“Fremdgegessen!”

Das war der knallharte Vorwurf, den ich mir vor einer Stunde anhören musste. “Tah! Sie haben fremdgegessen!” sagte die Kassiererin in der Mensa und ihre rot und blau umschminkten Augen verengten sich zu dunklen Schlitzen.
Sie hatte Recht, aber woran hatte die Gute es erkannt? Hatte sich meine Leibesfülle zu meinem Nachteil verändert? Klebten mir Essen-Reste vom vergangenen Freitag im Mundwinkel? Gab es in der anderen Mensa Informanten, Spitzel, Kameras? Offenbarte hier der Überwachungs- und Polizeistaat seine hässliche Fratze? Ist es jetzt wieder so weit, dass Leuten ein Strick daraus gedreht wird, dass sie ihren Hunger stillen? Wo ist Deutschland bloß hingekommen?
Das alles wären durchaus Fragen gewesen, die ich hätte stellen können. Die ganze Mensa hätte ich aufwiegeln können, denn es wäre ja sowieso alles zu spät gewesen, als gläserner Mittagsgast haste ja eh in dieser durchtriebenen Gesellschaft keine Chance mehr.
Für derlei Gedanken blieb mir allerdings keine Zeit. “Sie haben 12 Euro 87 auf ihrer Zahlkarte. Da wurde wohl mal ein krummer Betrag abgebucht, was? In der großen Mensa, nä?” Ja, so war es. Sie hatte mich ertappt, nach diesem sekundenlangen knallharten Verhör zwischen Besteckkästen und Saftautomaten gab ich auf und wimmerte schluchzend, herzergreifend und als gebrochener Mann: “Ja, ich war – da. Und nun richten sie über mich. Und wenn es ein Verbrechen ist, in der großen Mensa Biobrause in Flaschen mit 8 Cent Pfand zu kaufen, dann bin ich schuldig.”
Wie konnte ich nur so nachlässig sein. In der kleinen Mensa, in der ich jetzt am Pranger stand, gibt es nur Speisen und Getränke, deren Preise durch 5 Cent teilbar sind. Da musste so ein Ausflug an andere Theken mit krummen Preisen doch auffallen? “Jeder Täter macht irgendwann einen Fehler”, hörte ich diverse TV-Kommissare mit rauher Stimme in meinem Hirn raunen.
In der Gewissheit, nie wieder Tageslicht zu sehen und schon bald im Karzer zu versauern, griff ich mutlos und vom Leben enttäuscht mein Tablett, schlurfte zu einem freien Tischchen um meine Henkersmalzeit zu genießen, bevor die buckeligen Mensa-Schergen mich ins Verließ zu schleifen gedachten.
Die Kakophonie der Fernsehfahnder wurde unterbrochen: “Guten Appetit dann”, flötete mir die Kassendame noch hinterher.
Ich glaube, manchmal mache ich mir einfach zu viele Sorgen.

Autor: Christian

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3 Gedanken zu „“Fremdgegessen!”“

  1. Das glaube ich aber auch, mit den Sorgen meine ich. Eigentlich solltest du dich nur noch freuen, dass man oder du überhaupt in der Mensa essen kann(st), wo man oder du doch gar nicht mehr unter den Studierenden ist oder was ist das für eine Mensa? Frag mal Herrn Lehmann, wie dem das ergangen ist, als der zur Mensa wollte, wo er, dachte er, doch immer hin konnte – zum Essen. Da hättest du aber mal die noch in echt Studierenden hören sollen, Mann, die haben´s ihm aber gegeben. Von wegen Mensa-Essen als Nicht-Studierender! Könntest aber auch sagen, du studierst ja schließlich doch noch, täglich, das Leben, die Menschen, das Essen in der Mensa … Na dann, weiterhin guten Appetit!

  2. Mahlzeit Christian !

    Aus meiner Sicht hast Du schon viel zu oft in der KLEINEN Mensa “fremd gegessen”… Aber was soll man machen, wenn die im Jahr 2006 leider “nur” zweitbeste große Mensa Deutschlands in der fernen Südstadt von Rostock steht ? Prost mit leckerer Bionade :-)

    [Link zum Mensa-Test: http://www.unicum.de/evo/8669_1%5D

  3. Unvergessen, die “Kleine Mensa” in der Sankt-Georg-Strasse und die tagelang an den Klamotten haftenden Küchendünste, besonders im Winter und wenn es Kohl gab!

    Grüsse aus dem Süden.

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