Geschwindigkeitsrausch auf dem Wasser

Der Hilferuf kam am Donnerstag: “Kannst Du unser Drachenboot-Team verstärken?!” war die fordernde Frage. Zum 11. Drachenbootrennen in Warnemünde hatten sich 90 Teams angemeldet. “Die Pappnasen” hatten aber wegen Terminproblemen Besetzungsschwierigkeiten. Ich sehe mich gerne in der Rolle des strahlenden Retters in ebensolcher Rüstung – und so sagte ich zu, ab dem zweiten Lauf mit ins Boot zu steigen.

Die Pappnasen fallen nicht nur durch ihren bemerkenswert unpassenden und der Disziplin unangemessenen Namen auf (nun gut, nicht jeder kann sich Speedboat oder irgendwas mit Dragon nennen), sondern auch durch ihre überaus gelassene Einstellung zum Gerät und zum Sport. Das Team (seit zehn Jahren am Start), war genau ein einziges Mal vorher beim Training. Einen Schlachtruf hat die Crew aus Männern und Frauen trotz ihrer langen gemeinsamen Geschichte noch nicht entwickelt.

Drachenbootrennen Warnemünde 2006

Einer der Vorläufe beim Drachenbootrennen, am Ufer haben die
Teams mit Zelten ihre Mannschaftsquartiere eingerichtet und
drängeln sich Zuschauer. Im Hintergrund ist der Kreuzliner
“Rotterdam” zu erkennen, der eine weit angenehmere
Form der Fortbewegung auf dem Wasser erahnen lässt.

Den ersten Lauf hatten die 18 Paddler auf der Distanz von 280 Metern auf dem Alten Strom in Warnemünnde mit 1,23:08 als Sieger hinter sich gebracht. Ich kam kurz vor knapp zum zweiten Lauf hinzu. Es gab eine kurze Einweisung: Ich würde auf der linken Seite im Heck Platz nehmen und erfuhr: man zieht nicht mit den Armen allein, sondern indem man die Kraft des gesamten Oberkörpers benutzt und sozusagen vor und zurück schwankt. Nun gut.

In der Hektik des Einstiegs ergab es sich dann, dass ich nicht Backbord, sondern Steuerbord, und auch nicht im Heck, sondern zwei Reihen weiter vorn saß. Auf den Schlagmann sollte ich achten, gab man mir noch zu bedenken. Wir paddelten zum Start. Der Schlagmann ist allerdings kaum zu erkennen, weil zehn Paddler und Paddel vor einem die Sicht behindern und das Boot zum Bug hin schmaler wird und der Taktgeber also weiter innen sitzt. Aber deshalb gibt es ja auch noch eine junge Frau mit Trommel, die den Takt angibt.

Wir probten noch schnell einen Start mit drei langen kräftigen Schlägen, zehn kurzen wilden und wieder fünf langen wuchtigen. Bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass man sich wunderbar den Daumen zwischen Paddel und Reling quetschen kann.

Am Start richtete ein niederländischer Fachmann die drei Boote für jeden Lauf aus. Angesichts seines lustigen Zungenschlags fiel die Konzentration schwer. Dann das Startsignal. Hektik, Wasser spritzt, das Boot rauscht, Menschen schreien, andere trommeln, Zöpfe fliegen, Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee. Ich komme nur beim Start im Takt nicht mit. Wir finden unseren Rhythmus. Wie die Teams neben uns hießen, habe ich vergessen. Nach zwei Drittel der Strecke hatte ich das Gefühl, meine Arme schwellen zu einem Umfang meiner Oberschenkel an – an die filigrane Paddelarbeit mit Hilfe des Oberkörpers außerdem nicht zu denken, denn auch das Mädel vor mir ruderte lieber mit den Armen. Jedes Drachenboot, das übrigens die Organisatoren gestellt haben, ist vorne mit einem kleinen Drachenkopf verziert. Und dieses Rennen war ein Drachennase-an-Drachennase-Rennen. Mit nur ein 14 Hundertstel-Sekunden Rückstand fuhren wir mit 1:22,08 durchs Ziel. Eine Steigerung um genau eine Sekunde.

Lauf drei brachte dann noch mal eine Steigerung, wenn auch der Start wieder nicht so richtig klappte, das ganze Boot wirkte holperig. Am Ende fuhren wird nach 1:21, 48 durchs Ziel. Für die Pappnasen wars das, dachten sie zumindest. Aus diesen Vorrundenergebnissen wird ein Durchschnittwert ermittelt und jedes Team dann einer Leistungsklasse zugeordnet. Die schnellsten drei aus jeder Klasse treten zum Finallauf an. Damit rechnete im Mannschaftsquartier der Pappnasen niemand – Aufbruchstimmung. Die Misserfolge der vergangenen Jahre sorgten für eine beinahe verhängnisvolle Routine. Unser Durchschnittswert lag bei 1:22,22 – wir waren in unserer Klasse die schnellsten und durften somit noch mal als Favoriten im Finale starten (allerdings in der achten von zehn Klassen).

Noch einmal Spannung, noch einmal den Start geübt. Noch einmal vom Steuermann angefeuert, noch einmal vom Holländer eingewiesen, noch einmal vorgenommen, jetzt auch mal wie versprochen den Oberkörper einzusetzen und vor allem: Jetzt nicht noch einmal das brackige Warnowwasser schlucken, wenns wieder um uns herum monsunartig spritzt.

Startsignal – wir zählen jeden Schlag mit, neben uns auf der Bahn die “Anonyme Frauengruppe”, auf Bahn 3 ein Team aus Callcentermitarbeitern. Unser Start läuft reibungslos, noch nie war der Schub so stark. Aber trotzdem: Alle Boote gleichauf nach gut 70 Metern, zuckend liegt mal der eine Kahn, mal der andere ein par Zentimeter vorn. Der Steuermann brüllt so laut wie noch nie. Leichter Vorsprung jetzt für die Frauengruppe ganz in Gelb. Die Telefonisten in Blau fallen zurück. Die Pappnasen in Dunkelblau arbeiten wie eine Maschine, gleichauf jetzt wieder mit der Frauengruppe (zu der auch Männer gehören). Die Trommeln wummern dumpf über Deck. Die Frauengruppe auf der Mittelbahn feuert sich kreischend an. 170 Meter jetzt geschafft. Die Callcenterleute schieben sich wieder heran, und jetzt wagen die Pappnasen den Ausbruchversuch. Ich habe mir wieder den Daumen geklemmt, aber egal. Die Paddel wühlen das Wasser auf. Unser Bug schiebt sich nach vorn, die Frauengruppe faucht. Noch 50 Meter, Pappnasen vorn, Frauengruppe holt auf, noch 40, beide gleichauf, noch 30, vielleicht 1 Meter Vorsprung für die Pappnasen, noch 20, Geschrei an Bord aller Boote, Callcenter weit zurück, chancenlos, noch 10 Meter, holen die Pappnasen hier den Sieg? Abstand wieder etwas größer zu den Anonymen Frauen, noch 5, 4, 3, 2, 1: Sieg für die Pappnasen, sie reißen die Paddel in die Höhe, was für ein Wahnsinnslauf, was für eine Zeit, was für ein Sieg! 1:21,21 Bestzeit. Die Frauen fast eine Sekunde langsamer: 1:22,16. Die Telefontypen werden Dritte mit 1:22,32. Triumph.

Insgesamt: Platz 64 für die Pappnasen (von 90 Teams). Zu den schnellsten gibt es einen himmelweiten Rückstand. Die Los Banditos, Semiprofis, die auch schon mal von Gedser über die Ostsee nach Warnemünde gepaddelt sind, waren in einem Vorlauf mit 1:08,20 dabei und wurden auch in der obersten Klasse im Finale mit 1:11,08 Sieger.

Bemerkenswert: 1.) Der Holländer am Start mit “seine dolle Staatanwaißun” und 2.) der bestialische Gestank an der Rennstrecke. Eine ganz besondere Kombination, die in den T-Shirts der 1800 abgekäpmften Paddler zueinanderfand: Schweiß von innen und mucheliges Warnowwasser von außen. Einfach fürchterlich.

Autor: Christian

Der Verfasser aller Beiträge auf kohlhof.de (außer in der Kategorie "Schmidt, Schanghai")

Ein Gedanke zu „Geschwindigkeitsrausch auf dem Wasser“

Kommentare sind geschlossen.