{"id":278,"date":"2006-07-09T19:46:07","date_gmt":"2006-07-09T17:46:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=278"},"modified":"2008-07-12T00:35:01","modified_gmt":"2008-07-11T22:35:01","slug":"geschwindigkeitsrausch-auf-dem-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2006\/07\/09\/geschwindigkeitsrausch-auf-dem-wasser\/","title":{"rendered":"Geschwindigkeitsrausch auf dem Wasser"},"content":{"rendered":"<div class='__iawmlf-post-loop-links' style='display:none;' data-iawmlf-post-links='[]'><\/div>\n<p><strong>Der Hilferuf kam am Donnerstag: &#8220;Kannst Du unser Drachenboot-Team verst\u00e4rken?!&#8221; war die fordernde Frage. Zum 11. Drachenbootrennen in Warnem\u00fcnde hatten sich 90 Teams angemeldet. &#8220;Die Pappnasen&#8221; hatten aber wegen Terminproblemen Besetzungsschwierigkeiten. Ich sehe mich gerne in der Rolle des strahlenden Retters in ebensolcher R\u00fcstung &#8211; und so sagte ich zu, ab dem zweiten Lauf mit ins Boot zu steigen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Pappnasen fallen nicht nur durch ihren bemerkenswert unpassenden und der Disziplin unangemessenen Namen auf (nun gut, nicht jeder kann sich Speedboat oder irgendwas mit Dragon nennen), sondern auch durch ihre \u00fcberaus gelassene Einstellung zum Ger\u00e4t und zum Sport. Das Team (seit zehn Jahren am Start), war genau ein einziges Mal vorher beim Training. Einen Schlachtruf hat die Crew aus M\u00e4nnern und Frauen trotz ihrer langen gemeinsamen Geschichte noch nicht entwickelt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-content\/uploads\/2006\/07\/drachenbootrennen.JPG\" alt=\"Drachenbootrennen Warnem\u00fcnde 2006\" height=\"163\" width=\"350\" \/><\/p>\n<p><em><font size=\"1\">Einer der Vorl\u00e4ufe beim Drachenbootrennen, am Ufer haben die<br \/>\nTeams mit Zelten ihre Mannschaftsquartiere eingerichtet und<br \/>\ndr\u00e4ngeln sich Zuschauer. Im Hintergrund ist der Kreuzliner<br \/>\n&#8220;Rotterdam&#8221; zu erkennen, der eine weit angenehmere<br \/>\nForm der Fortbewegung auf dem Wasser erahnen l\u00e4sst.<\/font><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Den ersten Lauf hatten die 18 Paddler auf der Distanz von 280 Metern auf dem Alten Strom in Warnem\u00fcnnde mit 1,23:08 als Sieger hinter sich gebracht. Ich kam kurz vor knapp zum zweiten Lauf hinzu.<!--more--> Es gab eine kurze Einweisung: Ich w\u00fcrde auf der linken Seite im Heck Platz nehmen und erfuhr: man zieht nicht mit den Armen allein, sondern indem man die Kraft des gesamten Oberk\u00f6rpers benutzt und sozusagen vor und zur\u00fcck schwankt. Nun gut.<\/p>\n<p>In der Hektik des Einstiegs ergab es sich dann, dass ich nicht Backbord, sondern Steuerbord, und auch nicht im Heck, sondern zwei Reihen weiter vorn sa\u00df. Auf den Schlagmann sollte ich achten, gab man mir noch zu bedenken. Wir paddelten zum Start. Der Schlagmann ist allerdings kaum zu erkennen, weil zehn Paddler und Paddel vor einem die Sicht behindern und das Boot zum Bug hin schmaler wird und der Taktgeber also weiter innen sitzt. Aber deshalb gibt es ja auch noch eine junge Frau mit Trommel, die den Takt angibt.<\/p>\n<p>Wir probten noch schnell einen Start mit drei langen kr\u00e4ftigen Schl\u00e4gen, zehn kurzen wilden und wieder f\u00fcnf langen wuchtigen. Bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass man sich wunderbar den Daumen zwischen Paddel und Reling quetschen kann.<\/p>\n<p>Am Start richtete ein niederl\u00e4ndischer Fachmann die drei Boote f\u00fcr jeden Lauf aus. Angesichts seines lustigen Zungenschlags fiel die Konzentration schwer. Dann das Startsignal. Hektik, Wasser spritzt, das Boot rauscht, Menschen schreien, andere trommeln, Z\u00f6pfe fliegen, Gischt sch\u00e4umt um den Bug wie Flocken von Schnee. Ich komme nur beim Start im Takt nicht mit. Wir finden unseren Rhythmus. Wie die Teams neben uns hie\u00dfen, habe ich vergessen. Nach zwei Drittel der Strecke hatte ich das Gef\u00fchl, meine Arme schwellen zu einem Umfang meiner Oberschenkel an &#8211; an die filigrane Paddelarbeit mit Hilfe des Oberk\u00f6rpers au\u00dferdem nicht zu denken, denn auch das M\u00e4del vor mir ruderte lieber mit den Armen. Jedes Drachenboot, das \u00fcbrigens die Organisatoren gestellt haben, ist vorne mit einem kleinen Drachenkopf verziert. Und dieses Rennen war ein Drachennase-an-Drachennase-Rennen. Mit nur ein 14 Hundertstel-Sekunden R\u00fcckstand fuhren wir mit 1:22,08 durchs Ziel. Eine Steigerung um genau eine Sekunde.<\/p>\n<p>Lauf drei brachte dann noch mal eine Steigerung, wenn auch der Start wieder nicht so richtig klappte, das ganze Boot wirkte holperig. Am Ende fuhren wird nach 1:21, 48 durchs Ziel. F\u00fcr die Pappnasen wars das, dachten sie zumindest. Aus diesen Vorrundenergebnissen wird ein Durchschnittwert ermittelt und jedes Team dann einer Leistungsklasse zugeordnet. Die schnellsten drei aus jeder Klasse treten zum Finallauf an. Damit rechnete im Mannschaftsquartier der Pappnasen niemand &#8211; Aufbruchstimmung. Die Misserfolge der vergangenen Jahre sorgten f\u00fcr eine beinahe verh\u00e4ngnisvolle Routine. Unser Durchschnittswert lag bei 1:22,22 &#8211; wir waren in unserer Klasse die schnellsten und durften somit noch mal als Favoriten im Finale starten (allerdings in der achten von zehn Klassen).<\/p>\n<p>Noch einmal Spannung, noch einmal den Start ge\u00fcbt. Noch einmal vom Steuermann angefeuert, noch einmal vom Holl\u00e4nder eingewiesen, noch einmal vorgenommen, jetzt auch mal wie versprochen den Oberk\u00f6rper einzusetzen und vor allem: Jetzt nicht noch einmal das brackige Warnowwasser schlucken, wenns wieder um uns herum monsunartig spritzt.<\/p>\n<p>Startsignal &#8211; wir z\u00e4hlen jeden Schlag mit, neben uns auf der Bahn die &#8220;Anonyme Frauengruppe&#8221;, auf Bahn 3 ein Team aus Callcentermitarbeitern. Unser Start l\u00e4uft reibungslos, noch nie war der Schub so stark. Aber trotzdem: Alle Boote gleichauf nach gut 70 Metern, zuckend liegt mal der eine Kahn, mal der andere ein par Zentimeter vorn. Der Steuermann br\u00fcllt so laut wie noch nie. Leichter Vorsprung jetzt f\u00fcr die Frauengruppe ganz in Gelb. Die Telefonisten in Blau fallen zur\u00fcck. Die Pappnasen in Dunkelblau arbeiten wie eine Maschine, gleichauf jetzt wieder  mit der Frauengruppe (zu der auch M\u00e4nner geh\u00f6ren). Die Trommeln wummern dumpf \u00fcber Deck. Die Frauengruppe auf der Mittelbahn feuert sich kreischend an. 170 Meter jetzt geschafft. Die Callcenterleute schieben sich wieder heran, und jetzt wagen die Pappnasen den Ausbruchversuch. Ich habe mir wieder den Daumen geklemmt, aber egal. Die Paddel w\u00fchlen das Wasser auf. Unser Bug schiebt sich nach vorn, die Frauengruppe faucht. Noch 50 Meter, Pappnasen vorn, Frauengruppe holt auf, noch 40, beide gleichauf, noch 30, vielleicht 1 Meter Vorsprung f\u00fcr die Pappnasen, noch 20, Geschrei an Bord aller Boote, Callcenter weit zur\u00fcck, chancenlos, noch 10 Meter, holen die Pappnasen hier den Sieg? Abstand wieder etwas gr\u00f6\u00dfer zu den Anonymen Frauen, noch 5, 4, 3, 2, 1: Sieg f\u00fcr die Pappnasen, sie rei\u00dfen die Paddel in die H\u00f6he, was f\u00fcr ein Wahnsinnslauf, was f\u00fcr eine Zeit, was f\u00fcr ein Sieg! 1:21,21 Bestzeit. Die Frauen fast eine Sekunde langsamer: 1:22,16. Die Telefontypen werden Dritte mit 1:22,32. Triumph.<\/p>\n<p>Insgesamt: Platz 64 f\u00fcr die Pappnasen (von 90 Teams). Zu den schnellsten gibt es einen himmelweiten R\u00fcckstand. Die Los Banditos, Semiprofis, die auch schon mal von Gedser \u00fcber die Ostsee nach Warnem\u00fcnde gepaddelt sind, waren in einem Vorlauf mit 1:08,20 dabei und wurden auch in der obersten Klasse im Finale mit 1:11,08 Sieger.<\/p>\n<p>Bemerkenswert: 1.) Der Holl\u00e4nder am Start mit &#8220;seine dolle Staatanwai\u00dfun&#8221; und 2.) der bestialische Gestank an der Rennstrecke. Eine ganz besondere Kombination, die in den T-Shirts der 1800 abgek\u00e4pmften Paddler zueinanderfand: Schwei\u00df von innen und mucheliges Warnowwasser von au\u00dfen. Einfach f\u00fcrchterlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hilferuf kam am Donnerstag: &#8220;Kannst Du unser Drachenboot-Team verst\u00e4rken?!&#8221; war die fordernde Frage. Zum 11. Drachenbootrennen in Warnem\u00fcnde hatten sich 90 Teams angemeldet. &#8220;Die Pappnasen&#8221; hatten aber wegen Terminproblemen Besetzungsschwierigkeiten. 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