Heftige Schlagzeilen

„Es ist die Art der Schlagzeilen, die mich wahnsinnig macht – darum habe ich etwas getan. Schau nach, worum es geht.“ So hätte ich gern die Überschrift für diesen Beitrag formuliert, aber das geht nicht. 1.) würde ich damit genau das nachmachen, was mich so aufregt, 2.) gibt es eine sehr gute Analyse der Seite, die meinen Ingrimm darauf erregt und 3.) hat der Blogger Herm schon viel früher dieselbe Idee mit dieser Überschrift gehabt – und sie auch gleich auf seiner Farm umgesetzt – ergänzt durch seine persönliche Abscheubekundung gegenüber heftig.co.

Die Internetseite verbreitet Nachrichten (oder das, was man für Nachrichten halten könnte). Dies tut sie allerdings ebenso erfolgreich wie abstoßend. Links auf Artikel von heftig.co gehören in den vergangenen Monaten zu den erfolgreichsten: Sie werden bei Twitter und Facebook öfter geteilt als Beiträge von bild.de oder spiegel.de. Das liegt an der perfekten Emotionalisierung der Überschriften. Sie machen neugierig, das ja. Aber sie sind trotzdem so unkonkret, dass es mich wahnsinnig macht. Beispiele? Bitte:

„Ein Pärchen sah etwas im Wasser. Als sie (sic!) es filmten, geschah etwas, dass (sic!) man nur einmal im Leben sieht.“

Oder das: „Als eine Schülerin zu einer Party fuhr, ahnte sie nicht, was sie erwartet. Als ich das Ende sah, musste ich weinen“.

Und das hier noch: „Die Schreie in seinem Garten hörten nicht auf. Als er hinging, sah er etwas, das er nie wartet hätte“.

Klar, wer wird da nicht neugierig? Der Fall mit den Gartenschreien führt zu einem sechs Jahre alten Youtube-Video, das einen wutzichputzigen Fuchswelpen (ich vermute, dass es ein Fuchs ist) zeigt, der mit dem Kopf in einer Konservendose steckt – und natürlich davon befreit wird um sodann mit seinen Knopfaugen in die Kamera zu schmachten. Wer das Video anschaut, wird feststellen, dass es keinesfalls Schreie zu hören gibt, die nicht aufhören. Hintergrundinfos? Nix.

Der Film vom Etwas im Wasser zeigt mindestens einen jungen Seelöwen, der später an Bord einer Yacht geklettert zu sein scheint, um mit Menschen an Bord zu kuscheln. Süß. Das Video ist ein Jahr alt. Immerhin enthält es eine Ortsangabe.

Das Video vom Party-Mädchen schließlich ist ein Kurzfilm, der davor warnt, betrunken Auto zu fahren. Laut heftig.co-Text beruht der Film auf einer „wahren Begebenheit, bei der zwei Schüler in den USA bei einem Autounfall starben“. Im Text zum Video auf Youtube selbst heißt es „Dieser Film handelt von einer vermutlich wahren Geschichte die im Internet kursiert und über das soziale Netzwerk (StudiVZ, Facebook etc.) sehr oft geteilt wurde. Diese Geschichte hat mich damals als ich sie gelesen habe persönlich sehr getroffen. Deshalb habe ich mich entschieden mit dieser Geschichte meinen Video Beitrag für das 99 FireFilms 2014 zu leisten. Auch damit die Geschichte und ihre Message noch mehr Menschen erreicht.“ Der Film ist in der Tat berührend. Aber der Text dazu bei heftig lässt zu wünschen übrig.

Und dann ist da noch diese Disney-Geschichte. Überschrift: „Disney hat uns etwas verheimlicht. Es war die ganze Zeit vor unserer Nase. Falls du es noch nicht bemerkt hast: Hier ist der Beweis“. Die Überschrift lässt Schlimmstes vermuten. Kommt nun der Beweis dafür, dass Disney ein kapitalistischer Konzern ist, der mit Kindchenschema-Figuren und ausgeklügeltem omnipräsentem Merchandising Milliarden scheffelt? Nein.

Dabei geht es um das „A113“-Phänomen (von dem ich zuvor auch noch nie etwas gehört hatte). A113 ist ein Easteregg, das in vielen Animationsfilmen auftaucht. Ein Insider-Witz, eine versteckte Botschaft der Kreativen hinter der Filmidee. Auf Nummernschildern, Tafeln, Maschinen und so weiter taucht in vielen Filmen dieser Zeichencode auf. Er war auch eine Raumnummer im „California Institute of the Arts“. Und viele ehemalige Absolventen bauen diesen Code irgendwo in Kinofilmen oder Trickserien ein. Das kann man genau so nachlesen im Pixar-Wiki – mal abgesehen von der Tatsache, dass Pixar erst seit 2006 zu Disney gehört und damit Disney gar nicht der alleinige Geheimniskrämer war – und auch Produktionen, die nicht aus den Häusern Disney und/oder Pixar stammen, die A113 enthalten. Die Fotos zum Text hat heftig wiederum aus einer Imgur-Sammlung.

Heftig.co ist also eine Seite, die bewundernswert geschickt mit ihren Überschriften Neugier weckt und auf oft äußerst belanglose aber niedliche Videos oder Bilder verlinkt. Kann man ja machen, auch auf Quellenangaben verzichten oder sie möglichst hellgrau auf weiß verstecken, nun ja. Und keine Hintergrundinfos bieten.

Mir ist das gleichzeitig zu viel und zu wenig – und irgendwie zu offensichtliches Klick-Geheische. Laut Rhein-Zeitung übernimmt heftig auch viele Beiträge von der Vorlage viralnova.com, die nach ganz ähnlichem Muster funktioniert. heftig selbst soll demnach seinen Sitz in einem Steuerparadies in Übersee haben. Dieses Zusammengeklicke ohne Zeitbezüge, eindeutige Quellenangaben und Hintergrundinfos – mir gefällt das nicht. Ich habe das alles mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination beobachtet. Aber dann wurde es mir zu viel. Ich habe heftig.co abgeschaltet…. zumindest in meiner Facebook-Timeline.

Screenshot: Bestätigungsfenster "heftig.co verbergen?"
Facebook fragt noch mal nach: Heftig.co wirklich ausblenden?

Übrigens: Die wohl älteste Antwort auf die Frage nach der A113 ist schon vier Jahre alt. Sie kommt vom John Lasseter, Trickfilm-Regisseur und -Produzent. Zu finden ebenfalls auf Youtube:

Autor: Christian

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