1-Euro-Lektion

Man hat schon beim Kauf dieses seltsame Gefühl leichter Verunsicherung: Soll ich dafür wirklich einen ganzen Euro ausgeben? Im Ramsch-Laden können die Verlockungen groß sein. Nicht immer hält man ihnen stand. Ein Dosenöffner für einen Euro kann wie ein tolles Angebot wirken. Wenn man ihn dann auspackt und an die erste Konserve seines jungen Dossenöffner-Lebens ansetzt: Dann geht er sofort kaputt. Man wundert sich darüber auch gar nicht mehr. Man schmeißt ihn einfach weg. Wenn einem das im richtigen Moment wiederfährt, macht man sich plötzlich stundenlang Gedanken über weltweite Warenströme. So wird der Dosenöffer wenigstens zum Augenöffner.Auf jeden Fall spart man sich zunächst den Weg zurück in den 1-Euro-Laden um das kürzlich Erworbene zu beanstanden… denn was hat man von einem 1-Euro-Laden zu erwarten? Man bekommt einen anderen Dosenöffner, der beim Entnehmen aus der Packung in seine Einzelteile zerbröselt – oder man bekommt einen Euro wieder. Aber wie steht man denn dann da, wenn man an der Kasse eines Billigheimers um Erstattung des Kaufpreises feilschen muss? Wer hebt schließlich den Kassenbon eines Artikels auf, für den man gerade mal – in trügerischer Hoffnung und/oder gutem Glauben – einen Euro bezahlt hat… Es ist verrückt: Die Ramschläden sind jedenfalls die Gewinner. Das wäre nicht der Fall, wenn man als Kunde jederzeit Kaufentscheidungen vernunftegabt treffen könnte. Kann man aber nicht. Man macht das Spiel mit, aus Gier, Geiz, Daffke oder Notwendigkeit. Man hat die Dosenöffner im Fachgeschäft nebenan für 17 Euro gesehen und denkt sich, dass man sich Preise dieser Höhe nicht bieten lassen muss. Dann geht man nach nebenan, erwirbt das Billigstück, obwohl man es eigentlich auch vorher schon besser weiß – und hofft trotzdem auf ein Wunder: Dass wenigstens ein einziges Mal folgendes Gesetz des freien Marktes nicht stimmt: “Wer billig kauft, kauft teuer”.

  • Dass eben in diesem Fall einmal nicht verschwitzte, ölig lächelnde Plastik-Einkäufer in schlecht gelüfteten Dosenöffnergriff-Fabriken wöchentlich die Preise weiter drücken wollen,
  • dass tatsächlich Arbeiter in einer Dosenöffner-Schneidrad-Schmiede in einem aufstrebenden Schwellenland eine Methode entwickelt haben, die es a) ermöglicht, zum Stückpreis von einem Dreizehntel Cent b) ein hochwertiges Produkt herzustellen und dabei c) auch noch von ihrer Arbeit leben können.
  • dass es tatsächlich für alle Marktbeteiligten lohnenswert ist, containerweise preiswerte Dosenöffner durch die Weltgeschichte zu gondeln und immer größere Stückzahlen zu produzieren, allein um den Stückpreis weiter zu senken, nicht aber die Qualität

Nein, das alles wird wohl nie passieren. Das Billig-wird-Teuer-Gesetz stimmt wohl immer. Im Grunde werden täglich allein zigtausende Tonnen Haushaltsgegenstände im globalen Handel umhergeschippert und -gefahren, nur um sie dann hier auszupacken und wegzuschmeißen. Und selbst, wenn dieser Müll, der da im grellen Neonröhrenlicht der Billigst-Anbieter liegt, nur einen Euro kostet, hat trotzdem noch jemand kräftig dran verdient. Es ist allerdings zu befürchten, dass eben jener Dosenöffner im Laufe seines Lebenszyklus’ auch einige Verlierer zurückgelassen hat…. und eine ungeöffnete Dose.

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge

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