Pamps im Glas

Der Markt für Heißgetränke zum Mitnehmen ist heiß umkämpft und mit entkoffeinierten, fettarmen, ungesüßten lauwarmen Flüssigkeiten in kleinen und mittelgroßen Bechern zum Preis von großen Bechern eigentlich überschwemmt. Die Varianten von Iced Coffee, Latte sonstwie oder Flavoured Cappuccino haben die Messlatte hochgelegt mit der Folge, dass die Coffee-to-go-Industrie sich genötigt fühlt, ständig neue In-Getränke auf den Markt zu werfen – inzwischen auch ganz ohne Kaffee.
Aus diesem Grunde sah man mich heute in meiner Hilflosigkeit beim Blick auf eine fünfseitige Getränke-Karte mit diversen Kaffee-Mixereien und anderem Zusammengerührtem einen Nutterbutter-Shake bestellen. Was die Dame vom Service wenig später an den Tisch brachte, beflügelt die Fantasie, aber nicht die Geschmacksnerven.
Vermutlich wird die Idee zu diesem kalten Mixgetränk in etwa folgenden Weg genommen haben.

Chef vom weltumspannenden Coffee-to-go-Konzern: “Mist, die Verkaufszahlen für Frozen White Chocolate Decaf sind im vergangenen Quartal um 0,2 Prozentpunkte gesunken. Da brechen wir ein, los Marketing-Freak, denk dir was Neues aus, womit wir den Absturz abfedern könnnen!”

Obermotz aus dem Controlling: “Aber denk dran, es muss teuer aussehen, darf uns aber nicht viel kosten.”

Marketing-Freak (beim Blick auf die schmelzenden Eiswürfelreste im Softdrinkglas auf dem Konferenz-Tisch, die aufgerissenen Milch-Schälchen und die Kekskrümel auf dem wuchtigen Mahagoni): “Wie wärs damit: Wir nehmen ein paar Eiswürfel, dazu alte Kekse, träufeln Milch drauf und zerhäckseln alles im Mixer. Na?, Na?”

Obermotz vom Controlling: “Kekse? Weißt Du, was ne Palette Butterkekse kostet? Denk doch auch mal an die Aktionäre! Denkt denn hier niemand an die Aktionäre?”

Marketing-Freak
: “Nun gut, müssen ja nicht die teuren Kekse sein, nehmen wir eben ein paar Erdnussbutter-Taler. Die wird niemand vermissen.”

Chef: “Und das nennen wir dann: Nutterbutter! Weil Erdnüsse drin sind – und Butter eben nicht!”

Es klopft. Die Tür wird aufgestoßen. Der Beauftragte für guten Geschmack und angemessene Optik rauscht herein: “Tut mir Leid, der Kaffee-Automat am Fahrstuhl hatte ne Macke, ich musste lange warten. Habe ich was verpasst?”

Chef, Obermotz und Freak (alle mit unschuldiger Mine): “Nein, nein!”

Chef: “Wir machen das dann so.”

Schon wenig später servierte man mir dann die fragwürdige Mixtur mit dem zu viel versprechenden Namen, während – bedingt durch die unterschiedliche Dichte der verwendeten Baumaterialien – an der Shake-Oberfläche eine brüchige, bröckelige, wässerig durchtränkte Krümel-Schicht aufschwamm, die eine milchigen Bodensatz überdeckte. Diese Substanz zieht man dann durch einen Trinkhalm ein, spürt den Brei auf der Zunge und fragt sich unwillkürlich, ob man das Zeug gerade isst oder trinkt – und ob das alles wirklich 3,90 Euro wert sein kann.
Ich hätte einfach nen Kaffee bestellen sollen. Ohne Schnickschnack. Und der Keks nebendran auf der Untertasse wäre auch noch als solcher zu erkennen gewesen.

Autor: Christian

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3 Gedanken zu „Pamps im Glas“

  1. Was lehrt uns das? Sei nicht immer so neugierig, alles ausprobieren zu wollen, bleib halt einfach beim Kaffee, denn die Zeit haste ja wohl, dass es kein Coffee to go sein muss? Und nimm halt einfach nicht so viel Kleingeld mit – 3,90! (rechne vielleicht mal vorher noch um) der Horror für einfach mal so ein Gesöff! Hast du denn gar nicht daran gedacht, was du zuhause gelernt hast? Sparsamer sein – und was ist mit Teeee?

  2. Also, Pierichen… Mal abgesehen davon, dass ich eine grundsätzliche Probierfreudigkeit schon generell wärmstens begrüße, gebe ich zu bedenken: Der Mann ist Journalist. Nicht neugierig zu sein wäre gleichzusetzen mit Berufsunfähigkeit. Ohne diese Neugier hätten wir heute vermutlich nichts zu lesen gehabt. Und für einen unterhaltsamen Beitrag im Blog sind 3,90€ doch durchaus ein vertretbarer Preis… ;-)

  3. Also die Neugierigkeit ist natürlich beschränkt auf diese Kaffee”köstlichkeiten” und keinesfalls auf andere Dinge, na so was! Ich selbst bin auch neugierig, immer, und das wäre ja wohl schlimm, wenn man es nicht wäre … das hieße ja so viel wie tot sein und wer will das schon???
    Also Journalisti, natürlich weiterhin viele Beiträge, die nur durch deine Neugierigkeit zustandebringst. Und vieeeeele Kommentare!

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