Protestierender Preisträger

Der Deutsche Fernseh-Was? Ach so, Fernsehpreis. Darüber hätte wohl kaum jemand ernsthaft ein Wort verloren, wenn nicht Marcel Reich-Ranicki den Ehrenpreis der Stifter erst nach anfänglicher scharfer Ablehnung und dann auch nur unter bestimmten Bedingungen angenommen hätte. Der 88-Jährige hatte in seiner Rede die Annahme der Trophäe abgelehnt, weil er “nicht in die Reihe” der anderen “vielleicht zurecht” Geehrten gehöre. Von Blödsinn war da sogar die Rede.  Und was man sich da alles anschauen musste während der vierstündigen Aufzeichnung in Köln…. aber sehen sie selbst:

Die Süddeutsche liefert ein nahezu wörtliches Protokoll dieser Ansprache (die Huster bleiben dabei allerdings selbstverständlich unerwähnt).

Das alles war ein Eklat mit Ankündigung, weil die Sendung am Vortag aufgezeichnet wurde und Sonntag dann im ZDF leicht gekürzt zu sehen war. Im Fernsehlexikon hat man die Sendung live mitgebloggt. Die entscheidende Passage beginnt um kurz vor 10 Uhr.

Ich habe die Sendung nicht gesehen. Ich kann mir ja noch erklären, wie die Jury aus Fernsehschaffenden und Medien-Journalisten zu der Erkenntnis kommt, wer ein guter Schauspieler ist und welche Kameraführung besonders gelungen war. Aber müssen denn Richter Alexander Holdt und seine Kollegin Barbara Salesch als Laudatoren auftreten? Und sind Kategorien wie “Beste Reality-Serie” wirklich notwendig? Die spiegeln natürlich auch einen Teil der deutschen Fernsehwirklichkeit wider. Schon klar. Aber warum gibt es dann nicht auch noch Preise für “die schwierigste Frage nach Hühnerprodukten im Call-In-TV”, “hässlichste Damenbluse mit Leopardenmuster im Shoppingfernsehen” oder “schlimmste Zoo-Sendung in der Zeit werktags zwischen 14 und 16 Uhr (maximal 15 Nominierungen möglich)”?

Nun ist die Kritik des Kritikers sicherlich in Teilen berechtigt, bezog sich aber auch auf die Show an sich. Allerdings kann man wohl von keinem einzigen Fernsehprogramm verlangen, dass es ausschließlich cineastisch hochwertige lettische Autorenfilme, Konzerte von 12-Ton-Musik und Lesungen von berechtigt unentdeckten Nachwuchs-Autoren überträgt. Marcel Reich-Ranicki hat wie üblich verbal auf den Tisch gehauen und dabei gleich noch angesichts mancher seltsamer Preiskategorien und Auszeichnungen ebenfalls mit einem Fernsehpreis prämierte journalistische Leistungen wie “das Schweigen der Quandts” mit abgebügelt. Einmal in Rage war MRR einfach nicht mehr zu stoppen. (Bastian Pastewka weist in einem Gastbeitrag fürs Fernsehlexikon übrigens die Kritik Reich-Ranckis in Teilen zurück.)

Geschenkt, bemerkenswert an diesen 5 Minuten Fernsehen sind die kurzen Sequenzen, die das Publikum zeigen. Dort sitzen Präsentatoren und Ansagerinnen, Fragenstellerinnen und Produzenten und klatschen artig, als Reich-Ranicki betont, dass es auf arte viel Gutes zu sehen gebe: Man kann angesichts dieses Applauses zu dem Schluss kommen, dass dieses Klatschen für manchen Fernsehschaffenden eine Art Feigenblatt sein könnte. “Siehste, gibt doch auch Fernsehen für Minderheiten! Und wir lassen derweil weiterhin zum Beispiel drei Jugendliche um einen Ausbildungsplatz kämpfen und machen uns über sie jeden Nachmittag lustig”.

Manche runzeln die Stirn, andere schütteln den Kopf. Nun ja. Reich-Rancki hat den Preis dann ja doch noch angenommen, bzw. lässt er ihn von Thomas Gottschalk verwahren (welcher übrigens sehr souverän reagiert hat). Der Preis dafür: Gottschalk hat eine Diskussionssendung von einer Stunde Dauer mit den Intendanten von ZDF und ARD und auch mit RTL-Chefin Schäferkordt versprochen. Letztere scheint von dieser Idee wenig zu halten, wenn man ihr energisches Kopfschütteln als Maßstab nimmt.

Aber danach haben alle wieder geklatscht, irgendwie befreit, dass der Ehrenpreis-Spuk nun ein Ende hat. Freilich bleiben alle Fragen offen:

– ob es tatsächliche eine Diskussionssendung mit MRR und den Intendanten geben wird

– wann es diese Sendung geben wird (speziell wie viele Minuten vor oder nach Mitternacht)

– auf welchem Kanal sie zu sehen sein wird

– was sich im deutschen Fernsehen eigentlich ändern soll

– und ob sich überhaupt etwas ändern muss, schließlich hat das ja der Fernsehzuschauer mit der Fernbedienung in der Hand (und hätte längst entscheiden können, wenn ihm das alles so nicht gefällt, wie es ist)

Und da ich so generell formulierend ende, möge hiermit deutlich werden, dass mir dazu so schnell auch keine umfassende passende Lösung einfällt. Irgendwelche Vorschläge?

Autor: Christian

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3 Gedanken zu „Protestierender Preisträger“

  1. Na ja! Ich habe diese Sendung gestern gesehen. Ich schaue so etwas sehr gerne und habe dafür den Tatort sausen lassen. Da bin ich, zugegebenermaßen sehr voyeuristisch veranlagt – und diese Kameraschwenks ins Publikum: ach so sieht die Frau von dem aus, nee, die passt aber irgendwie gar nicht zu ihm … Und ich fand die Dankesrede von Michael Gwisdek als geehrter bester Nebendarsteller hätte in eine eigene Comedy-Sendung gepasst, das Publikum und ich haben wirklich herzhaft gelacht, das war klasse! Und ich dachte eigentlich spätestens bei der Dankesrede von Veronica Ferres, dass die Sendung live war? Sie meinte nämlich, es hätte “Krach” zuhause gegeben, ob man nun zum Test-Länderspiel oder zum Boxen gehen sollte (am Samstag!) und nun sei sie hier und nehme den Fernsehpreis entgegen … Worauf Gottschalk unter dem Gelächter des Publikums meinte: Liebe Veronica, diese beiden Veranstaltungen waren gestern … und heute bist du hier, also mach dir keine Sorgen! Also?
    Ja, und was Herrn MRR angeht: Ich mag diesen alten Herren eigentlich ganz gerne, höre ihm gerne zu, bin aber nicht bereit, was er sagt als das Maß aller Dinge zu betrachten! Und lieber MRR Literatur ist seeeeehhhhhr wichtig, natürlich, aber das Leben besteht nicht nur aus derselben! Ich fand, der Fernsehpreis wurde – bis auf manche Comedy, kann ich auch nicht nachvollziehen – zu Recht an verdiente tolle Schauspieler, informative Sendungen, mutige Sendungen (wie z.B. über die Familie Quandt) und an eben solche mutigen Auslandskorrespondenten/-innen, ganz klasse Fernsehspiele und damit Drehbuchautoren/-innen und, und … vergeben. Und schön finde ich die mitunter betroffenen, fassungslosen Gesichter der Nominierten, die dann doch keine Dankesrede halten konnten. Ganz besonders zu erwähnen hier die Verleihung an “Deutschland sucht den Superstar!” und dann dazu das Gesicht der nominierten Cordula Stratmann, als wollte sie sagen, nee, so ein Scheiß aber auch und was bekomme ich?, dazu schüttelte sie ihren Kopf. Sie applaudieren natürlich trotzdem alle brav, manche ehrlich, manche weniger ehrlich, die Mimik sagt alles. Und die Kamera ist unerbittlich, sie zeigt auch alles.
    MRR wurde mit Standing Ovations empfangen, das hat er sichtlich genossen, vielleicht ist er deswegen nicht von vornherein zuhause geblieben (ich glaube ihm nicht so ganz, dass er nicht wusste, was an dem Abend so abläuft), aber ich hoffe nur, der Schlussapplaus mit wieder diesen Standing Ovations galt Herrn Gottschalk, der diese Situation bravourös gemeistert hat und spätestens da hat er manche seiner Kritiker Lügen gestraft, er kanns eben doch noch!
    Ja, und was diese Sendung mit den beiden angeht, die findet am nächsten Freitag, 22.30 Uhr, auf dem Zweiten statt, wetten dass? Schon angekündigt! Mal sehen, ob auch hier wieder gilt: Mit dem Zweiten sieht man besser … Ich fand gestern Abend habe ich damit sehr gut gesehen!

  2. Und gerade könnte ich mich amüsieren über die vielen Stimmen, die ihm Recht geben! So ein Schund, so eine armselige Veranstaltung. Woher bitte schön wissen die das? Haben sie etwa auch geschaut? Na so was!

  3. Guter Mann. Recht hat er. Das Fernsehen ist leider mittlerweile kaum zu ertagen. Gottseidank gint es das Internet – ich wäre sonst wirklich zemlich “medienlos” nur mir Buch, Zeitung und Radio.

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