{"id":43,"date":"2006-01-24T17:03:24","date_gmt":"2006-01-24T16:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/?p=43"},"modified":"2006-08-04T18:38:59","modified_gmt":"2006-08-04T16:38:59","slug":"schmah-voller-notruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kohlhof.de\/kohlhof\/2006\/01\/24\/schmah-voller-notruf\/","title":{"rendered":"Schm\u00e4h-licher Notruf"},"content":{"rendered":"<div class='__iawmlf-post-loop-links' style='display:none;' data-iawmlf-post-links='[]'><\/div>\n<p><strong>Eine T\u00fcte Erdnussflips, mehr wollte ich gar nicht. Auf dem Weg in den Feierabend fuhr ich deshalb noch schnell ins Supermarkt-Parkhaus. Unwillk\u00fcrlich fand ich mich mit einer Roboter-Version von Peter Alexander konfrontiert.<\/strong><\/p>\n<p>Wer ins Parkhaus f\u00e4hrt, bekommt ein K\u00e4rtchen, das die M\u00e4dels an der Kasse entwerten und dann der Kassenautomat drau\u00dfen neben der Kaufhaus-T\u00fcr auch noch wohlwollend f\u00fcr g\u00fcltig befinden muss. So l\u00e4uft es Tag f\u00fcr Tag nach alter V\u00e4ter Sitte. \u201cKarte in Ordnung. Bitte zur Ausfahrt\u201d schrieb der t\u00fcrkise Kasten g\u00fctig auf sein Display. Ich w\u00e4re sehr gern gegangen, nur dazu h\u00e4tte ich gern die Karte mitgenommen &#8211; und die r\u00fcckte die Blechbox nicht raus. Stattdessen surrte der Apparat j\u00e4mmerlich aus seinem \u201cKarte-oder-Wertbon-bitte-hier-einf\u00fchren\u201d-Schlitz.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich stand davor und blickte aufmunternd an dem Ger\u00e4t hinauf. \u201cKarte in Ordnung. Bitte zur Ausfahrt\u201d blinkte er mich inzwischen an und ich war mir sicher, darin eine gewisse Ungeduld zu erkennen. Passanten hasteten an mir vorbei, w\u00e4hrend ich hilflos nach einer L\u00f6sung suchte. Sie verbarg sich hinter einem von drei Kn\u00f6pfen, zwei schwarz, einer rot. Neben letzterem stand das Wort \u201cStorno\u201d, die anderen beiden waren f\u00fcr \u201cQuittung\u201d und \u201cNotruf\u201d zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Ich entschied mich f\u00fcr \u201cQuittung\u201d und bet\u00e4tigte beherzt den Knopf. Vielleicht schiebt ja die Quittung auch mein Ticket wieder raus, dachte ich noch so bei mir &#8211; doch der Zahlbeleg kam aus dem extra daf\u00fcr vorgesehenen \u201cQuittung-bitte-hier-entnehmen\u201d-Schlitz. Ich steckte das Zettelchen in meine Manteltasche und kam zu dem Schluss, dass nun wohl nur noch \u201eStorno\u201c helfen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich hatte ich weder die Quittung \u00fcber die Zahlung von 0 Euro noch den ganzen \u00c4rger mit der bl\u00f6den Kiste \u00fcberhaupt gewollt. Zudem wirkte das Rot des Schalters so wichtig. \u201cHey, wenn Du mal richtig in der Tinte sitzt mit dieser ganzen Automatenbande, dann benutz mich\u2026 los benutz mich\u201d schien er laut zu flehen. Verlogener Plastik-Pickel! \u201cNicht m\u00f6glich\u201d, lie\u00df er das Display mitteilen.<\/p>\n<p>Die Lage war ausweglos. Nur, war das eine Notlage, so in etwa wie Raub, Mord oder Totschlag, brennende Autowracks mit eingeklemmten M\u00fcttern, brennende Hochh\u00e4user und dergleichen? Verbindet der Druck auf den \u201cNotruf\u201d-Knopf direkt mit dem Lagezentrum im Innenministerium oder der Leitstelle der Feuerwehr? Oder war \u201cNotruf\u201d nur die wohlwollende Umschreibung f\u00fcr die verr\u00e4ucherte Parkw\u00e4chterbutze am Hintereingang? Berichte von Kollegen \u00fcber beh\u00f6rdliche Anzeigen wegen Missbrauchs \u00f6ffentlicher Notrufeinrichtungen gingen mir durch den Kopf. Egal, ich entschied mich f\u00fcr \u201cNotruf\u201d.<\/p>\n<p>Es piepte wie aus einem Telefon, das an einen Marshall-Verst\u00e4rker angeschlossen wurde. Passanten stockten kurz im Vorbeigehen. Ich nickte ihnen beruhigend zu. Es piepte wieder. Der kalte Klang hallte wieder an den Betonfassaden. Dann knackte es. \u201cBitte bewahoan\u2019s Ruhe. Sie werden sofort zu einer Notrufzentrale durchg\u2019scholtn\u201d, br\u00fcllte der Automat. Fu\u00dfg\u00e4nger, die eben noch betont unbeteiligt taten, warfen mir mitleidsvolle Blicke zu. Da stand also einer vor nem Parkhausautomaten und lie\u00df sich anbr\u00fcllen von einer Stimme mit Wiener Schm\u00e4h, die an den fr\u00fchen Peter Alexander erinnerte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Automat also knackte und ansonsten schwieg hatte ich Zeit, mir dar\u00fcber klar zu werden, was eigentlich gerade passierte. Mal angenommen, man w\u00e4re wirklich in einer ernsten Lage mit verwarzten Drogens\u00fcchtigen, die einem rostige Klingen an die Kehle dr\u00fccken. Zuf\u00e4llig w\u00fcrde sich all dies Ungemach aber in der N\u00e4he eines Kassenautomaten aus \u00d6sterreich zutragen, man dr\u00fcckte in heller Panik erst Quittung, dann Storno, lie\u00dfe sich vom Apparat g\u00e4ngeln, f\u00e4nde endlich den Notrufknopf und bek\u00e4me dann etwas zu h\u00f6ren, was eher an Ribisel und Schlagobers erinnert als an kompetente Hilfe von bewaffneten Sicherheitskr\u00e4ften im Kampf f\u00fcr Gerechtigkeit und die Bedrohten dieser Welt. W\u00e4hrend man also wie angeraten Ruhe bewahren w\u00fcrde, dr\u00f6hnt der Kasten dann erneut: \u201cBitte bewahoan\u2019s Ruhe. Sie werden sofort zu einer Notrufzentrale durchg\u2019scholtn\u201d.<\/p>\n<p>Niemand, aber auch wirklich niemand wird es schaffen, nicht in Panik zu verfallen, wenn einem ausgerechnet in der Stunde h\u00f6chster Not ein \u00d6sterreicher mit der Lautst\u00e4rke eines Stadionsprechers ank\u00fcndigt, dass man demn\u00e4chst durchgeschaltet wird (mal abgesehen von dem Ingrimm der Passanten drumherum, denen man mit der eigenen Notlage den ansonsten doch recht tristen Nachmittag zu versauen geruht). W\u00e4hrend man also scheitert, Ruhe zu bewahren, der fiese Mopp am anderen Ende der Klinge entschlossen sabbert und auf das Portemonnaie giert, redet einem eine \u00f6sterreichische Apparatenstimme ein, dass alles wieder gut wird.<\/p>\n<p>Wie herb muss die Entt\u00e4uschung sein, wenn der einzige Helfer, der einem als Opfer von b\u00f6sen Buben beispringt, der Parkw\u00e4chter aus einem Kaufhaus irgendwo im Nordosten is. \u201cWas\u2019n?\u201d, holte ein breiter norddeutscher Slang aus dem Lautsprecher mich zur\u00fcck aus meinen Alpen- und Alptr\u00e4umen. Es dauerte dann auch keine f\u00fcnf Minuten mehr und der Herr \u00fcber vier Parkdecks kam um die Ecke geschlurft, befreite die Karte und damit mich aus meiner Notlage.<\/p>\n<p>Ich habe Konsequenzen gezogen: K\u00fcnftig werde ich nach M\u00f6glichkeit zu Fu\u00df einkaufen gehen &#8211; und nach \u00d6sterreich werde ich nur noch fahren, wenn ich mich absolut sicher f\u00fchle. Nicht auszudenken, was f\u00fcr ersch\u00fctternde Erlebnisse einen an Notrufs\u00e4ulen zwischen Innsbruck und Wien erwarten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine T\u00fcte Erdnussflips, mehr wollte ich gar nicht. Auf dem Weg in den Feierabend fuhr ich deshalb noch schnell ins Supermarkt-Parkhaus. Unwillk\u00fcrlich fand ich mich mit einer Roboter-Version von Peter Alexander konfrontiert. 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