Kann man nicht knicken, aber falten

Fahrradrücklicht leuchtet auf einsamer Straße
Faltrad-Lackierung: Nachtschwarz
79 Bahnfahrten waren notwendig – seitdem radele ich ins Plus. Seit Anfang des Jahres besitze ich ein Faltrad. Das ist praktisch für Bahnpendler, denn Fahrräder zum Zusammenlegen dürfen ohne Ticket mit. Bilanz nach fast einem Jahr: Nach netto fünf Monaten Pendelei hatte ich den Kaufpreis wieder drin – und bin auch ansonsten vom Faltrad angetan. Von wegen “kannste knicken”.

Früher sagte man Klapprad, aber das klingt so 70er, deswegen ist überall nur noch von Rädern zum Falten die Rede. Ich benutze es, weil ich nahezu täglich mit der Bahn fahre – und vom Bahnhof bis zur Redaktion noch gut vier Kilometer zurückzulegen sind.

Bahnfahrer wissen: Fahrräder mitnehmen kostet extra. Normale Fahrräder jedenfalls. In Regionalzügen kostet die Fahrradtageskarte 5 Euro, in Fernzügen werden für das Fahrrad pro Fahrt 6 Euro fällig. Es kann also sehr schnell recht teuer werden, jeden Tag das normale Fahrrad mitzunehmen.

Ein altes Fahrrad am Bahnhof stehen zu lassen und hoffen, dass über Nacht nichts passiert – das kann man sich ebenfalls sparen. Irgendein degeneriertes Sackgesicht hat mir im vergangenen Jahr mein Bahnhofsrad ausgeschlachtet (ich hoffe, dass meine Verwünschungen inzwischen eingetreten sind und dieser Person mittlerweile die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale in Scheiben abgefallen sind).

Darum also nun ein Faltrad. Weil sie sich eben zusammenklappen lassen, lässt die Bahn sie kostenfrei mitfahren, in allen Zügen.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, ein Fahrrad zum Zusammenlegen anzuschaffen, wird mehrfach überrascht. Die erste Überraschung ist der Preis. Es gibt Falträder, für die gut 5000 Euro aufgerufen werden: vollgefederte Boliden mit Rohloff-Schaltung aus der Berliner Faltrad-Manufaktur von Riese und Müller. Dolle Dinger, aber man müsste gut 1000 Tage mit dem Rad in Regionalzügen verbringen, bis es sich amortisiert – außerdem begleitet den Besitzer eines Faltradschatzes wie diesem sicherlich ständig die Sorge, dass der Fahrradschlächter von Schwerin mit seinen verkümmerten Genitalien in einem unbeobachteten Moment zuschlägt und ein Fahrrad im Gegenwert diverser Monatsgehälter auswaidet.

Aber es geht ja auch billiger: Riese und Müller-Räder starten bei gut 1200 Euro. Das ist dann aber tatsächlich nur das Rad. Die Produktpalette ist vielfältig – ähnlich wie bei einer weiteren Faltradmarke aus dem oberen Segment, bei Brompton-Bikes. Die britische Fahrradmarke preist ihre Räder als ausgereifte Kult-Maschinen.

Ich habe mal eine Probefahrt gemacht auf einem Birdy von Riese und Müller. Auf den 20-Zoll-Reifen fährt es sich, auch dank der Vollfederung, wie auf einem großen Rad. Mit einer 7-Gang-Kettenschaltung kommt man flink und spritzig voran. Inzwischen hat der Rostocker Händler die Riese-und-Müller-Fahrräder weitgehend aus dem Sortiment genommen. Es gebe in der Region schlicht nicht genug Kunden, die bereit sind, für ein Faltrad vierstellige Summen aufzubringen. Ehrlich gesagt gehöre ich dazu. Es ist – trotz aller Finesse – doch nur ein Zweitrad, um vom Bahnhof ins Büro zu kommen (und abends vom Büro nach Hause).

Auch in tieferen Preissegmenten ist die Auswahl groß. Das waren meine Suchkriterien: Faltrad mit Kettenschaltung, fünf bis acht Gänge, Schutzbleche, Gepäckträger ist nicht nötig, gute Bremsen, Preis: vielleicht höchstens 600 Euro. Logisch, dass es sich einfach zusammenlegen lassen muss.

Und voilà, das ist ist es: Ein Tern Link C7i. 20-Zoll-Reifen, Shimano-7-Gang-Ketten-Schaltung, „nur“ Felgenbremsen, Gesamtgewicht: 11,4 Kilogramm. Zusammenzulegen in gut zehn Sekunden.

Zusammengelegtes schwarzes Faltrad
PR-Foto eines zusammengelegten Tern-Rades.
Ich fasse es gleich zusammen: Ich mag dieses Rad, und es ist fast so vollwertig wie ein großes.

Geschwindigkeit ist wichtig (eine Fahrt auf einem Hollandrad wäre mir viel zu gemütlich), und da ist das Tern wahrlich keine Enttäuschung. Geschwindigkeitsmäßig ist man auf einem Faltrad mit 7 Gängen ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer. Ich möchte dieses Rad nicht wieder hergeben. Das Rad ist so kompakt, dass es im Regionalexpress an Einzelplätzen sogar zwischen Fenster und Sitz Platz findet. Anfassen und Tragen geht einigermaßen gut, wenngleich es für meine Pranken nur wenige Stellen gibt, an denen ich am Mittelholm zupacken kann, ohne meine Hand leicht einzuklemmen.

Das Rad hat fahrrad.de geliefert. Direkt in Rostock gibt es keinen Händler, der Falträder von Tern und dergleichen im Sortiment hat. Das Rad kam vormontiert und – auch das ist erstaunlich – es wird nicht zusammengefaltet geliefert. Der Karton ist also beachtlich groß.

Nun ja, Pedale montieren, Halterungen für Lampen und die Reflektoren befestigten, Rad an die eigene Körpergröße anpassen und schließlich: Falten üben. Mehr ist eigentlich nicht zu tun. Sicherlich ist man gut beraten, auch noch mal alle anderen wesentlichen Komponenten zu testen. Die Schaltung war perfekt eingestellt, die Bremsen allerdings ne Katastrophe: viel zu lasch, der Bremshebel ließ sich bis zum Lenker durchziehen. Und auch die Speichen des Vorderrades waren, wie sich nach einigen Monaten herausstellte, offenbar viel zu locker: Eine kapitale Acht war die Folge, die ich mit Hilfe eines Nippelspanners einigermaßen austarieren konnte.

Faltrad zwischen zwei Sitzreihen im Zug.
Zwischen den Stühlen: Im Regionalexpress passt ein Faltrad an vielen Stellen.
Das Faltrad wird an zwei Stellen geknickt. Es gibt ein doppelt gesichertes Scharnier am Mittelholm  und eines an der Lenkstange. Zum Zusammenklappen ist es nötig, zunächst die Sattelstange einzufahren, dann die Querstange am Lenker nach oben zu drehen, dann die Lenkstange einzuklappen und schließlich den Rahmen selbst zu falten. Zudem kann man noch die Pedale einklappen. Eine Metallscheibe und ein Magnet an Vorder- bzw. Hinterachse halten das Rad zusammengeklappt, weil die Achsen direkt aufeinanderliegen. Das Aufklappen geht genauso schnell wie das Zusammenlegen. Wichtiger Tipp: Checken sie die Verriegelungen an den Scharnieren. Mir ist es einmal passiert, dass der Lenker nicht richtig gesichert war und sich das Rad, während ich schwungvoll aufstieg, sozusagen unter meinen Händen wieder zusammenlegte. Die besorgten Nachfragen der umstehenden jungen Frauen waren zwar irgendwie rührend, aber auch peinlich…

Wie fährt es sich, dieses Faltrad? Ganz klar: Das ist ein modernes Rad, das viel Fahrtkomfort bietet. Die Technik wirkt ausgereift, die Komponenten funktionieren gut zusammen. Bauart-bedingt sitzt man sehr aufrecht auf dem Gefährt – die Rückkehr auf ein normales Rad verschafft einem im ersten Moment den Eindruck, bäuchlings auf dem Rad zu liegen. Das Faltrad bringt einen schnell zur Arbeit und auch genau so schnell wieder weg. Man fühlt sich sicher auf dem Rad, jedenfalls habe ich nicht den Eindruck, auf einem zu klein geratenen Clownsfahrrad wie auf rohen Eiern herumgurken zu müssen.

Die Schnellspanner an den Scharnieren müssen von Zeit zu Zeit nachgezogen werden, ansonsten lockert sich die Lenkerstange und hat plötzlich leichtes Spiel – zuweilen muss auch der Schnellspanner an der Sattelstange nachgezogen werden. Das ist es eigentlich schon. Abgesehen vom Nachjustieren der Bremsen und vom Einstellen der Speichen vorn hat mir das Rad bislang keine Probleme bereitet. Jetzt gerade steht es zusammengeklappt im Gepäckfach im Intercity.

Faltrad im Gepäckfach im Intercity.
Passt auch in Fernzüge.
Mitnehmen im Zug ist kein Problem. Das funktioniert natürlich auch im Auto im Kofferraum, allerdings nimmt es dort dann doch ganz schön viel Platz weg.

Inzwischen bin ich sogar kurz davor, das Rad aufzurüsten – nun ja, doch einen Gepäckträger nachzuordern. Das gestaltet sich bei Tern schwierig. So ist eines von zwei Gepäckträger-Modellen in Deutschland nur in Silber lieferbar, was zu einem schwarzen Rahmen nicht sonderlich passt – und die Händlerdichte ist wahrlich gering. Würde ich mir noch mal ein Faltrad kaufen? Ja. Noch mal von Tern? Auch das. Ich würde mir aber noch mehr Gedanken über die Ausstattung machen, damit Nachrüsten nicht zur Suche nach der der berühmten Heuhaufen-Nadel wird.

Faltrad, am Wiesenrand abgestellt.
Bauartbedingt sehen Falträder ein wenig lustig aus.
Hat sich die Anschaffung denn gelohnt? Das Rad hat 435 Euro gekostet. Ich habe eine ausgefinkelte Kalkulations-Tabelle angelegt, die mir anzeigt, ab wann ich ins Plus radele, weil ich den Fahrradfahrschein in der Bahn nicht benötige. Nach einem knappen halben Jahr hatte ich den Anschaffungspreis wieder drin. Hat sich gelohnt.

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge