Im Regionalexpress nicht auffallen

Sie merken es beim Studieren dieser Zeilen möglicherweise nicht sofort, aber ich tippe diesen Text bei einer Geschwindigkeit von gut und gern 100 Kilometern in der Stunde. Dieser Eintrag entsteht also während einer wilden Fahrt durch die norddeutsche Nacht. Man muss das jetzt wohl so machen – jedenfalls hat hier oben im RegionalExpress eigentlich jeder einen von diesen Leuchtkästen, von diesen Streichelhandys in der Hand – da hinten sitzt sogar einer und telefoniert mit dem Ding… absolut verrückt.

Er sagte soeben, dass er jetzt in der Bahn sei und mit der Kohle hinkomme. Vielleicht ist er ja dieser Lukas, von dem ich vor langer Zeit recht viel gelesen habe.
Wie es auch sei, jedenfalls habe ich mich vor geraumer Zeit auf Situationen wie diese vorbereitet und tupfe nun meinerseits wieselflink auf einer beleuchteten Glasscheibe herum und falle überhaupt nicht auf. Vielleicht sollte ich mir für die nächste Reise dieser Art aber im Bahnhof noch einen Papphumpen kaufen, aus dem ich dann laut und deutlich aufgequirlten Fruchtpamps saugen kann – oder was auch immer junge Leute derzeit so für viel Geld in sich reinpumpen.
Eine Frage bleibt allerdings: Ist es unhöflich von mir, das Smartphone auf lautlos geschaltet zu haben? Erwartet man von mir, dass ich den Mitreisenden jeden Tastendruck durch das Standardklickgeräusch vermittele? Neben mir dideldiboingt es nämlich, zwei Reihen weiter vorn tidümmt es sanft, aber regelmäßig – und wenn der Bordcomputer den nächsten Bahnhof ankündigt tschilpt es freundlich. Wenn sich die Tür dann wieder schließen will, dingdideldidummt sie, mehrfach. Lukas probiert übrigens gerade seine Klingeltöne aus.
Und ich tippe hier so still vor mich hin. Wie unangenehm…
Nachtrag:
Die Leuchtdioden glimmen, die Lichtleisten hinter milchigem Plastik illuminieren den Waggon und tauchen die technisierte Welt des RegionalExpress’ in ein zeitgemäßes Licht. Und nun war eben der Anachronist von der DB da und hat meinen Fahrschein kontrolliert. Er hat ihn gelocht. Mit einer Zange. Wie früher. Also ganz früher. Wir haben in dieser für beide Seiten äußerst peinlichen Situation nicht viele Worte gewechselt – aber ich denke, er hat meinen Blick richtig gedeutet: Für die nächste Fahrt werde ich mir selbstverständlich ein Handyticket kaufen. Online. Und dann schalte ich auch meine Lautsprecher wieder ein. Ich muss noch viel lernen…
Nachtrag Nummer 2: Was für eine Ironie! Gerade will ich auf “publizieren” tupfen, da steht doch glatt oben links: “kein Netz”.

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge

3 Gedanken zu „Im Regionalexpress nicht auffallen“

  1. So ein Jammer. Ich liebe das, wenn ich mit dem Zug verreise (gerade komme ich wieder zurück) und höre von allen Mitmenschen irgendwelche iPhone-, Händi- oder sonstigen Geräusche und am meisten interessiert mich immer, was die gerade alles so zu erzählen haben, unglaublich interessant. Aber ehrlich, manchmal bin ich kurz davon zu würgen … Du machst es genau richtig, also mach dir keine Gedanken, gell …

  2. Ck kommt in der Realität an, beinahe. Es gibt auch ices, da kann man das wie ich gerade auch bei mehr als 100 km / h machen.

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