Die Fünf-Sterne-Pfütze

Schmidt in Shanghai: Ernste Probleme mit dem Visum, Suche nach einem Hotel und kein Huhn

Mein Aufenthalt ist unsicher. Das Visum muss verlängert werden. Deshalb fahren wir mit zwei Managern unserer Firma eine weitere Beantragungsgenehmigung behördlich beantragen. Eine andere Strecke; das allein ist aufregend. Sie zeigen plötzlich auf einen riesigen Bauplatz mit neuen Gebäuden und lassen uns raten, was es wohl ist. Ich tippe naiv auf die zwei einfachsten Möglichkeiten, Fabrik für Lebensmittel oder Textilien. Beide Fahrer lachen, und meine Kollegin neben mir meint, es könnte auch ein Gefängnis sein. Die Fahrer grinsen und sagen. „Ja, ein neues Zuhause für Politische!“ Ich sage zynisch hintendrein: „Oder für freche Ausländerlehrer, die was Falsches gesagt haben“. Wieder lachen beide, aber ich nicht. Meine Kollegin auch nicht. Warum haben sie uns das gezeigt? Meine Arme verschränken sich wie automatisch und die Laternen fliegen draußen vorüber.
Bei der Polizei gibt es wieder eine Fotosession für mich und einige Blitze aus weiteren Kameras. Wo und bei wem eigentlich mein Pass ist, weiß ich nicht. Zu meinem 60 Euro teuren anderen Ausweis sagen sie nur ein Wort: „nutzlos“. Danke noch mal an das heimische Ortsamt in Mecklenburg. Während die Herren Manager, nun ein wenig ernster, mit den Polizisten reden, die immer wieder wollen, dass ich mich woanders hinsetze, weil ich dort – zu meiner eigenen Sicherheit – von mehr Kameras gesehen werde, rufe ich die Botschaften in Frankfurt, Berlin und Shanghai an. Ich habe alle Nummern, auch eine email habe ich schon geschrieben. Keinerlei Antwort, nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Außer lustigen Telefonabfragen in einer Schleife (wenn sie Telefonsex mit dem Botschafter haben wollen, drücken sie jetzt bitte die 9) keine Chance und ewige Besetztzeichen oder obskures Knacken. Sehr hilfreich!
Ich trabe langsam zum Schalter und setze mich neben meinen Chef in einen Sessel, mein Kinn gedankenverloren auf einer Kopie meines Passes ruhend. Die bisher einzige freundschaftliche Geste eines Chinesen mir gegenüber: Der Chef fasst mir ganz kurz an den Oberarm und sagt zwinkernd: „There is a chance“. Neben der ungewollten Berührung eines alten Männerfußes neulich im proppenvollen Schwimmbad die einzige Intimität, die das Land für mich offenbart. Aber es scheint wirklich zu gehen. Ich warte noch eine Weile, dann halten sie ein Papier in den Händen, das bestätigt: Ich darf 4 Wochen bleiben, aber vorher kümmert man sich um eine weitere Aufenthaltsgenehmigung. Und ich höre noch die klugen Journalisten bei den Olympischen Spielen: „Ja, alle freundlich, China öffnet sich der Welt, es ist ein völlig anderes Land geworden“. Klar. Düster wie meine bockigen Gedanken ist auch meine Stimmung nach außen, noch bei der Fahrt ins Apartment. Ich bedanke mich natürlich für die Bemühungen, mich hier zu behalten, aber selbstverständlich bleiben Skepsis und Restzweifel, ob alles gut geht. Die grauen Wolken kreieren ein langes Gewitter über der Stadt, wie Wellen rollen lange Schauer von Donner durch die dicke Wettersuppe. Mein Kopf brummt, es ist schon dunkel, und ich falle in Bett.
Am nächsten Morgen klingelt das Telefon um halb sieben. Dran ist meine Managerin, der ich ein wenig mehr vertraue, warum auch immer. Sie klingt ruhig, warm und freundlich. Ihre Worte vergrößern die kleine, graue Hoffnung des Vortages. Sie sagt, dass es alles gut wird. Gerade hat sie eine neue Bestätigung der gestrigen Bestätigung bekommen. „Mr. Schmidt, you can stay! It will be alright. See you tomorrow!“. Es freut mich und ich atme dankend tief durch. Ich gehe ans Fenster und sehe einen völlig neuen Tag – eine neue schöne Welt – hinter dem vom nächtlichen Regen gereinigten Glas.
Auf dem Balkon sehe ich mit nassem Sattel das Fahrrad, was mich schon in so interessante Teile der Vorstadt gebracht hat. Ich setze mich drauf und tuckere langsam los. Die Sonne steigt, Schritt für Schritt schalte ich gemächlich, mit Restmüdigkeit, Gang für Gang höher. Der langsam trocken werdende Sattel und das Hochschalten erinnern mich an das Fahren in meinen alten, eigensinnigen Mazda, den eine gekonnt ausparkende Fußballerfrau zerstörte. Der Mazda hatte nach regnerischen Nächten auch die individuelle Angewohnheit, mit dem Keilriemen einige Kurven lang die Bevölkerung wach zu quietschen, dann aber war er trocken und surrte brav.
Nun fahre ich wieder einmal durch die Stadt, aber nicht in Richtung Osten zum Expo-Park, wo es eine bizarre Mondlandschaft gibt, aber auch nicht nach Norden, wo ich gestern das neu entstehende Gefängnis sah. Im Süden gibt es viele ländliche Ecken. Es soll ein edles Hotel geben, das will ich finden! Ich sehe dörfliche Streitigkeiten, wobei es offenbar den Männern weniger wichtig ist, dass die Familienehre aus dem Stadttor galoppiert und den Jangtsekiang runter schwimmt, als dass dabei die Helmut Schmidt-Gedächtnis-Dauer-Zigarette ausgeht. Übrigens hat sie auch viele Funktionen, denn die aus dem Fenster gehaltene Zigarette des Beifahrers gilt hier schon als Blinken in der Kurve. Sehr wichtig! Ich überhole nach langem Anlauf ein großes Dreirad, was eine ganze Wiese transportiert und oben drauf noch zwei Kinder. Da sehe ich, mit Gras in den Speichen, eine 10 Meter breite Blumenwerbung für ein großes Hotel einer europäischen Kette, deren Name so ähnlich klingt wie Camping.
Ich fahre in die Einfahrt, denn das muss das tolle Hotel sein. Der Wachmann an der Schranke grüßt militärisch. Auf einmal neuer, breiter Asphalt. Hunderte Gärtner schnippeln an den Straßenrändern an Dahlien, Stachelbeeren und Kirschlorbeer. Es folgen kilometerlange Tartan-Joggingstrecken für die reichen Hotelbewohner, auch weitere Werbung für Golfclubs, natürlich nur Mitgliedschaft durch Einladung. Außer grünen Wiesen und Zäunen nichts zu sehen. Das Hotel will einfach nicht auftauchen. Keine weiteren Hinweise. Nach gut 5 Kilometern ein sehr kleiner, dreckiger Seitenweg, der von der ewigen Straße wegführt.

Luxushotel bei Shanghai aus zufällig anderer Perspektive
Ein Blickwinkel, der im Hotelprospekt sicherlich fehlt: Blick aus dem Bediensteten-Dorf Richtung Lusxusherberge. Foto: Carsten Schmidt

Ich traue mich und radle langsam zwischen dutzenden Müllbeuteln und Essensresten herum. Am Horizont taucht im Dunst ein graues, gigantisches Gebäude auf, aber der Weg scheint davon weg zu führen. Verflucht, es ist wie in Kafkas Romanen: Da will einer zum Schloß und kommt nicht hin. Von gestern stehen noch viele Pfützen auf dem Weg. Dann sehe ich links mit Entengrütze besäte Jauchegräben vor windschiefen Papphütten. Die Gräben sind mit Spanplatten überbrückt. Eine Frau mit wettergegerbtem Gesicht taucht mit einem gelben Hund auf und bietet mir rostbraune Orangen an. Ich schüttele den Kopf und fahre langsam weiter. Eine große Pfütze muss ich sehr langsam durchfahren. Mitten drin hakt das Rad in einen tiefen Spalt und ich purzele sehr un-olympisch vom Ein-Meter-Brett. Als ich halb nass knie, sehe ich aus der neuen Perspektive weitere Müllberge, Hütten und im Hintergrund das beeindruckende Hotel. Dies ist das Viertel der Bediensteten Gärtner, Kellner und Pagen.

Das Hotel liegt hinter Bergen...
Im Hotel arbeiten ein Haufen Leute, die wiederum einen Haufen Müll machen, der wiederum im Dorf gesammelt wird, wo er wiederum für längere Zeit liegen bleibt. Foto: Carsten Schmidt

Der Hinterhof des Reichtums, das Rückgrat des Wohlstandes. Morgendliches Treiben um mich. Kellnerinnen waschen ihre Schürzen, andere ziehen sich ihre Kochkleidung an und traben müde in Richtung Hotel. Ich begebe mich für einige Zeit gern in ihre Perspektive, ihre Ebene, und schiebe dreckig das Rad aus dem Wasser. Ein verzwickter Trampelpfad führt durch eine Art Wald raus aus dem Bediensteten-Dorf und man steht plötzlich neben einem Wachhäuschen. Dann sieht man die halbrunde, königliche Auffahrt des 5-Sterne-Hotels mit blitzeblanken Scheiben und kaminroten Teppichen vor der Tür. Ich fahre eine halbe Runde und sehe sich verbeugende Diener vor einer Limousine. Sie schauen mich unsicher an. Dann verbeugen sie sich auch vor mir, denn ich bin ein Ausländer und könnte ja ein Hotelgast sein, der eben nur verdammt dreckig ist. Ich radle wieder die Auffahrt hinunter. Der Trampelpfad, die Hütten, die Müllberge, alles ist verschwunden und nicht auszumachen, wo ich gerade herauskam. Komisch. Ich nehme die edle, trockene Asphaltstraße für den Heimweg.

Carsten Schmidt, Freund aus Rostocker Uni-Tagen, berichtet in dieser Rubrik über seine Erlebnisse in Shanghai, wo er nun als Deutsch- und Englischlehrer arbeitet. Die Texte erscheinen auch bei miescha.de

Autor: Christian

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