{"id":1563,"date":"2009-02-11T09:49:19","date_gmt":"2009-02-11T08:49:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=1563"},"modified":"2009-02-16T10:26:38","modified_gmt":"2009-02-16T09:26:38","slug":"unprofessionelles-amtsgericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2009\/02\/11\/unprofessionelles-amtsgericht\/","title":{"rendered":"Unprofessionelles Amtsgericht"},"content":{"rendered":"<div class='__iawmlf-post-loop-links' style='display:none;' data-iawmlf-post-links='[]'><\/div>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; text-align: center;\"><strong>Gestern hat am Amtsgericht G\u00fcstrow der Prozess gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes im Kreis begonnen. Die Berichterstattung \u00fcber den ersch\u00fctternden Fall war aber nicht ganz einfach.<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Anklage wirft der Frau vor, die konkrete telefonische Warnung einer \u00c4rztin \u00fcber ein misshandeltes M\u00e4dchen aus Teterow nicht ordnungsgem\u00e4\u00df an eine zust\u00e4ndige Kollegin weitergeleitet zu haben. Die Frau hatte die Notiz auf einem Zettel auf den Schreibtisch ihrer Kollegin gelegt, das Blatt verschwand, niemand ging noch einmal dem Hinweis nach.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Im Laufe des ersten Prozesstages wurde deutlich, dass es im Jugendamt des Kreises G\u00fcstrow offenbar keine klaren Regeln gab, wie mit einem Hinweis auf misshandelte Kinder \u00fcberhaupt umzugehen sei.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Besonders ersch\u00fctternd in diesem Zusammenhang ist vor allem, dass das M\u00e4dchen <a title=\"Bericht \u00fcber den Prozess gegendie Mutter auf &quot;kohlhof.de&quot;\" href=\"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2007\/01\/12\/missbrauchsprozess-9-jahregefangnis-fur-lea-maries-mutter\/\">drei Jahre lang von der eigenen Mutter gefoltert<\/a> worden war und diese Qu\u00e4lerei so lange ohne Konsequenzen f\u00fcr die Mutter blieb. Laut Staatsanwaltschaft h\u00e4tte das Leiden des M\u00e4dchens erheblich verk\u00fcrzt werden k\u00f6nnen, wenn die Jugendamtsmitarbeiterin richtig gehandelt h\u00e4tte. Das ist nicht passiert &#8211;  Lea-Marie musste immer wieder Kalkreiniger und Essigessenz trinken. Die Mutter hatte unter anderem immer wieder andere \u00c4rzte und Kliniken besucht, um wenig Misstrauen zu erwecken. Die Mediziner hatten immer wieder erhebliche und teilweise auch lebensgef\u00e4hrliche Verletzungen und Ver\u00e4tzungen im Mund und in der Speiser\u00f6hre entdeckt. Au\u00dferdem auch Verbr\u00fchungen auf den Oberschenkeln des Kindes. Die Mutter hatte ihre Tochter mit hei\u00dfem Wasser \u00fcbergossen \u2013 unter anderem, um Geld von einer Versicherung zu kassieren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Lea-Marie lebt inzwischen wohlbeh\u00fctet bei einer Pflegefamilie, sagte ihr Anwalt am Rande des Prozesses. Das M\u00e4dchen wird lebenslang immer wieder an der Speiser\u00f6hre operiert werden m\u00fcssen. Die Mutter des Kindes wurde vor einiger Zeit bereits zu neun Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Der Prozess damals am Landgericht hatte gro\u00dfes \u00f6ffentliches Interesse erregt. Das Gericht in Rostock ging damit gewohnt professionell um: Mit einer Anmeldeliste f\u00fcr Journalisten, reservierten Sitzpl\u00e4tzen f\u00fcr Reporter und Presseinformationen \u00fcber die Termine im Prozess.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Im Amtsgericht in G\u00fcstrow hat man von professioneller Vorbereitung auf Verhandlungstermine von gr\u00f6\u00dferem Interesse keine Ahnung und l\u00e4sst auch in keiner Weise erkennen, dass man dies jemals \u00e4ndern will. <!--more-->Dabei gab es auch in G\u00fcstrow schon aufsehenerregende Verfahren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Leitung des Hauses begn\u00fcgte sich gestern trotzdem mit patzigen Antworten \u2013 Resultat: Weil es im Verhandlungssaal nicht genug Sitzpl\u00e4tze f\u00fcr Zuschauer und Prozessbeobachter gab, musste ich die ersten drei Stunden gemeinsam mit einigen Kollegen vor der T\u00fcr verbringen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Um 9:30 Uhr war Prozessbeginn. Ich stand genau dann am Eingang des Saals und blickte auf drei voll besetzte Stuhlreihen. Hintergrund: In G\u00fcstrow sind auch immer wieder ganze Klassen der Fachhochschule f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege unter den Zuschauern. Das ist in Ordnung, aber f\u00fcr andere Zuschauer bleibt dann fast kein Platz mehr.Jedenfalls gab es mehr Besucher \u2013 Angeh\u00f6rige, Sch\u00fcler, Reporter \u2013 als Sitzgelegenheiten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Mitarbeiterin des Gerichts sagte jedenfalls, dass auf Anweisung der Richterin keine weiteren St\u00fchle in den Saal gebracht werden sollen \u2013 obwohl noch Platz f\u00fcr mindestens zwei weitere Stuhlreihen gewesen w\u00e4re. In diesem Fall ging es um drei St\u00fchle f\u00fcr den Deutschlandfunk, die Nachrichtenagentur ddp und den NDR-H\u00f6rfunk. Allesamt nicht gerade Medienh\u00e4suer, die wenig Leser und H\u00f6rer erreichen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Eine Etage h\u00f6her, wo wir eine Minute sp\u00e4ter vorstellig wurden, sa\u00df die Direktorin des Amtsgerichts auf einem Schreibtisch im Vorzimmer und hatte wohl keine richtige Lust, sich mit dem Problem zu besch\u00e4ftigen. Auf meine Frage, ob es m\u00f6glich w\u00e4re, weitere St\u00fchle in den Saal zu schaffen, bekam ich zur Antwort, dass ich das n\u00e4chste Mal p\u00fcnktlich kommen solle. P\u00fcnktlich? \u201eJa, um 9 Uhr\u201c, war die Antwort. Wohlgemerkt: Zu einem Prozess der um 9:30 Uhr beginnen soll, empfiehlt die Chefin des Amtsgerichts, dass man \u201ep\u00fcnktlich\u201c eine halbe Stunde vorher erscheinen soll.Wenig sp\u00e4ter berichtet mir ein Kollege, der tats\u00e4chlich schon eine halbe Stunde zuvor da war, dass auch zu diesem Zeitpunkt schon nicht genug Pl\u00e4tze vorhanden waren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Auf unsere Fragen, ob es denn k\u00fcnftig Akkreditierungslisten f\u00fcr Journalisten bei \u00e4hnlichen Prozessen geben wird, beschied uns die Leitung des Hauses sinngem\u00e4\u00df, dass man das ganz gewiss nicht tun werde. Au\u00dferdem k\u00f6nne man aus feuerpolizeilichen Gr\u00fcnden keine weiteren St\u00fchle in den gro\u00dfen Saal stellen \u2013 und \u00fcberhaupt: Einige Reporter h\u00e4tten doch Sitzpl\u00e4tze ergattert, damit sei die \u00d6ffentlichkeit des Prozesses gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Das mit den feuerpolizeilichen Gr\u00fcnden kann nat\u00fcrlich sein \u2013 wobei interessant sein k\u00f6nnte zu erfahren, ob die Zahl der St\u00fchle, der Standort der St\u00fchle oder was auch immer nun genau diese feuerpolizeilichen Gr\u00fcnde genau sind.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Das alles ist aber erst recht ein Argument, den Ablauf von Prozessen mit gro\u00dfem Zuschauerinteresse k\u00fcnftig auch im G\u00fcstrower Amtsgericht besser oder vielmehr \u00fcberhaupt zu organisieren. Das Landgericht in Rostock k\u00f6nnte da sicherlich Tipps geben:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Akkreditierungslisten f\u00fcr \tJournalisten<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">dadurch ein Kontingent mit \treservierten Sitzpl\u00e4tzen f\u00fcr Reporter schaffen<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">oder wenigstens Hinweise in den \tTerminsank\u00fcndigungen auf die begrenzte Platzzahl zu geben<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4tte ich auch fr\u00fcher da sein k\u00f6nnen \u2013 ist ja klar. Und auch Leute, die nicht \u00fcber den Prozess berichten, m\u00fcssen Gelegenheit haben, die Verhandlung im Saal zu verfolgen. Allerdings kommt Reportern auch die Rolle zu, einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit \u00fcber das Verfahren zu berichten.Schlie\u00dflich erwarten Justiz und Prozessbeteiligte auch, dass jeder wahrheitsgem\u00e4\u00df und angemessen \u00fcber den Verlauf berichtet \u2013 das ist kaum m\u00f6glich, wenn man vor der T\u00fcr sitzt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Das Amtsgericht in G\u00fcstrow hat allerdings in keiner Weise erkennen lassen, dass man das f\u00fcr ein Problem h\u00e4lt und man sich damit ernsthaft besch\u00e4ftigen will. Ein altkluges Abb\u00fcgeln \u201eDas geht nicht\u201c ist jedenfalls unter aller Kanone.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><em>Der Prozess gegen die Jugendamtsmitarbeiterin hat zwei weitere Verhandlungstermine: Rechtzeitiges Erscheinen k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass man noch einen Sitzplatz im Saal bekommt&#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hat am Amtsgericht G\u00fcstrow der Prozess gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes im Kreis begonnen. Die Berichterstattung \u00fcber den ersch\u00fctternden Fall war aber nicht ganz einfach. Die Anklage wirft der Frau vor, die konkrete telefonische Warnung einer \u00c4rztin \u00fcber ein misshandeltes M\u00e4dchen aus Teterow nicht ordnungsgem\u00e4\u00df an eine zust\u00e4ndige Kollegin weitergeleitet zu haben. 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