Rostock: Rodel gut

Was es in Rostock so für Schlitten gibt – vom Maurerkübel bis zum Autoreifen.

Hauptsache rodeln, egal womit – schließlich ist jetzt genug Schnee für alle da. Der Blick in die Boxengasse in den Rostocker Wallanlagen offenbarte am Tag nach “Keziban” ein breites Spektrum an rutschenden Untersätzen.

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Klassische Schlitten und Rodel 2.0. Auch Kübel und Autoreifen waren an diesem Sonntag beim Schlittenfahren in Rostock im Einsatz.

1. Ein alter Maurerkübel – auf der vereisten Mittelbahn neben dem Kröpeliner Tor sorgte manche Abfahrt der tollkühnen Männer in ihrer rutschenden Kiste für anerkennendes Raunen und herzhaftes Lachen – wenn sich der teilweise wild schlingernde Kübel spätestens am Fuße der Bahn fast überschlug, auf jeden Fall aber umkippte und die bis zu drei johlenden Insassen in den fluffigen Schnee purzeln ließ.

2. Der Rest eines Bürostuhls – selbst geübt wirkenden Rodlern war es schlicht unmöglich, diesen Untersatz mit den vielen sich drehenden Achsen auf dem Eis einigermaßen zu kontrollieren.

3. Konventionelles aus Holz (und Plastik) – am professionellsten wirken immer noch die klassischen Schlitten mit Metallkufen am Holzgestell. Echte Profis erkennt man daran, dass sie die Schienen mit Kerzenwachs imprägnieren. Für den richtigen Flow im Snow. Das Plastik-Ding konnte da wirklich nicht mithalten (siehe auch: 5).

4. Ein alter Autoreifen – Nach der Plastiktüte als Schlittenersatz (nicht im Bild) wohl fast schon die rudimentärste Art, sich abwärts zu begeben. Ausreichende Unebenheiten auf der Bahn vorausgesetzt, spürt man auch im Gummiring noch jeden kleinsten Hubbel im Hang direkt am Steiß. Da hat man dann noch ein paar Tage länger was vom Rodel-Wochenende.

5. Plastikjolle mit Lenkrad – an sich keine schlechte Idee, aber wer hier zu hektisch das Steuer verreißt, riskiert, anderen Rodlern unvorteilhaft direkt in die Bahn zu stürzen. Hässliche Karambolagen können die Folge sein. Anerkennendes Raunen des zahlreich vorhandenen Publikums darf man dann aber auch erwarten.

Fazit – Egal, was man als rutschbaren Untersatz wählt, viele Teilnehmer dieses sonntäglichen Winterspaßes haben heute bewiesen, dass sie die uralte Kulturtechnik des Schlittenfahrens inzwischen verlernt haben. Der letzte Schlitten-Winter ist wohl zu lange her. Wie ist es sonst zu erklären, dass die Abfahrt-Bahnen auch gleichzeitig als Aufstiegsweg aus dem Tal zurück zum Start genutzt wurden. Früher, als ja sowieso alles besser war, da gab es ein stillschweigendes Einverständnis am Berg, dass man mit dem Schlitten im Schlepp irgendwo am Rand, da, wo Bäume stehen, dort wo niemand rodeln kann, zurück nach oben kraxelt – und nicht den anderen hundert Rodlern fröhlich pfeifend quer durch die Ideallinie tapert. Früher hätten diesen Querfeldein-Typen allerdings auch noch bemerkt, dass sie im Weg waren….

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Nun sehen Sie sich das mal an. Hat man da noch Töne. Dort, wo unbescholtene Bürger einfach nur mal rodeln wollen, tapern andere quer über den Hang und merken nichts. Der Untergang des Abendlandes, wenn Sie mich fragen. Fotos: Christian Kohlhof

Um diesen an Kulturpessimismus und Miesepetrigkeit nicht zu überbietenden Artikel noch auf die Spitze zu treiben, schließe ich mit einer Vorhersage. Sie lautet:

“Schon jetzt wird irgendwo im Rostocker Rathaus jemand sitzen und versuchen auszurechnen, wie groß der Schaden ist, der durch das Rodeln in den Wallanlagen an Grünanlagen und besonders am Bewuchs aller Vorraussicht nach entstanden sein wird. Spätestens mit Einsetzen des Tauwetters wird dann die Rechnung präsentiert. Sie wird, was die Höhe angeht, allgemein überraschen und dazu führen, dass es schon bald eine Wintersportsatzung in der Stadt geben wird, die Rodeln, Schlittenfahren und Skilaufen nur noch auf einem auf dem Neuen Markt aufzuschüttenden Schneeberg von maximal 3 Metern Höhe gestattet – und auch nur bei Tageslicht.”

Warten Sie es ab, wir werden es erleben.

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Autor: Christian

Der Verfasser aller Beiträge auf kohlhof.de (außer in der Kategorie "Schmidt, Schanghai")

5 Gedanken zu „Rostock: Rodel gut“

  1. Der Schnee steht mir bis obenhin. Langsam könnte es doch wirklich aufhören zu schneien. Ständig muss ich 7 Uhr früh aufstehen, um den Gehweg vomm Schnee zu befreien. Da würde ich lieber noch im warmen Bett liegen, aber nein ich muss raus in die Kälte. Zum Glück wurde gemeldet, dass es nur noch wenig Neuschnee geben wird im Laufe des Tages. Ich hoffe das stimmt auch.

  2. Da liegst Du aber mal völlig daneben! Mit Deiner Vorhersage meine ich. Ganz so unflexibel ist unser Rathaus nicht, wenn es um Einnahmen geht. Da sich Rostock inzwischen ja doch zu einer absolut schneesicheren Urlaubsregion gemausert hat, sollen pünktlich zum Ferienbeginn Skipässe verkauft werden.

    Okay, das Rodeln wird teurer, aber dafür wird die geplante Wasserskianlage vom Tradi auch in die Wallanlagen verlegt. Positiver Nebeneffekt: es geht per Lift aufwärts und niemand kreuzt mehr Deine Rodelbahnen.

    Und da in einem echten Winterort schneebedeckte Wege einfach zum Straßenbild gehören, ließe sich auch beim Winterdienst ordentlich sparen. Mehreinnahmen und Sparpotenzial – wenn jetzt noch Petrus seinen Daumen auf den Vertrag drückt und weiterhin für reichlich Schnee sorgt, dürfte Rostocks Haushalt gerettet sein.

  3. wir waren mal auf dem Wallberg auf einer Hütte und da gab es leider keinen Schlitten. Aber eine Toilettenpapier-12er-Packung in Kunststoffverpackung. Ich dachte das ist ja so eine Art Verbundwerkstoff und dämpft klasse beim Rodeln – tut es aber nicht. Urteil: lieber nicht versuchen!

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