier derart viele Leute auf dem Motorrad oder Fahrrad beinahe einen Unfall bauen oder sich den Kopf aus dem Scharnier drehen, um mir 12 Mal nachzuschauen.<\/p>\n<p>Okay, ich habe hier Arbeit als Lehrer, ich werde f\u00fcr chinesische Verh\u00e4ltnisse sehr gut bezahlt. Und viele sind freundlich zu mir. Der deutsche Boss befiehlt die Kurse und ich unterrichte so wie er es sich denkt. Aber alles eben: Diktatorisch, nicht gewollt. Dass Kinder oder Sch\u00fcler keine Lust oder kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Unterricht haben, kenne ich schon lange. Aber in welchem Ma\u00dfe ich hier nicht gebraucht und teilweise auch nicht gewollt werde, das habe ich wohl untersch\u00e4tzt. Von den dutzenden Arbeitern, Ingenieuren und Managern, die ich unterrichte, sind vielleicht 5 von sich aus interessiert, nach meinem Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Als Sprachlehrer brauche ich die Welt und die Ver\u00e4nderung der Welt. Aber 99,99 % der Welt braucht mich als Sprachlehrer nicht. Ein Vergleich zu Deutschland f\u00e4llt nun auch nicht gerade g\u00fcnstig aus. Ich habe meinen Sch\u00fclern meist erz\u00e4hlt, dass sie Sprachen brauchen und dass sie ihnen die T\u00fcren \u00f6ffnen f\u00fcr die ganze Welt. Aber eventuell habe ich sie, wie Goethes Faust, an der Nase herumgef\u00fchrt. Hier jedenfalls, und auch meistens in Deutschland, kann man auf Ausl\u00e4nder \u201everzichten\u201c, man braucht kein Englisch, wenn nur einer von 50.000 Kunden ein Ausl\u00e4nder ist wie ich hier. Es ist, als h\u00e4tte ich, tausende Kilometer weg, die Regionalschule Sanitz in Mecklenburg letztlich nie verlassen, wo Kinder enthusiastisch dem Nachbarn mit dem Zirkel ins Knie stechen, aber der Unterricht oft eine Farce ist.<\/p>\n<p>Mein Boss sagte, man m\u00fcsse hier in China gegen Vieles ank\u00e4mpfen, und das versuche ich weiterhin. Er sagt: \u201cMit Diktatur k\u00f6nnen die hier wenigstens umgehen, nicht mit Demokratie. Es hilft nichts zu sagen: Englisch k\u00f6nnte f\u00fcr euch wichtig sein\u201c. Vielleicht hat er sehr Recht.<\/p>\n<p><em><a title=\"Myspace-Seite von Carsten Schmidt\" href=\"http:\/\/www.myspace.com\/schmidtcarsten\">Carsten Schmidt<\/a>, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik \u00fcber seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei <a title=\"Michael Fengler\" href=\"http:\/\/www.miescha.de\/\">miescha.de<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schmidt in Shanghai: Verzweifelt &#8211; in einem Handy-Laden, auf der Stra\u00dfe und \u00fcberhaupt. Vielleicht habe ich einen gro\u00dfen Fehler gemacht, indem ich hierher kam. Einen Denkfehler. Vielleicht habe ich zu Unrecht gedacht, dass es naiv ist und ein wenig illusionistisch, z. B. in Uganda eine Sprachschule f\u00fcr Deutsch und Englisch aufzubauen. 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