Tauben-Fütter-Guerilla

Vielleicht war sie etwas unvorsichtig, vielleicht wollte sie entdeckt werden. Jedenfalls habe ich heute Nachmittag eine Untergrundkämpferin mitten in Rostock gesehen. Sie schien sich ihres frevelhaften Tuns genau bewusst zu sein – und hat trotzdem eiskalt … Tauben gefüttert.

Sie tut so, als ob sie schlendert. In ihrer bronzefarbenen Steppjacke, der beigen Hose, die Augen hinter einer großen dunklen Sonnebrille verborgen, die kastanienbraun gefärbten Haare unter einem eierschalen-weißen Hut verborgen. Alles Ton in Ton. Damen wie sie lustwandeln üblicherweise an der Promenade in Warnemünde… aber da gibts ja keine Tauben.

Deshalb spaziert sie heute nun also über den Rostocker Universitätsplatz, laviert sich zwischen den vielen anderen Spaziergängern und Shoppern hindurch, macht ein unbeteiligtes Gesicht und lässt ihre Hand wie zufällig in der quer umgehängten beigen Handtasche ruhen. Hier ist Gewusel und Hektik, Straßenmusikanten musizieren, Touristen flanieren. … Dann plötzlich zuckt die rechte Hand hervor und lässt ein, zwei Meter entfernt Brotkrumen aufs Plfaster purzeln. Noch während die Krümel in einer flachen Kurve zu Boden rieseln, hat sie sich schon geschwind auf dem Absatz umgedreht, geht langsam Schritt für Schritt in die entgegengesetzte Richtung und tut so, als habe sie all das, was nun hinter ihr passiert, gar nicht bemerkt.

Denn was umstehende Besucher in der Rostocker Fußgängerzone überrascht, das haben Tauben und Spatzen offenbar routiniert erwartet. Gierig stürzen Sie sich aus den umliegenden Bäumen auf die paar Brotkrumen, es entsteht gefiederter Tumult. Von den Brotbrocken ist schon wenig später nichts mehr übrig.

Da steht sie schon am anderen Ende der langen Bankreihe am Brunnen der Lebensfreude, blickt sich um, als wolle sie nun gleich Pamphlete mit Hetzschriften verteilen, lässt den Arm ganz ruhig auf ihrer Handtasche ruhen, bis kurz darauf wieder erst eine Seniorenhand und dann Brot-Krumen durch die Luft schnellen und jede Menge gefiedertes Getier auf den Plan rufen.

In Rostock scheint das Füttern von Haus-, Ringel- und anderen Tauben nicht verboten zu sein (im Gegensatz zum Möwenfütterungsverbot in Warnemünde) – Dennoch ist es in weiten Teilen der Bevölkerung nicht hoch angesehen – das liegt wohl vor allem daran, dass man beim Anblick der unüberschauberen Massen von Tauben kaum den Eindruck gewinnen kann, dass diese Vögel eine besondere Unterstützung nötig hätten. Dann ist da ja auch noch dieses geflügelte Wort von den Ratten der Lüfte – und überhaupt: Ist Vögelfüttern nicht eher etwas für Kinder?

Vermutlich muss man deshalb als Taubenfütterer mit oft jahrelanger Erfahrung mit fiesen Anfeindungen leben, wenn man seine gefierderten Freunde allzu öffentlich unterstützt. Ich kann mir gut vorstellen, wie man von anderen Passanten beschimpft wird, wenn man gerade ein paar Krümel fallen lässt. Kein Wunder, dass es die Vogelfreunde da sozusagen in den Untergrund treibt und einige von ihnen wie Guerilleros durch die Straßen der Großstadt ziehen. Ihr Einsatz für die ihrer Meinung nach gute Sache stößt bei Mitmenschen nun mal auf Unverständnis. Aber auf Kritik an ihrem tabuisierten und überflüssigen Taubenfüttern reagieren sie schon längst nicht mehr. Sie haben inzwischen – man ahnt es in diesem Zusammenhang –  taube Ohren.

Autor: Christian

Der Verfasser aller Beiträge auf kohlhof.de (außer in der Kategorie "Schmidt, Schanghai")

Ein Gedanke zu „Tauben-Fütter-Guerilla“

Kommentare sind geschlossen.