#Homeofficependeln: Der Start ist das Ziel

Ich fahre jetzt wieder zur Arbeit, jeden Tag. Hin und zurück. Jeden Morgen und jeden Abend hin und zurück.

Die Idee kam mir im Schneematsch. Die kleine Radfahrt bot kein Vergnügen, das Wetter war schlicht zu beschissen. Ich wendete auf der Stelle und fuhr zurück zur Homebase. Am Ende zeigte die Sportuhr: Das waren genau zehn Kilometer, bei gut 30 Minuten. Und dann gab es diesen Geistesblitz: Das mache ich jetzt jeden Morgen – und jeden Abend. Egal, wie gut das Wetter wird.

Schließlich bin ich vor Beginn dieser unsäglichen Pandemie jeden Tag einen Teil der Strecke ins Funkhaus mit dem Rad gefahren. Warum nicht jetzt auch? Nur nicht zum Funkhaus, sondern einfach so 5 Kilometer hin und dann 5 Kilometer zurück.

Und das ist ein sensationelles Gefühl – Auftakt und Abschluss für jeden einzelnen meiner unvorhersehbar laufenden Arbeitstage.

Ein Teil der Strecke führt über Rostocks neue Fahrradstraße, von der schon gut ein Kilometer fertig ist. Nett: Die Lampen an der Radbahn schalten sich Abschnitt für Abschnitt ein, wenn man auf sie zuradelt. Barnstorfer Wald, Zoo, an der Gartenstadt entlang ins Gewerbegebiet – und nach fast exakt 5 Kilometern eine geschmeidige Kehre an einer Straßeneinmündung – und schnell wieder zurück.

Mir hat der Weg zur Arbeit gefehlt – irgendwie. Klar, mir fehlt auch die Arbeit im Epizentrum, aber ich gehe gern ins Homeoffice. Klar, weil das auch bequem ist, aber vor allem, um auch Kontakte zu reduzieren. Mir ist das wichtig.

Es gibt aber auch ein Problem, wie mir heute bei der Fahrt in den Feierabend bewusst wurde: Ich bringe mir immer zu viel Arbeit mit nach Hause.

Kann man nicht knicken, aber falten

Fahrradrücklicht leuchtet auf einsamer Straße
Faltrad-Lackierung: Nachtschwarz
79 Bahnfahrten waren notwendig – seitdem radele ich ins Plus. Seit Anfang des Jahres besitze ich ein Faltrad. Das ist praktisch für Bahnpendler, denn Fahrräder zum Zusammenlegen dürfen ohne Ticket mit. Bilanz nach fast einem Jahr: Nach netto fünf Monaten Pendelei hatte ich den Kaufpreis wieder drin – und bin auch ansonsten vom Faltrad angetan. Von wegen “kannste knicken”.

Früher sagte man Klapprad, aber das klingt so 70er, deswegen ist überall nur noch von Rädern zum Falten die Rede. Ich benutze es, weil ich nahezu täglich mit der Bahn fahre – und vom Bahnhof bis zur Redaktion noch gut vier Kilometer zurückzulegen sind.

Bahnfahrer wissen: Fahrräder mitnehmen kostet extra. Normale Fahrräder jedenfalls. In Regionalzügen kostet die Fahrradtageskarte 5 Euro, in Fernzügen werden für das Fahrrad pro Fahrt 6 Euro fällig. Es kann also sehr schnell recht teuer werden, jeden Tag das normale Fahrrad mitzunehmen.

Ein altes Fahrrad am Bahnhof stehen zu lassen und hoffen, dass über Nacht nichts passiert – das kann man sich ebenfalls sparen. Irgendein degeneriertes Sackgesicht hat mir im vergangenen Jahr mein Bahnhofsrad ausgeschlachtet (ich hoffe, dass meine Verwünschungen inzwischen eingetreten sind und dieser Person mittlerweile die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale in Scheiben abgefallen sind).

Darum also nun ein Faltrad. Weil sie sich eben zusammenklappen lassen, lässt die Bahn sie kostenfrei mitfahren, in allen Zügen.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, ein Fahrrad zum Zusammenlegen anzuschaffen, wird mehrfach überrascht. Die erste Überraschung ist der Preis. Es gibt Falträder, für die gut 5000 Euro aufgerufen werden: vollgefederte Boliden mit Rohloff-Schaltung aus der Berliner Faltrad-Manufaktur von Riese und Müller. Dolle Dinger, aber man müsste gut 1000 Tage mit dem Rad in Regionalzügen verbringen, bis es sich amortisiert – außerdem begleitet den Besitzer eines Faltradschatzes wie diesem sicherlich ständig die Sorge, dass der Fahrradschlächter von Schwerin mit seinen verkümmerten Genitalien in einem unbeobachteten Moment zuschlägt und ein Fahrrad im Gegenwert diverser Monatsgehälter auswaidet.

Aber es geht ja auch billiger: Riese und Müller-Räder starten bei gut 1200 Euro. Das ist dann aber tatsächlich nur das Rad. Die Produktpalette ist vielfältig – ähnlich wie bei einer weiteren Faltradmarke aus dem oberen Segment, bei Brompton-Bikes. Die britische Fahrradmarke preist ihre Räder als ausgereifte Kult-Maschinen.

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Leben am Limit

Man kann sich den Weg zur Arbeit auch schwer machen – wenn man zum Beispiel aufs Rad steigt, obwohl weite Teile der Stadt unter einer Eisdecke liegen.

Eine spiegelglatte Fahrbahn heute morgen am Schlossgarten in Schwerin – das nennt man dann wohl “überfrierende Nässe”. Trotzdem mit dem Fahrrad zur Arbeit eiern – das nennt man dann wohl “übertriebenen Leichtsinn” (wenngleich ich die Formulierung “Leben am Limit” bevorzuge). Und dann doch heil am Funkhaus ankommen – das nennt man dann wohl “übermäßiges Glück”.

PS: Auf der Schlossbrücke in Schwerin ist es so glatt wie sonst nirgendwo. Ich kann das seit gestern Abend bestätigen – und weiß jetzt, wie man sich geschickt abrollt.

Angeschlossen

Es gibt Dinge, die passieren einem nur in Schwerin. Und das ist auch gut so. Mir passieren diese Dinge dann allerdings öfter. Das wiederum ist schlecht. Schon beim ersten Mal in dieser Angelegenheit, war meine Laune arg getrübt. Es war ein sehr früher Morgen – und zu dieser frühesten Stunde wollte ich gerade zum Funkhaus aufbrechen. Irgendein Mftlbrnft hatte allerdings mit seinem Fahrradschloss nicht nur seine Gurke gesichert, sondern auch gleich noch mein Bike mit gefesselt.

Als ich diesen Umstand und mein damit verbundenes späteres Erscheinen telefonisch im Funkhaus angekündigt hatte, hörte ich im Auflegen noch, wie die halbe Technik-Abteilung in brüllendes Gelächter ausbrach. Nun gut, dachte ich damals, dann ist mir das eben mal passiert – und jetzt geschieht so etwas nie wieder.

Ich hatte den Fall schon fast vergessen und meinen 40 Minuten währenden Morgenspaziergang durchs schlafende Schwerin verdrängt, da stand ich also heute am Fahrradständer am Bahnhof… Tatsächlich ist es wieder passiert. Irgendein Depp hat sein Fahrradschloss auch um mein Zweirad geschwungen. Nun steht es da. Und ich war wieder mal zu Fuß unterwegs.

Ich frage mich, woran das liegt. Ein rascher Blick in Vorlesungsverzeichnis der Volkshochschule verrät: Es gibt keinen Kurs “Fahrräder rücksichtsvoll sichern”. Vielleicht wäre ein Lehrgang wie dieser in einer Stadt wie dieser aber doch mal dringend nötig.

Abgefahrene Abfahrt

Eine wahnsinns-Abfahrt per Mountainbike quer durch die chilenische Stadt Valparaiso

Und hier noch ein Verkehrshinweis: Die Innenstadt von Valparaiso ist wegen eines Radrennens für Wahnsinnge für alle anderen gesperrt, bitte umfahren Sie den Berg weiträumig.


Ach ja, die Chilenen… ;-) Aber treten muss man bei dieser abgefahrenen Abfahrt wenigstens nicht.