Querer

“Sind Sie Querer?” rief mir der junge Mann atemlos zu. Das war heute früh auf dem Buga-Gelände in Schwerin. Was der hechelnde Mitarbeiter der Bundesgartenschau wissen wollte, war, ob ich denn im Besitz einer Dauerquerungskarte sei, die Berufstätigen und anderen Berechtigten gestattet, morgens auf dem Weg zur Arbeit das Blumengelände auf dem Rad zu durchqueren, um nicht einen kilometerweiten Umweg fahren zu müssen. Demzufolge entgegnete ich wahrheitsgemäß: “Ja, bin ich. Ich habe eine Dauerkarte mit Querungsberechtigung.” Ein wenig verwundert war ich allerdings schon, dass mir jemand hinterherläuft um mir exakt dieselbe Frage zu stellen, die man schon am Eingangstor beantworten muss, bevor einen der Kontrolleur aufs Gelände lässt.

Dieses Rätsel löste mein morgendlicher Gesprächspartner aber schnell auf – während sich auf der großen Wiese nebenan ein paar Gänse das Gefieder putzten und ansonsten nur ein bisschen Tau vom Reiterdenkmal tropfte. “Sie dürfen hier nur die Hauptwege benutzen!” Tatsächlich war ich gerade über eine Abkürzung gefahren, ein etwas schmalerer Weg als der Prachtboulevard, dafür aber mit Holzbrücke. Ich fragte also: “Warum?” – “Weil das verboten ist!” Diese an sich schlüssige Begründung reichte mir allerdings nicht. Also fragte ich erneut: “Warum?”

Wenn uns jemand beobachtet hätte, dann hätte er einen leicht keuchenden Buga-Mitarbeiter und einen Radfahrer sehen können, die sich allein auf weiter Buga-Flur an einer Wegkreuzung  zu einem kurzen Wortwechsel trafen. Aber es war ja nicht mal jemand da, der uns hätte beobachten können. Insofern überraschte der Parkwächter mit der Antwort: “Weil jemand entgegen kommen könnte.”

Ich hätte Gegenfragen stellen können: Woher man das bitte wissen soll, dass es diese Regelung gibt. Ob es schon einmal vorgekommen ist, dass da tatsächlich jemand zu Fuß unterwegs war – morgens um kurz nach 8 Uhr. Ich sagte sinngemäß: “Bei nächster Gelegenheit werde ich mich daran zu erinnern versuchen”.

In der Redaktion berichtete ich davon und musste erfahren, dass es noch andere Gründe gibt für das Radelverbot auf der Brückenabkürzung. So bekamen Kollegen, die Ähnliches erlebt hatten, als Erläuterung zu hören: der Untergrund der schmaleren Wege bestehe angeblich aus einem Material, das für andauernden Radverkehr nicht ausgelegt und dementsprechend wenig belastbar sei. Ich weiß nicht, was das für ein Untergrund ist, der zwar die tägliche Belastung von tausenden Besucherfüßen aushält, aber von Fahrradreifen zermürbt wird.

Wie auch immer – ich habe in der Buga-Besucherordnung nachgesehen, ich habe im Zeitungsarchiv geblättert. Einziges Ergebnis: Zwischen 6 und 8:45 Uhr darf man zwischen den Toren am Schloss und am Kindergarten radeln – welche Wege vorgeschrieben sind, steht nirgendwo (allerdings ist die Buga-Seite nicht zu erreichen, sie gibt nur eine MySQl-Fehlermeldung aus). Vielleicht klärt sich das alles auf – ich werde mich jetzt auf den Weg nach Hause machen. Mein Weg wird übers Buga-Gelände führen. Dort werde ich – gemäß Besucherordnung zu dieser Tageszeit vorgeschrieben – mein Rad schieben. Vielleicht entdecke ich bei dieser Schrittgeschwindigkeit ja ein Hinweisschild, welche Wege ich morgen früh benutzen darf.
Update bei kohlhof.de
Nun, dies ist das Ergebnis meiner abendlichen Erkundungstour. An der Seite eines Kasssenhäuschens am Eingang am Schloss hängen die Zusatzregeln. Darin heißt es “Mit der Schlossgartenquerung ist die kürzeste Verbindung zwischen den Eingängen ‘Schloss’ und ‘Lennéstraße’ über die Lennéstraße gemeint.” In der folgenden Karte ist darunter wohl die blaue Strecke von B nach A zu verstehen.

Größere Kartenansicht
Nun gut, die Lennéstraße mit ihren Verzweigungen ist eindeutig zu erkennen, sie lädt zu Umwegen ein, insofern ist die Formulierung schon nachzuvollziehen – der absolut kürzeste Weg wäre aber oben erwähnte Abkürzung. Ich bin mir bewusst, dass ich mich mit der Schilderung dieses Sachverhalts um den Titel als Spießer, Korinthenkacker und überhaupt AvD des Jahres bewerben kann – deshalb möchte ich diese unerfreuliche Angelegenheit nun auch nicht weiter vertiefen.
Lassen Sie mich nur noch hinzufügen, dass ich die Möglichkeit, morgens über die Buga zu fahren zwar toll finde, dass ich verstehe, dass das genau geregelt werden muss, dass ich es aber ebenso blöd finde, in der Einsamkeit eines Buga-Morgens sozusagen im Laufschritt vom Rad geholt zu werden, weil irgendwer wohl bloß aus Prinzip auf das Einhalten irgendeiner Regel pocht.
Morgen werde ich also die Lennéstraße benutzen und hoffen, dass ich heil durch die Kontrollen komme. Schließlich habe ich nun sämtliche Sympathiepunkte verspielt. Der wichtigste Satz in den Zusatzregeln für die 90 Euro teure Querungskarte steht auf besagtem Schild nämlich ganz unten: “Bei Zuwiderhandlungen gegen diese Regelungen erfolgt nach einmaliger Ermahnung der dauerhafte und entschädigungslose Entzug der Anwohnerdauerkarte.” Die da oben sitzen eben immer am längeren Hebel.

Autor: Christian

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3 Gedanken zu „Querer“

  1. Seit dem G8-Gipfel, lieber Christian, ist eben alles anders und selbst der letzte Gärtner verteidigt hier die Freiheit am Schlossteich. Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern. Hast du vielleicht darauf geachtet, ob der joggende Unkrautvernichter bei seinem Jog immer wieder in seine Hand oder den Ärmel der Spatenkluft gemurmelt hat und sich immer wieder am Ohr nestelte? Denk mal drüber nach.

  2. Die Einsatzleitung der Buga gibt bekannt: Um im Morgengrauen Remmidemmitum auf verbotenen Wegen im Keim zu ersticken, ist jetzt eine zusätzliche Kraft im Einsatz. Die Kollegin versperrt mit entschlossenem Gesicht die bei Radfahrern belibte Abkürzung. Ein anderer Kollege geht Streife.
    Beruhigend… irgendwie.

  3. Heute früh gabs einen kleinen Plausch mit dem Einlass-Personal. Es war nach 9 Uhr – und auf den Hinweis “Wenn Sie jetzt hier mit dem Fahrrad rüber wollen, müssen Sie aber schieben” entgegnete ich “Ja, klar” und habe das genau so gemeint. Wirklich. Mir war das durchaus bewusst. “Tah, vielen ist das längst nicht klar – gerade erst haben wir wieder zwei Querungskarten eingezogen. Manche wollen einfach nicht hören!”, sagte der Buga-Mann. Auf der Buga wird hart durchgegriffen, so viel steht mal fest.

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