Weihnachts-Rückblick

Hier die wesentlichen Fakten aus drei Tagen unterm Weihnachtsbaum in Lübeck:

Lübeck-Premiere der Buddenbrooks am ersten Weihnachtstag: Filmpalast Stadthalle kurz vor Filmgebinn

Aussterbende Fehlkonstruktion: Zu den Geschenken in diesem Jahr zählt unter anderem ein Plattenspieler, mit dem man die alten Scheiben in MP3-Dateien verwandeln kann. Schöne Idee, leider ist das in diesem Fall verschenkte Produkt eine Fehlkonstruktion: Viele Platten, die auf dem guten, 20 Jahre alten Spieler problemlos durchlaufen, scheitern auf dem modernen LP-MP3-Wandler. Die Nadel…. die Nadel, also, äh. Ja, was macht die Nadel eigentlich, wie war noch mal was Wort, wenn der Schallplattenspieler nicht vorankommt und immer wieder dieselbe Ste…nkommt und immer wieder dieselbe Ste…nkommt und immer wieder dieselbe Ste…nkommt und immer wieder dieselbe Ste…SCRATCH… Stelle abspielt? Wir hatten echt Mühe, uns an das Wort zu erinnern. Sie stockt, die Nadel? Sie hakt? Nein, alles falsch. Erst 24 Stunden später gabs bei einem Fachgespräch mit dem hier auch kommentierenden “Kpt. Biernot” historische Klarheit: Die Platte springt. Jawohl, so haben wir das damals genannt. Nicht zu fassen, dass man mal sozusagen live miterleben kann, dass eine Formulierung so gut wie ausgestorben ist, die man selbst noch vor ein paar Jahren wie selbstverständlich benutzt hat. Insofern wäre die springende Platte einen Eintrag im Lexikon der bedrohten Wörter wert (das auch unterm Weihnachtsbaum lag. Aber in diesem Buch sucht man ein Kapitel zu sich wiederholenden Platten vergebe…tel zu sich wiederholenden Platten vergebe…tel zu sich wiederholenden Platten vergebe…tel zu sich wiederholenden Platten vergebe…)
Das wahrscheinlich häufigste Geschenk: Viel los am Abend des ersten Weihnachtstages vor dem großen Lübecker Kino. Vergleichsweise viel – es gab schließlich keine Warteschlangen bis zur nächsten Straßenecke. Trotzdem viel Trubel vorm Lichtspielhaus (das ist ein Wort aus dem oben erwähnten Lexikon). Schon vor Tagen hatte die Lokalpresse gemeldet, dass die Karten für die erste Vorfühung der Neuverfilmung der “Buddenbrooks” zur Neige gehen. Es ist wahrscheinlich, dass wenigstens unter jedem zweiten Lübecker Weihnachtsbaum Kinokarten für die “Buddenbrooks” lagen. Tatsächlich laufen im Filmpalast Stadthalle an diesem Wochenende die Buddenbrooks zwischen 10 und 22 Uhr nahheezu im Stundentakt.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer wieder gern an meine Zeit bei den Lübecker Nachrichten, in deren Lokalredaktion es sowieso recht humorvoll zuging. So trug es sich zu, dass eine Praktikantin nachdrücklich betonte, dass es in ihrem Studium vor allem um deutsche und angelsächsische Literatur gehe. Ein gestandener Redakteurskollege teste gleich mal das Fachwissen und sprach ein in Lübeck allgegenwärtiges Werk und dessen Verfasser einfach mal, nun ja, angelsächsisch aus. Ob die gute Frau denn auch schon “Tommäß Määns Battnbruhgs” gelesen hätte. Die Arme dachte ernsthaft darüber nach und man sah ihr an, dass sie bedauerte, den Kopf schütteln zu müssen: Dieses Werk kenne sie nicht. Selten so gelacht.
Aber ich muss gerade reden. Über die ersten 60 Seiten der “Battnbruhgs” bin ich noch nie hinausgekommen. Schlimm, ich weiß. Und für einen Lübecker ist ein derart nachlässiger Umgang mit nobelpreisgekrönter Literatur aus der eigenen Stadt in keiner Weise akzeptabel. Ich werde das Lesen nachholen. Bald. Ganz bestimmt. (Ich habe den Film übrigens noch nicht gesehen)
Barock-n-Roll: Kohlhofs besuchen jedes Jahr den Gottesdienst in der Nacht vom Heiligen Abend zum ersten Weihnachtstag in St. Aegidien. Schließlich ist Mutter Teil des Lübecker Bachchores, der in diesem Jahr die 4. Kantate aus dem Weihnachtsoratorium von Bach gesungen hat. War gut. Am besten war aber das Finale der Christmette. Abschließendes Lied ist traditionell “O, du fröhliche”, wobei sich sehr zur Freude der Gemeinde auch der Zimbel-Stern an der Barock-Orgel klimpernd dreht (hier schon mal erwähnt). Dann steht ein Großteil der mehreren hundert Gottesdienstbesucher beseelt lächeld mit Blick auf die Orgel und lauthals singend in der Kirche. Viele lassen es sich auch nicht nehmen, ihre Begleitung auf diese fast einmalige Attraktion hinzuweisen: Durch Deuten auf den klingenden Metallstern und vor allem durch Nachahmen der Rotationsbewegung mit der Hand und ausgestrecktem Finger.
Die dritte Strophe war verklungen – dann setzt üblicherweise das Nachspiel ein, während die Gemeinde an den Spendenkörben vorbei zum Ausgang strebt. Diesmal blieben viele länger. Denn was folgte, war eine mehr als zehnminütige Improvisation auf diverse Teile von “O, du fröhliche”. Hier stimmt das Bild vom Organisten, der alle Register zieht. Das klang mal jazzig, mal rockig, mal verspielt, mal klassisch, imposant, zart, laut, dröhnend, schmeichelnd. Es hätte wohl nicht viel gefehlt, und aus der Orgel wäre Rauch aufgestiegen. Zum Schluss gabs dann jedenfalls noch eine Seltenheit am Ende eines Gottesdienstes: Applaus für den Mann an der Orgel, den neuen Chef des Bachchores, Eckhard Bürger.

Autor: Christian

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Ein Gedanke zu „Weihnachts-Rückblick“

  1. Ein Tipp wegen der springenden Platte. Vielleicht mal etwas auf den Kopf legen/befestigen. Das kann das Springen verhindern.

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