{"id":131,"date":"2006-03-01T18:22:33","date_gmt":"2006-03-01T17:22:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=131"},"modified":"2006-08-04T18:14:12","modified_gmt":"2006-08-04T16:14:12","slug":"gerade-eben-im-supermarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2006\/03\/01\/gerade-eben-im-supermarkt\/","title":{"rendered":"Gerade eben im Supermarkt"},"content":{"rendered":"<div class='__iawmlf-post-loop-links' style='display:none;' data-iawmlf-post-links='[]'><\/div>\n<p><strong>Weil ich ja heute und in den kommenden sieben Wochen dringend Ersatz f\u00fcr lieb gewonnene Genussmittel ben\u00f6tige, habe ich dem Gemischtwarenladen mit Selbstbedienung soeben einen Besuch abgestattet. Mir war bewusst und in Erinnerung, dass man drumherum <a href=\"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=43\">merkw\u00fcrdige Sachen<\/a>  erleben darf. Dass es aber drinnen \u00e4hnlich kurios und unterhaltsam zugehen kann, m\u00f6chte ich versuchen, im Folgenden anhand von drei Beispielen zu belegen, die sich w\u00e4hrend meines gut halbst\u00fcndigen Aufenthalts zwischen Gem\u00fcse-Auslage, Brot-Sortiment und Milch-Regal abspielten.<\/strong><\/p>\n<p><em>Beobachtung 1: Erst konsumieren, dann zahlen<\/em><\/p>\n<p>In der N\u00e4he des K\u00e4seregals. W\u00e4hrend ich milde gestimmt meinen Blick \u00fcber Gouda, k\u00f6rnigen Frischk\u00e4se und Esrom wandern lie\u00df, nahm ich aus dem Augenwinkel wahr, wie eine junge Frau, gerade mit spitzem Mund schluckte und eine gro\u00dfe Wasserflasche absetzte. Sie kam gerade aus dem Gang mit den Getr\u00e4nken geschlendert. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: Das Wasserflaschensortiment als Selbstbedienungsbar, so hat die Gute wohl das Angebot im Sechsertr\u00e4ger verstanden. Warum noch bis nach der Kasse warten, ich will\u2019s ja kaufen. Eindrucksvoller kann man eine Kaufabsicht eigentlich nicht unterstreichen. <!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich noch an einen Einzelfall glaubte, kamen mir keine zehn Sekunden sp\u00e4ter Mutter und Kind entgegen. Selbstbedienungsmentalit\u00e4t auch hier. Das M\u00e4dchen schleckte ein Eis, beherzt und ungeniert. Es ist zu hoffen und davon auszugehen, dass die Damen das Verzehrte am Ausgang auch tats\u00e4chlich bezahlen. Eine Beobachtung aus einer Zeit, als ich noch keine M\u00f6glichkeit hatte, meine Wahrnehmungen im Internet der Welt\u00f6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren, l\u00e4sst diese Hoffnung aber schwinden.<\/p>\n<p>Am Obststand waren frische Weintrauben (hell) eingetroffen, abgepackt in durchsichtigen Plastikboxen. 1, 59 die Box oder wie viel auch immer. Das ist fair gemeint, schlie\u00dflich ist in allen Kistchen in etwa gleich viel Obst drin, da geht das mit dem Einheitspreis ohne Abwiegen schon in Ordnung. Soweit die Theorie: Man sollte an die unverfrorenen Kunden denken. Zeitgleich mit mir strebte eine junge Frau, Locken, Lederjacke, elegante Stoffhose, Stiefel, Typ erfolgreich im Beruf auf die Trauben zu. Sie war eher da, doch ich wollte gerne warten. Sie pr\u00fcfte die Fr\u00fcchte, doch nicht nur durch Augenschein: Sie \u00f6ffnete eine Box, rupfte eine Weintraube ab, dann noch eine und noch einmal f\u00fcnf. Sie steckte sie sich in den Mund, kaute gen\u00fcsslich, las derweil das Etikett, lie\u00df ihren Blick \u00fcber Tomaten, Bananen und Gurken schweifen und runzelte schlie\u00dflich die Stirn. Offenbar stand ihr Urteil noch nicht fest. Sie knickte damenhaft einen Zweig mit Trauben vom gro\u00dfen Stil, schob sich gleich ein paar Fr\u00fcchtchen zwischen ihre rote Lippen, verschloss die Kiste wieder und &#8211; legte sich doch glatt eine andere Box in ihren Einkaufswagen.<\/p>\n<p>Wer jetzt denkt, hah, Frauen beim Einkaufen, dem empfehle ich:<\/p>\n<p><em>Beobachtung 2: Der Eiermann<\/em><\/p>\n<p>Unmittelbar nach meiner Wasserflaschen-Eisschleck-Beobachtung hatte ich am K\u00e4seregal zu tun. Drei Meter rechts neben mir, am Eierstand passierte derweil ein kleines Malheur. Ein Mann, graue kurze Haare, abgesto\u00dfene Lederjacke, Aktentasche unterm Arm, verlor aus noch nicht gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden die Kontrolle \u00fcber einen Zehnerkarton mit Eiern aus Bodenhaltung in seiner Hand. Es ist ein seltsam leises Ger\u00e4usch, wenn Eier auf Supermarktfliesen aufschlagen und zerbersten. Man erwartet ein lautes Krrkpfitsch oder so. Doch alles, was der Beamte und ich zu h\u00f6ren bekamen, war ein sachtes Zsmmmpf. Das allerdings zehn Mal. Die Sauerei, die durch diese harmlosen Ger\u00e4usche entsteht, ist allerdings auch nicht zu verachten.<\/p>\n<p>Es sind peinliche Sekunden, die nicht abzulaufen scheinen, wenn man in aller \u00d6ffentlichkeit gerade zehn Eier hat fallen lassen, besonders, wenn einem die Eier noch nicht mal geh\u00f6ren. Betont unbeteiligt stand der Verwaltungsmann nun inmitten eines Meers aus Eiwei\u00df und zehn orangen Beulen auf dem Boden. Niemand w\u00fcnscht sich, in derartige Situationen zu kommen, aber jeder hat sich wohl zumindest fl\u00fcchtig einen Plan zurecht gelegt, wie man sich als Eier-Terminator verh\u00e4lt. Katzbuckelig zum Supermarktpersonal kriechen, um Entschuldigung winseln und bitten, die Sauerei wegzumachen w\u00e4re eine Variante.<\/p>\n<p>Die Wasserflaschenfrau w\u00e4re wahrscheinlich zum K\u00fcchenpapier gelaufen und h\u00e4tte erst einmal beherzt ein paar Packungen aufgerissen, um dann im Regal nebenan einen Viledafeudel aus der Schutzfolie zu wickeln, Bodenreiniger zwei G\u00e4nge weiter in einem Haushalts-Eimer aus der Aktionstheke mit Gerlosteiner Medium zu verr\u00fchren und dann sch\u00e4umend die Eierreste zu beseitigen.<\/p>\n<p>Die treue Beamtenseele gab indessen vor, im Regal zwischen den anderen Eierkisten etwas unglaublich interessantes entdeckt zu haben. Jedenfalls blinzelte er angestrengt ganz tief hinein ins Regal, so als h\u00e4tte er R\u00f6ntgenaugen und k\u00f6nne allein mit seinem Blick Eier cremig-weich-hart kochen. Schlie\u00dflich griff er nach einem weiteren Karton &#8211; wir hielten beide den Atem an &#8211; legte die Box in den Einkaufswagen und machte ein Mister-Bean-Gesicht. Das geht so: Den Mund verzerrt man ein wenig, indem man erstens die Lippen spitzt, hinter dem geschlossenen Mund aber den Unterkiefer nach vorne schiebt. Dadurch rei\u00dft man automatisch auch die Augen auf, was einem einen bem\u00fcht unschuldigen, aber leider auch selten d\u00e4mlichen Gesichtsausdruck verleiht. Wenn man dann noch heftig mit den Augen plinkert und die Aug\u00e4pfel von einem Winkel in den anderen rollt, kann man sich trollen &#8211; allerdings in der Gewissheit, Mist gebaut zu haben und f\u00fcr dessen Folgen nicht geradezustehen. Genau das tat der Beamte. W\u00e4hrend er die Lippen sch\u00fcrzte, stakste er mit gro\u00dfem Schritt aus dem Eiersee, blickte sich noch einmal entr\u00fcstet um zu seinem eigenen Werk, begab sich eilenden Schrittes zum K\u00e4seregal, warf einen gehetzten Blick auf Mozzarella und Feta um sich schlie\u00dflich auf dem Hacken umzudrehen, seinen Einkaufswagen herumzurei\u00dfen. Mit fast schon quietschenden Reifen bog er in die n\u00e4chste Seitenstra\u00dfe und verschwand zwischen Wein und Spirituosen. Er wollte bestimmt ganz schnell dem Marktleiter auf die kaputten Eier hinweisen.<\/p>\n<p><em>Beobachtung 3: Was zum&#8230;?<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Eiermann die Flucht ergriff, lief am Schnapsregal ein Verkaufsgespr\u00e4ch. Es ging um Korn und wie viel man davon kaufen m\u00fcsse. &#8220;Das wei\u00df ich nicht, das m\u00fcssen sie selbst entscheiden&#8221;, war die entwaffnend ehrliche Antwort des Markthelfers in seinem rotwei\u00df gestreiften Hemdchen. &#8220;Ja, aber, was denn noch?&#8221; fragte seine Kundin. Es wird ihre Erscheinung gewesen sein, die ihn nachsichtig stimmte, vielleicht war es auch nur seine in zahllosen Wochenendseminaren antrainierte Professionalit\u00e4t, die Furcht um den Arbeitsplatz oder eine geh\u00f6rige Portion Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Vor ihm stand Oma, aber nicht so eine, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, zu der man hinl\u00e4uft, ihr am Kittel zupft und fleht: &#8220;Bitte koch mir Pudding.&#8221; Es gab nicht mal einen Zipfel. Oma trug Schwarz: Hautenge Beinkleider, dazu ein J\u00e4ckchen mit Pelz an Kragen, Saum und \u00c4rmeln. Unter einem mit Strass-Sternen besetzten Hut quoll volles blondes, lockiges Haar in gro\u00dfen Kringeln. Omas F\u00fc\u00dfe steckten in &#8230; tja&#8230; also! Na ja, es gibt kein anderes Wort daf\u00fcr: In, in &#8230; Nuttenstiefeln, jawohl! Solche mit 20 Zentimeter hohem klobigem Absatz, einer Oberfl\u00e4che, die den Anschein erwecken soll, sie bestehe aus Samt und einem Schaft, der bis zum Knie reicht. Omas Gesicht war wei\u00df geschminkt als sei sie unterwegs zum Gothic-Treffen.<\/p>\n<p>Wenn einem so jemand begegnet, muss man aufpassen, dass man nicht gafft. Mit offenem Mund, den Kopf leicht sch\u00fcttelnd, w\u00e4hrend man ohne hinzusehen, immer wieder nach dem Einkaufswagen greift, der aber langsam weiterrollt. W\u00e4hrend man sich zwingt, nicht zu gaffen, hilft einem vielleicht der Gedanke, dass es f\u00fcr all das eine Erkl\u00e4rung gibt: Dass Oma stinkreich ist und das auch gerne zeigt, auch wenn es ein ungew\u00f6hnlicher Anblick ist. Oder: Dass es ihr einfach nur gef\u00e4llt, so zu tun als ob. Vielleicht ist der Vanille-Pudding, den sie kocht, ja auch der leckerste der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil ich ja heute und in den kommenden sieben Wochen dringend Ersatz f\u00fcr lieb gewonnene Genussmittel ben\u00f6tige, habe ich dem Gemischtwarenladen mit Selbstbedienung soeben einen Besuch abgestattet. Mir war bewusst und in Erinnerung, dass man drumherum merkw\u00fcrdige Sachen erleben darf. 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