Aufgebohrt

Wo findet man heutzutage noch gute Handwerker? Man muss manchmal bestimmt lange suchen. Der Bodensatz des deutschen Handwerks jedenfalls bohrt bzw. stemmt gerade mit Inbrunst in der Wohnung über meinem Kopf diverse Löcher in Wände, Böden und was weiß ich denn. Ich durfte eben einen Eindruck davon gewinnen, was einer der Gründe sein dürfte, warum es dem Handwerk so schlecht geht. Dieser spezielle Grund hat rote Haare, ein verstaubtes Basecap auf dem Kopf und kniet im Dreck. Es war 14 Uhr, als dieser junge Mann mit seinem dröhnenden Tagwerk begann – in einem Hochhaus aus Beton, in dem sich jedes Bohrgeräusch ausbreitet wie ein Tsunami.

In einer Wohnanlage wie dieser wird eigentlich immer irgendwo gebohrt. Zur Mittagszeit trauen sich das nur die wenigsten. Schließlich kann sich hier nahezu jeder halbwegs begabte Mensch vorstellen, welchen Lärm das verursacht. Und dann gibt es ja auch noch Paragraf 1 der Hausordnung, in dem die Bewohner aufgefordert werden, jedes störende Geräusch zwischen 13 und 15 Uhr zu unterlassen.

Die Wohnung obendrüber hat gerade einen neuen Eigentümer bekommen – und der lässt nun umbauen. Man geht dann also ein Stockwerk höher, öffnet die Wohnungstür zur Lärmhölle und trifft also auf diesen Typen, dessen Beruf es ist, Bohrmaschinen und anderes Gerät zu benutzen. “Sie machen hier einen Höllenlärm, können Sie das bis 15 Uhr bitte unterlassen?!”, sagt man bestimmt aber freundlich. Die Spitzenkraft des deutschen Handwerks lupft die Mütze, sagt “Ja, gut. Mach ich dann.” Man bedankt sich erleichtert und geht wieder. Drei Minuten später geht der Lärm dann wieder los. Ebenso laut, ebenso ausdauernd. Es gibt viele Wände, Kacheln und Fliesen in der Wohnung da oben.

Man geht also wieder hoch, fragt sich, was der gute Mann wohl falsch verstanden haben muss. Aber die Wohnungstür ist inzwischen abgeschlossen – dahinter rattert der Bohrmeißel. Man hämmert ausdauernd gegen die Tür, mehrfach und immer ein wenig heftiger, bis das Baugeräusch dahinter endlich verstummt und jemand unflätig “Ja?!” brüllt. Es entspinnt sich folgender Dialog durch die verschlossene Tür:

Ich: “Hallo?! Wir hatten Sie doch eben gebeten, bis 15 Uhr leiser zu sein. Das ist wirklich sehr laut!”

Handwerks-Spitzenkraft: “Es ist Freitag, das ist ein ganz normaler Arbeitstag. Und das ist hier kein Kur-Gebiet!”

Ich: “Stimmt, das hier ist ein Wohnhaus.”

Handwerks-Spitzenkraft: “Na und, wir müssen auch unser Geld verdienen!”

Ich: “Aber vielleicht mit weniger lauten Tätigkeiten um diese Zeit?”

Handwerks-Spitzenkraft: “Ich hab mit dem Vermieter telefoniert, der sagt, das ist alles in Ordnung.”

Ich: “Das ist ja schön, dass der das so einschätzt. Wie heißt er denn?”

Handwerks-Spitzenkraft: “Das weiß ich doch nicht!”

Ich: “…?!? Sie wissen nicht, mit wem Sie telefoniert haben?!”

Handwerks-Spitzenkraft: “Nein!”

Ich: “Woher wollen Sie dann wissen, dass es der Vermieter oder Eigentümer dieser Wohnung war?”

Handwerks-Spitzenkraft: “?!?! Aber der hat gesagt, ich soll hier weitermachen!”

Ich: “Wer?”

Handwerks-Spitzenkraft: “Na, der Eigentümer oder Vermieter!”

Ich: “Und Sie wissen nicht, wie der heißt?!”

Handwerks-Spitzenkraft: “Nein, Mann, kucken Sie doch auf das Klingel-Dings!”

(Auf dem Klingelschild steht natürlich kein Name, warum auch, da wohnt ja noch niemand)

Ich: “Dann bohren Sie sich mal nicht in den Finger!”

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel.

So geht das Gedröhne also weiter – ich ärgere mich, auch über mich selbst, weil ich es für spießig halte, mich über Angelegenheiten wie diese aufzuregen, allerdings ist dieser Lärm nun tatsächlich extrem laut. Vor allem ärgert mich aber diese strohdoofe, nassforsche Art, mit der dieser Bohrmaschinen-An-und-Aus-Schalter sich hier aufführt. Und natürlich steht auch die Frage im aufgemeißelten Raum, was das wohl für ein neuer Wohnungseigentümer sein mag, der da oben das Sagen hat (sofern er tatsächlich angerufen wurde).

Es sind jetzt noch drei Minuten bis 15 Uhr. Wetten, dass dieser Stratege da oben gleich Feierabend hat. Heute ist ja Freitag, und ein ganz normaler Arbeitstag…

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge

6 Gedanken zu „Aufgebohrt“

  1. Da ist aber jemand auch empfindliich – der gute Arbeiter hat sich doch auch nicht über Deine ständigen Störungen aufgeregt! :)

  2. Bewohner aufgefordert werden, jedes störende Geräusch zwischen 13 und 15 Uhr zu unterlassen …”
    Genau, die Bewohner können das in einer Art Hausordnung festhalten. Aber gesetzlich war das wohl noch nie. Und für Handwerker erst recht nicht. Welcher Handwerker hat zwei Stunden Mittagspause?
    Als meine Kinder klein waren, wohnte gegenüber eine Rasenmäher-Frau, die immer genau in der Mittagszeit Krach gemacht hat. Auf unsere Bitte, ob sie nicht das Rasenmähen auf später verlegen könnte, kam die Antwort: “Der Gesetzgeber erlaubt das …” Das fanden wir damals schon saublöd – so eine Nachbarinnen-Antwort. Also du tust mir ja leid, aber da musst du wohl durch. Bei uns gibts ganz nette Leute, die bringen ein Schild an: “Wir ziehen demnächst hier ein und müssen noch ein bisschen renovieren. Wir bitten, den Krach die nächste Zeit zu entschuldigen.”
    Jede Stadt und jedes Dorf hat auch nochmal eine eigene Krach-machen-erlaubt-Zeit. Bei uns hier darf das über 21 Uhr nicht hinausgehen.
    Und sag mal, wie war das noch, wolltest du da eh nicht mal ausziehen, Schwerin oder so, aber zumindest aus dieser Mein-Gott-was-muss-ich-mich-schon-wieder-ärgern-Wohnung …

  3. Huhu, wieso ist jetzt wieder alles kursiv, sollte nur der Bewohner am Anfang schräg sein, nicht nur in deinem Haus …

  4. Habe dss Kursiv-Problem behoben. Ja, ich war heute wohl etwas dünnhäutig. Allerdings: Die dummdreiste Art des Handwerkers ist wahrlich abstoßend. So.

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