Frag nie den Lokführer

Im kleinen roten Triebwagen der Regionalbahn sitzt der Lokführer, na klar, ganz vorn. Von seinen Passagieren trennt ihn nur eine grau getönte Tür aus Sicherheitsglas. Und die ist verschlossen – aus gutem Grund. Sonst würde ja alle naselang irgendwer ins Cockpit platzen und fragen, ob man nicht zum Beispiel auch ein bisschen schneller fahren könnte. Aber auch eine verschlossene Tür hindert manche nicht daran zu fragen – das kann dann schon mal einen Polizeieinsatz zur Folge haben. Und ich war dabei.

“Werte Fahrgäste. Aufgrund eines Polizeieinsatzes…”, schnarrte der Schaffner durch die Lautsprecher im sommerlich aufgeheizten Regionalzug, “… verzögert sich unsere Weiterfahrt ab Bad Kleinen um etwa 30 Minuten.” Polizeieinsatz und Bad Kleinen, wenn diese Begriffe in einem Satz fallen, wird der eine oder andere Bahnkunde schon mal unruhig – erst recht, wenn der Zug in dem man sitzt, in genau diesem Moment auf den Bahnhof Bad Kleinen zurollt.
Und dort blieb er dann auf dem Weg in den Feierabend auch erst mal stehen. Erst drei Beamte der Bundespolizei haben schließlich dafür gesorgt, dass es weitergehen konnte. Ich saß ganz hinten im Triebwagen, insofern kann ich nur erahnen, was ganz vorn geschehen ist. Und vielleicht hat es für den Lokführer ja tatsächlich so ausgesehen, dass er bedroht wird. Jedenfalls hat bei ihm ein drahtiger Mann Ende 30 gegen die Glastür geklopft und gefragt, ob es denn nicht möglich sei, mit dem Regionalzug schneller zu fahren. Er begleite Kreuzfahrttouristen, die es eilig hätten, ihr Schiff in Warnemünde noch zu erreichen.
Abgesehen davon, dass es ein lustiges Ansinnen ist, einfach mal zu fragen, ob ein Lokführer mal eben so auf eigene Faust ein so komplexes Konstrukt wie einen Bahnfahrplan mit Streckenbelegungen, Gegenverkehr und was weiß ich noch für Gefahren über den Haufen werfen kann, bleibt noch die Frage, wie man sich dabei entweder derart im Ton vergreifen kann, dass andere die Polizei rufen wollen – oder wie man eine derart zugegeben seltsame Frage so missverstehen kann, dass man glaubt, die Polizei rufen zu müssen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.
Jedenfalls haben die Damen und Herren der Bundespolizei ja auch anderes zu tun, als am Bahnsteig auf Fälle wie diesen zu warten – darum wartete stattdessen der Zug auf Beamte. Die haben dann beide Seiten gehört, schlichtend vermittelt, erkannt, dass keine Gefahr im Ver-Zug ist und haben die Bahn weiterfahren lassen. Inklusive Keuzfahrttouristen, konsterniertem Betreuer und jeder Menge verschwitzter Fahrgäste. Die Kippfenster im Zug sind nämlich verriegelt. Und es ist heiß.
Ich glaube, ich gehe gleich mal vorn beim Fahrer fragen, ob ich den Spezialschlüssel haben kann… mal sehen, welche Spezialeinheit sie dann rufen.

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge

Ein Gedanke zu „Frag nie den Lokführer“

  1. Wenn einer eine Reise tut … Ich saß im ICE, als ein männlicher Fahrgast, durchaus kein Bubi mehr, etwas jenseits der 50, auf einmal feststelle, dass das gar nicht sein Zug ist.
    Notbremse! Ratter, ratter, der Zug hält, war schon etwas außerhalb des Bahnhofs. Das Ganze brachte für alle Fahrgäste eine Verspätung von ca. einer halben Stunde. Weil ein Einziger so egoistisch war, haben zig andere ihren Anschlusszug verpasst. Und das Beste die Erklärung: Sehr geehrte Fahrgäste, wir haben einen außerplanmäßigen Halt, weil aus Versehen einer unserer Fahrgäste die Notbremse gezogen hat. Frechheit! Ganz bewusst hat der Kerl das gemacht, ich musste zum Glück nicht mehr umsteigen und kam dann eben später an. Mich hätte nur mal interessiert, was ihn das gekostet hat. Die Zugbegleiterin hat mir meine Frage, was das denn kostet, wenn einer aus Versehen die Notbremse zieht, nicht beantwortet.

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