Übers Eis nach Hiddensee

Luft -4 C°, Wasser, +1 C°- ideale Bedingungen für einen winterlichen Tagesausflug nach Hiddensee. Die kleine Insel westlich von Rügen wirkt Mitte Januar allerdings so, als habe der Winter sie eingefroren.

Eis, mindestens fünf Zentimeter dick, zwischen Rügen und Hiddensee. Hier ist das Wasser ruhiger, flacher und deshalb etwas kälter als auf dem offenen Meer. Für die “MS Schaprode” kein Problem. Brummend schubbert sie durch das Eis, die Schollen brechen knackend. Eisplatten kratzen donnernd am Rumpf des Linien-Dampfers entlang. Schwäne und Möwen stehen auf dem Eis am Rand der Fahrrinne und schauen dem Schiff gelangweilt nach. Schon die Fahrt zum Hafen Kloster macht deutlich: Auf Hiddensee ist im Januar wohl nicht viel los.

Am Schiffsanleger dann doch ein bisschen Gedrängel: Urlauber hieven ihre Koffer an Bord, das Fährpersonal trägt Getränkekisten an Land. Vom Hafen mit den beiden Reetdachhäusern sind es nur rund drei Gehminuten – und schon steht man mitten in der Gegend. Eine sehr schöne Gegend, zweifellos: mit Rauhreif überzogene Hügellandschaft. Darauf locker drapiert: Tannen, Birken, Kühe und kleinen Reetkaten unten an der Küste, die sich vor dem kalten Wind zu ducken scheinen.

Der Weg mit Betonplatten aus DDR-Zeiten schlängelt sich hinauf auf 72 Meter Höhe. Der weiße Leuchtturm mit seiner roten Kappe ist am Dornbusch der einzige, der sich kerzengerade in den Winterhimmel reckt. Der Ostseewind hat Sanddornbüsche, Birken und Tannen noch nie aufrecht wachsen lassen: Äste und Zweige zeigen allesamt Richtung Rügen.

Spaziergang am Hochufer entlang zurück Richtung Kloster. Baumstämme liegen am Wegesrand, Gestrüpp wuchert, gefrorenes Laub knackt unter den Schuhen. Unberührter Rauhreif auf dem Holzgeländer direkt am Abgrund zum Steinstrand verrät: Hier war heute noch niemand, um sich beim malerischen Blick in den Dunst über der blaugrünen Ostsee festzuhalten. Es ist 15 Uhr.

Stille – ein Vogel zwitschert kurz, dann wieder Ruhe. Der leichte Wind summt in den Baumkronen, unten rauscht ganz leise die See. Ansonsten: Stille.
Klare, kalte Winterluft, Abgeschiedenheit – Hiddensee ist im Winter als Ziel für einen erholsamen Tagesausflug am Wochenende bestens geeignet. Trotzdem: Die Sorge, man könnte das letzte Schiff von der Insel am Abend verpassen, lässt einen nie so ganz vergessen, dass man mit Hereinbrechen der Dunkelheit auf dem schmalen ausgestorben wirkenden Eiland wohl jämmerlich verloren wäre – und viel Glück bräuchte, ein Haus zu finden, in dem a) auch jetzt jemand wohnt, der b) noch ein Zimmer frei hat, das er c) auch für eine Nacht vermietet und dafür schließlich d) auch keine Unsummen kassieren will. So ganz kann man an einem Tag auf der Insel wohl doch nicht abschalten und wirre Großstädtergedanken wie obige einfach in den kalten Hiddensee-Wind schießen. Glaubt man Gerhart Hauptmann, dann braucht es schon ein paar Tage, bis man Hiddensee voll und ganz genießen kann. Dann allerdings auch richtig:

“Der erste Eindruck, den man von Hiddensee empfing, war der von Weltabgeschiedenheit und Verlassenheit. Das gab ihm den grandiosen und furchtbaren Ernst unberührter Natur und dem Menschen, der in dieses Antlitz hineinblickte, jene mystische Erschütterung, die mit der Erkenntnis von den Grenzen seines Wesens und der menschlichen Kultur überhaupt verbunden ist.”

Der Literatur-Nobelpreisträger fand die Hiddenseer Ruhe so schön, dass er dort auch seine allerletzte zu finden bestimmte.
Gang zurück durch das Örtchen. Kloster steht still – nicht ein einziges Häuschen, in dem ein Fenster erleuchtet wäre, im Vorgarten hängen kleine rote Äpfel mit Eishaube an kahlen Zweigen. Postkästen an Gartentüren sind mit Tesafilm zugeklebt: “Bitte nicht mehr benutzen, sondern Post nachsenden”, steht auf einem verblichenen Zettel daneben. Ob hier im Winter überhaupt jeden Tag ein Postbote kommt – es scheint gar nicht nötig zu sein.

Die Straße ohne Asphalt, im Sand sind Spuren von Pferdehufen, Handkarren und Winterstiefeln eingefroren. Viele Häuser wirken, als seien ihre Bewohner hastig vor dem Insel-Winter aufs Festland geflohen – jedenfalls gibt es noch viele Dächer auszubessern, Fensterläden zu streichen und Gartentore zu reparieren.

Im Café am Hafen 2,50 Euro für einen Becher Kakao mit Sahne aus der Sprühdose. Das Schiff kommt – die letzte Chance um kurz vor 17 Uhr, noch runter zu kommen von der Insel. Kaum Betrieb an Bord. Die Laternen im Hafen schimmern matt durch die heranbrechende Nacht. Der Dampfer tuckert nach Rügen. Hiddensee bleibt zurück und wartet auf den Sommer.

  • PS: Diese Reise habe ich nur überlebt dank Mandys reizender Begleitung und aufopferungsvoller Verköstigung vermittels Suppen, Stullen und Süßwaren. Eine neue Batterie für den Fotoapparat hätte ich allerdings selbst einpacken müssen, weswegen es von diesem Trip leider keine Bilder gibt…

Autor: Christian

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