{"id":2989,"date":"2010-08-01T11:54:58","date_gmt":"2010-08-01T09:54:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=2989"},"modified":"2010-08-01T12:16:51","modified_gmt":"2010-08-01T10:16:51","slug":"krawattenfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2010\/08\/01\/krawattenfrage\/","title":{"rendered":"Krawattenfrage"},"content":{"rendered":"<div class='__iawmlf-post-loop-links' style='display:none;' data-iawmlf-post-links='[]'><\/div>\n<p>Es ist doch so: Kaum erh\u00e4lt man die Einladung zu einem rauschenden Fest, stellt sich die Kleidunsgfrage. Nicht so sehr bei den Herren, wohl aber bei den Damen. Unl\u00e4ngst erhielten wir die Einladung zu einem dreit\u00e4gigen Hochzeitsfest, versehen mit den Kleidungshinweisen zu jedem Tagesordnungspunkt: Frack, Cutaway oder dunkler Anzug wurden den Herren nahegelegt. Und obwohl die Damen also vollkommen frei in der Gestaltung und Wahl ihrer Festgarderobe waren, beherrschte der Ausruf: \u201eIch habe nichts anzuziehen!\u201c die Wochen und Monate vor dem Glockenl\u00e4uten. Das ist kein Klischee, sondern grausame Realit\u00e4t.<br \/>\nLeider \u00fcbertr\u00e4gt sich dieser subjektiv empfundene Gew\u00e4nder-Notstand vom einen Geschlecht auf das andere \u2013 wie bei einer Osmose, also der Diffusion von Molek\u00fclen durch eine semipermeable Membran. W\u00e4hrend Frauen also aufz\u00e4hlen, was sie alles nicht anziehen k\u00f6nnen, was deshalb zus\u00e4tzlich beschafft werden muss \u2013 und was an weiteren Accessoires sonst noch notwendig ist, um sich nicht allzu elend f\u00fchlen zu m\u00fcssen, dringen beschwichtigende, m\u00e4nnliche Gegenreden nicht bis zur Dame des Herzens durch. Argument-Molek\u00fcle wie \u201eniemand wird sich daran erinnern, dass Du dieses Kleid schon einmal auf einer anderen Feier getragen hast&#8230; es waren ja ganz andere G\u00e4ste da\u201c prallen an einer Art unsichtbaren Membran ab. Als Antwort wird schlie\u00dflich die Krawattenfrage gestellt, verbunden mit dem Appell, dass man jetzt endlich mal einen sch\u00f6nen Schlips umbinden solle (dass alle bisher verwendeten ebenfalls fremdbestimmt den Weg ins eigene Krawatten-Portfolio fanden, wird bei diesen Gelegenheiten gern verschwiegen).<br \/>\nEs ist ein sch\u00f6nes Ritual, dass vor jeder gr\u00f6\u00dferen Feier Herren sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie h\u00e4tten bisher nur misslungene Binder getragen. Aus diesem Grund erh\u00f6ht sich die Zahl der Krawatten im Kleiderschrank mit jeder Gesellschaft, zu der man geladen ist, um mindestens den Wert eins. Irgendwann werden auch in zahlreichen \u00e4hnlichen Debatten gest\u00e4hlte M\u00e4nner weich. Wenn man dann also ein neues Kleid f\u00fcr die Dame kauft, dann nimmt auch gleich noch einen oder zwei Schlipse mit, dann hat die liebe Seele ruh&#8217; \u2013 und die Dame des Herzens vielleicht ja unter Umst\u00e4nden und m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich recht.<!--more--><br \/>\nAu\u00dferdem ist es nat\u00fcrlich durchaus denkbar, dass einmal geknoteten Krawatten die Patina des Verg\u00e4nglichen, Verbrauchten, Unm\u00f6glichen anhaftet \u2013 und man kalt mit gesellschaftlicher Isolation gestraft wird, sollte man aus Versehen einen Schlips tats\u00e4chlich ein zweites Mal \u00f6ffentlich am eigenen Hals zur Schau stellen. Oder aber die Krawattenmode \u00e4ndert sich tats\u00e4chlich derart schnell, dass man es erstens gar nicht selbst bemerkt und zweitens tats\u00e4chlich best\u00e4ndiger Schlips-Nachschub notwendig ist. Vielleicht geh\u00f6rt die Binder-Industrie wirklich zu den hinterh\u00e4ltigsten \u00fcberhaupt, weil ihre Designs und Farbkombinationen unterschiedlich starker Streifen, Striche, Wellenlinien und Muster eine derart kurze Halbwertzeit haben, dass nun auch in meinem Kleiderschrank eine stattliche Anzahl Binder zusammengekommen ist. Die beiden j\u00fcngsten m\u00f6chte ich gern kurz beschreiben. Der neue rote ist von einem leicht anderen Rot als die anderen beiden, die aber ausgedient zu haben scheinen. Zudem sind die kleinen Karos, die durch ihre unterschiedliche Intensit\u00e4t des Farbtons einen gleichm\u00e4\u00dfig changierenden Effekt hervorrufen, etwas kleiner als bei den anderen beiden. Der neue dunkle Schlips ist hingegen auf eine ganz andere Art dunkel als alle anderen auf dem Krawattenb\u00fcgel \u2013 Worte, die diesen Unterschied treffend beschreiben w\u00fcrden, m\u00fcssen erst noch ersonnen werden.<br \/>\nMit dem Erwerb der beiden Textilien habe ich jedenfalls zum Milliardenumsatz der Krawattenindustrie beigetragen.<br \/>\nAuf der Hochzeitsfeier habe ich \u2013 topaktuell und stilsicher gekleidet, wie ich nun einmal war \u2013 die Chance genutzt und den anderen Herren in Begleitung ihrer Damen um mich herum tief in die Augen gesehen. Wir verstanden uns wortlos. Ihnen allen ging es \u00e4hnlich. Sie alle trugen neue Krawatten \u2013 manche auch Fliegen, auch diese wahrscheinlich Eintagsfliegen. Vielleicht ist es eine gute Idee, bei Hochzeitsfeiern nicht nur Brautstr\u00e4u\u00dfe zu schleudern, sondern zum Ende des Abends noch Schlipse zu tauschen \u2013 dann hat man vor der n\u00e4chsten Feier eine Baustelle weniger und kann sich ganz auf die Kleiderfrage der Damen konzentrieren. Ja, das d\u00fcrfte auch in ihrem Sinne sein&#8230;<\/p>\n<p><em>\u00dcbrigens: Mit diesem Text endet die kurze Urlaubs-Sommerpause bei kohlhof.de. Sch\u00f6n, dass Sie noch da sind ;-)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die Einladung zu rauschenden Festen annimmt, legt sich eine schwere B\u00fcrde auf. Eine Diskussion um angemessene Kleider und Krawatten kann schlie\u00dflich Wochen dauern. Das Ergebnis ist allerdings immer gleich: Am Ende muss zum Beispiel mindestens ein neuer Schlips beschafft werden. Bisher. Ein Vorschlag zur Deeskalation.<\/p>\n","protected":false},"author":55,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"h5ap_radio_sources":[],"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"activitypub_content_warning":"","activitypub_content_visibility":"","activitypub_max_image_attachments":4,"activitypub_interaction_policy_quote":"anyone","activitypub_status":"","footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[2],"tags":[730,170,638,729,636],"class_list":["post-2989","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik-und-verwaltung","tag-feier","tag-gesellschaft","tag-glosse","tag-mode","tag-tagebuch"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/paimI-Md","jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2989","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/users\/55"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2989"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2989\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2989"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2989"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2989"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}