Halloween beim Deutschlandfunk

Amerikanische Bräuche als Forschungsgegenstand von Rostocker Theologie-Professoren. Bericht für Campus und Karriere im Deutschlandfunk, gesendet am 31.10.2005.

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Anmoderation:

Noch vor ein paar Jahren war Halloween in Deutschland fast unbekannt. Doch mittlerweile gibt es auch hier zu Lande Kinder, die in den Abendstunden von Haus zu Haus gehen und nach Naschwerk verlangen. Wer hat das erfunden und wo? Was hinter nichtchristlichen Festen wie Halloween, Silvester oder dem Valentinstag steckt, das versuchen unter anderem Theologen an der Uni Rostock zu ergründen.

Beitrag

Kinder verkleidet als Zombies und Mumien, Drohungen an der Haustür, Horrorfilme, Kürbisfratzen – für den Rostocker Theologieprofessor Thomas Klie ist das alles in diesem Semester Forschungsgegenstand:

An Halloween lässt sich sehr schön zeigen, wie ein pseudoreligiöser Anlass gemacht wird, wie eine Tradition erfunden wird, die neu für einen mitteleuropäischen Kulturkreis importiert und inszeniert wird. Eine Feier, die ganz stark von der Inszenierung, von der Ästhetik und von der Darstellung, der Performance lebt.

Sein Seminar heißt “Heilige Zeiten – Neue Einträge im zivilreligiösen Festtagskalender”. 20 Studierende gehen dem Phänomen vergleichsweise neuer Fest- und Feiertage auf den Grund. Klie ist nicht der einzige Dozent, der in Rostock Fragen nachgeht wie zum Beispiel: Ist Halloween eine geschickte Erfindung der Süßwaren-Industrie? Ist es wieder entdeckter keltischer Kult? US-Amerikanischer Kitsch? Theologieprofessor Klaus Hock hat versucht, die Ursprünge zu ergründen:

Da stößt man sehr bald auf das Phänomen der Konstruktion oder auch der Erfindung von Halloween und der Einfärbung von Halloween, das plötzlich als ein uraltes heidnisches keltisches Fest rekonstruiert wird, aber es lässt sich eben an wirklich gesicherten Aussagen nichts von dem verifizieren. Die ganzen Bezüge zur keltischen Mythologie stammen aus dem 19. Jahrhundert oder 20. Jahrhundert.

Also viel Dichtung – und wenig Wahrheit. Irgendwann kam damals die Sage von Jack O’Lantern auf, einem irischen Trunkenbold, der es mit einer List schaffte, nicht in die Hölle fahren zu müssen. In den Himmel durfte er aber auch nicht und so irrte er durch die Dunkelheit dazwischen – in der Hand eine Laterne, die er aus einer Rübe geschnitzt hatte.

Irische Auswanderer in den Vereinigten Staaten ersetzten die Rübe durch einen Kürbis. Vor 100 Jahren entwickelte sich dort auch die Tradition, dass Kinder in der Nacht vor Allerheiligen, denn das bedeutet Halloween, an jeder Haustür Süßigkeiten forderten. Aus den USA kam der Brauch zurück nach Europa – Anfang der 90er Jahre – und unter noch nicht vollständig geklärten Umständen.

Was wohl damit zu tun hat, dass im Rahmen des ausgefallenen Karneval die Karnevalindustrie sich auch überlegt hat, vielleicht neue Märkte zu erschließen. Das erklärt nicht den Erfolg von Halloween, aber es ist sicherlich ein Faktor, der eine Rolle spielt.

Richtig religiös sei Halloween sowieso nicht, sagen die Rostocker Wissenschaftler – es sei ein modernes Fest mit anderem Schwerpunkt.

Entscheidend ist bei Halloween doch die Partykultur und der Event-Charakrter. Und da gibt es ne ganz Reihe. Denken Sie an die Loveparade, die jetzt zurückgegangen ist, oder den Christopher Street Day. In die Richtung geht es.

Und Halloween ist ein bisschen beliebig – genau das mache den Reiz des Festes aus, sagt Thomas Klie:

Wahrscheinlich isses genau seine Unbestimmtheit, die dieses Fest attraktiv macht, man kann viele Motive anlagern, Horrorgeschichten, aber auch der Erntedank-Gedanke, es kann sich viel anlagern, ohne dass genau definiert werden muss, was es eigentlich ist.

Wo soll das bloß noch hinführen, auch das eine Frage, der die Theologieprofessoren nachgehen. Verschwindet Halloween in Deutschland so schnell, wie es gekommen ist?

Ich glaube, dass wir den Zenith da noch nicht überschritten haben. Ein wichtiger Punkt ist für mich: Wo wird ein Fest über die Ästhetik Teil der häuslichen Ästhetik, wann hängen Kürbisse in den Fenstern, wann gibt es Gruselmasken, die den häuslichen Schmuck bestimmen? Dann würde ich davon ausgehen, dass ein Fest etabliert ist und eine sehr lange Halbwertzeit hat. Das kann man aber bei Halloween noch nicht prognostizieren, in diesem Prozess sind wir noch mittendrin.

Autor: Christian

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