Karten für Kent

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Kent Nagano. Foto: Wilfried Hoesl

Es ist wie ein Reflex: Aha, für das Konzert mit Dirigent Kent Nagano gibts noch Karten – dann kaufen wir die mal. So muss man das machen. Es ist wie bei Depeche Mode. Da sind die Karten auch binnen Sekunden, so scheint es, vergriffen. Da ist der Run auf Tickets für einen Besuch beim Stardirigenten und seinem Bayerischen Staatsorchester schon zumindest ansatzweise vergleichbar. Man überlegt jedenfalls nicht lange, ob es sinnvoll ist, sich für ein Picknick-Pferde-Sinfoniekonzert mit besagtem Herrn Nagano am Pult noch schnell Karten zu ordern. Man macht das einfach.

Erst später – wenn das Konzert schon begonnen hat – kann es passieren, dass einem auf erschütternde Weise bewusst wird, wo man da eigentlich hineingeraten ist. Und zwar, wenn ein Werk von Alban Berg auf dem Programm steht. Zwölftonmusik. Schwere Kost. Sehr schwere Kost – die Ohren lechzen geradezu nach versöhnlichen Harmonien und werden enttäuscht. Trotz Geigerin Viviane Hagner als Solistin (es soll hier im Weiteren nicht um das perfekte handwerkliche Geschick von Solistin und Klangkörper gehen, sondern vielmehr um die programmliche Gestaltung der ersten Halbzeit bei besagtem Konzert in der ausverkauften Reithalle auf dem Landgestüt Redefin – und der Schwierigkeit, sich auf Zwölftonmusik überhaupt einzulassen).

Man sitzt also zunächst da und lässt die Eröffnungsrede des Gastgebers an die gut 2000 Konzertbesucher über sich ergehen. Spätestens bei dem Satz “Das wird kein leichtes Sommerkonzert, sondern wir werden heute sehr, sehr anspruchsvolle Musiken hören” weckt zweifelhafte Erinnerungen an den Musikunterricht in der Oberstufe. Alban Berg. Da war doch was….

Dann stimmt das Orchester sich ein. Denkt man jedenfalls. Dabei ist das schon der Anfang des erstes Satzes. Und dann wird einem schlagartig bewusst, dass Zwölftonmusik einen ganz anderen Ansatz verfolgt, als mit bekannten und gewohnten Harmonien zu überzeugen. Für unbedarfte Ohren scheint dem Orchester der ganze Auftakt kolossal zu entgleiten – Kenner hingegen setzen sich auf ihrem Plastikstühlchen w0hl noch ein bisschen aufrechter hin.

Man denkt sich also, während man die ersten Takte hört: “Gut, lese ich mal im Programmheft nach, was es mit diesem Klang auf sich hat (und ob schon ein Ende abzusehen ist).” Das Konzert für Violine und Orchester trägt also den Titel “Dem Andenken eines Engels” – das verheißt schon mal nichts Gutes. Na, wird schon nicht so schlimm werden, denkt man noch und blättert vor bis zum kurzen Einführungstext. Der trägt dann den Titel “Trauer mit zwölf Tönen”. Anlass für den Komponisten Alban Berg, sein allererstes Violinkonzert überhaupt zu schreiben, war der Tod eines 18-Jährigen Mädchens, das unter Kinderlähmung gelitten hatte.

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Viviane Hagner. Foto: Bernd Lasdin.

Spätestens jetzt weiß man, dass alles Hoffen auf einen wenigstens ein wenig wiedererkennbaren Konzertauftakt vergebens ist. Da hilft es auch nichts, wenn der unbekannte Verfasser auf den “eigenartig changierenden Charakter des Werkes” hinweist, “der zwar atonal gebunden ist, jedoch oft nicht so klingt”. Diesen Eindruck kann man in jenem Moment jedenfalls nicht teilen.

Das Gefühl, eindeutig zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, genau dann ein, wenn die Blechbläser brummen, während die Geigen erbärmlich wimmern und man gleichzeit den Satz liest: “Während der erste Teil […] noch idyllische und bisweilen heitere Züge trägt, ist der zweite Teil sehr dramatisch angelegt, voller Dissonanzen und abrupter Stimmungswechsel.” Oder mit anderen Worten: Es geht noch viel abgefahrener.

Man hat dann Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen, während man noch versucht, sich irgendwie auf die Musik einzulassen. Dann fällt einem auf, dass Zwölftonmusik für heftige Kommunikation im Publikum sorgt. Hier und da stoßen sich Sitznachbarn an und werfen sich vielsagende, manchmal genervte Blicke zu. Viele haben Karten für Kent gekauft ohne zu ahnen, dass sie damit vor allem Alban buchen. Außerdem geht man in Gedanken schon mal durch, welcher der Sitznachbarn nach der Pause wohl nicht wieder auf seinen Platz zurückkehren wird.

Und dann ist man plötzlich doch drin in dieser Musik, zum Ende des zweiten Aktes. Plötzlich kann man sich mit dem Anspruch der Zwölfton-Komponisten wenigstens ein wenig anfreunden, die Anfang des 20. Jahrhunderts sich jeder Tonalität erfolgreich verweigerten. Dann nämlich, wenn Viviane Hagner zum Ende den letzten Ton über eine halbe Ewigkeit so unglaublich rein und klar und lange hält, dass man eine Gänsehaut bekommt. Vielleicht hilft dabei auch die Gewissheit, dass Frau Hagner auf einer Stradivari aus dem Jahre 1717 spielt.

Der Applaus war höflich überschwänglich, das Tempo, mit dem das Publikum in die Pause ging, allerdings auch. In der zweiten Halbzeit blieben dann weniger Stühle unbesetzt als erwartet. Was folgte war eine sensationelle 8. Sinfonie von Anton Bruckner: Eineinhalb Stunden, vier Sätze, eine Wucht. Das Warten hat sich gelohnt. Und damit hat es sich doch wieder gelohnt, einfach schnell Karten für Kent zu kaufen. (weitere Berichte über Redefin in anderen Jahren hier auf kohlhof.de)

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Zu einem Picknick-Pferde-Sinfonie-Konzert gehört auch eine Hengstparade. Foto: Martina Lawrenz

Autor: Christian

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2 Gedanken zu „Karten für Kent“

  1. Aha: Daher also das Sprichwort “Gut Ding will Weile haben”!
    Da hatte ich das am Freitagabend doch besser im Schlossgarten in Weinheim bei “Afrika, Afrika”. Nach einer guten Viertelstunde war schon klar, das ist nicht zu toppen und natürlich waren alle Plätze nach der Pause wieder besetzt. Das war einfach eine megageile Vorstellung und die afrikanische Musik ging einem noch lange nach, von den Artisten, die anscheinend keine Knochen im Körper haben, ganz zu schweigen. Sensationell!!!
    Aber wie schön, dass ihr wenigstens nach der Pause verwöhnt wurdet. Gut, dass man dann wohl manchmal denkt, nee, das haste bezahlt, warte mal, ob noch Besseres kommt.
    Aber sag mal, gibts denn kein Programmhinweis – vorher??

  2. Selbstverständlich gab es einen Programmhinweis, aber:
    … Man überlegt jedenfalls nicht lange, ob es sinnvoll ist, sich für ein Picknick-Pferde-Sinfoniekonzert mit besagtem Herrn Nagano am Pult noch schnell Karten zu ordern. Man macht das einfach…
    Da spielt vor allem die Annahme eine Rolle, dass alles, was Herr Nagano dirigiert, fantastisch klingen wird. Das stimmt ja auch in den allermeisten Fällen. Ausnahmen bestätigen….
    Und wie gesagt: es geht ja nicht ums Handerwerkliche (das ohne Zweifel höchsten Ansprüchen genügt haben dürfte), sondern nur um meine persönlichen musikalischen Vorlieben.

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