Miese Bewertungen

Eine Glosse über misslungene Produktbewertungen durch Amazon-Kunden

Inhalt, den die Nutzer zu Internetseiten hinzufügen – das ist ein wesentlicher Aspekt von moderner Web-Seiten-Gestaltung. Hier auf kohlhof.de klappt das ja auch in vorbildlicher Weise, wenn die Leser Artikel kommentieren.
Ganz groß in Sachen User-Generated-Content sind ja auch die vielen Shops, die ihre Kunden dazu auffordern, Produktbilder hochzuladen, Waren zu bewerten und sogar die Bewertungen selbst auch noch mal zu bewerten und zu kommentieren. Ganz viel Interaktion also – und sicherlich auch eine große Hilfe beim Stöbern und Online-Shoppen. Wer kauft schon gern ein Teigrührgerät, wenn 17 Nutzer gerade mal einen von fünf möglichen Sternen dafür vergeben haben. Allerdings sollte der Kaufinteressierte sich die Texte unter den Bewertungen noch mal genau ansehen und dann noch mal entscheiden, ob die ans Produkt gelegten Maßstäbe der anderen Käufer auch den eigenen Wertvorstellungen entsprechen.
Denn was soll man denn bitte von Rezensionen halten, die mit Worten wie diesen beginnen: “Die Lieferung kam wie immer pünktlich. Nach drei Tagen war das Paket da. Es war nicht beschädigt.” Selbstverständlich folgt nun auch noch eine ellenlange Analyse des erstandenen Gutes – aber was bitte hat die Lieferung mit der Qualität der Ware zu tun? Ob das Buch spannend zu lesen ist, ob die Firmware im MP3-Player einen Bug hat oder ob das Handbuch der sündhaft teuren Heimkinoanlage nur in koreanischen Schriftzeichen vorliegt, hat doch mit dem Transport eines Pakets original gar nichts zu tun und wird dadurch in keiner Weise beeinflusst. Oder was passiert in den Paketzentren und während der rasenden Fahrt im Postauto?
Was wird künftig noch in Rezensionen einfließen? Das etwa: “Mein neuer Universalbenutzer ist da. Und was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Der Zusteller war wie immer freundlich, er hatte diesmal auch keine Essenreste im Bart. Außerdem muss ich noch sagen, dass das Anschriften-Etikett ausreichend lesbar bedruckt wurde. Sehr schön auch, dass das Graubraun des Kartons so gut zu den anderen Kisten in meinem Keller passt. Ach ja: Das Produkt: Gefällt mir total gut: Die Videos, die ich mag, sehen darauf besonders gut aus – und meine Lieblingsmusik klingt auch von den tiefgründigen Texten her besonders gut. Außerdem kann man damit wunderbar meinen Lieblingskuchen backen: Himbeeren schmecken damit echt himbeerig. 5 von 5 Sternen.”?
Echt gut, dieses Internet!
Bewertungen dieses Artikels bitte in gewohnter Weise hier unten rein: Vielen Dank! ;-)

Autor: Christian

Der Verfasser aller Beiträge auf kohlhof.de (außer in der Kategorie "Schmidt, Schanghai")

2 Gedanken zu „Miese Bewertungen“

  1. Meine persönliche Theorie ist, dass diese Verhaltensweisen ein Erbe dieser unsäglichen Dooyoo-Seiten etc. sind.
    Dort wurden und werden die Nutzer-Reviews von anderen Nutzern bewertet und für viele gut bewertete Reviews gab es dann Gummipunkte.
    Dort hat sich genau dieser Schulaufsatz-Stil eingebürgert: lange, penibel scheinende Texte, oft Wiederholung der ganzen Features aus Werbung und Manual, oft aber ohne eigene Meinung, ohne lange Benutzungsphase, kurz nachdem das Teil bei ihnen angekommen ist. Dieser Stil hat sich scheinbar bei einigen Menschen-Gruppen als *das* Ideal eingebrannt, wie eine gute und ausführliche Bewertung auszusehen hat. Nun müssen wir wohl damit leben…
    Martin

  2. Heute hatte ich Folgendes zum Korrekturlesen: Der Jubilar darf heute seinen 70. Geburtstag feiern. Als er das Licht der Welt erblickte, ahnten seine Eltern noch nicht, dass ihnen ein langer Krieg mit viel Entbehrungen bevorstand – usw., usw. Der Autor lässt sich in seinem Text (was ja eigentlich nur ein Glückwunsch an den Jubilar sein sollte) über den Krieg und viele Nebensächlichkeiten aus – unglaublich. Zum Schluss dann: ach, da war doch noch was, ich wollte ja noch gratulieren und seine Vorzüge hervorheben.
    Also Leute, die vom Thema abschweifen und dermaßen daneben liegen, gabs schon immer und ich erlebe das zweimal in der Woche, das ist also keine Erfindung oder Unart des Internets und der sich damit abgebenden Leute … Ich dachte, das passt hierher, obwohl ich die Laudatio nicht als miese Bewertung abtun wollte – aber eben genau vieles darin vollkommen unnötig und an der Sache vorbei.

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