Brötchen-Jonglage

Diese komischen Regale im Lebensmitteldiscounter für Billigstbrötchen verlangen motorisch durchschnittlich veranlagten Menschen alles ab – die Verlockungen, Brötchen selbst auszuwählen, kaschieren die Bürde, die einem der durchkalkulierte Markt auflegt: Die Chance, eine Schrippe unfallfrei in die eigene Tüte zu befördern, ist verschwindend gering. Brötchenfächer und -zangen sind eine Fehlkonstruktion – und zwei Hände reichen für diesen Zweck leider nicht aus.

Welcher Wahnsinnige hat sich eigentlich das Backwaren-Selbstbedienungsregal für Supermärkte und Discounter ausgedacht? Es ist ein menschen- und brötchenverachtendes System aus Klappen, Riegeln und Zangen, das man überwinden muss, um eigenständig frische Schrippen aus Plexiglasboxen herauszufischen – um dann ein paar Cent zu sparen. Wer es bewerkstelligt, Brötchen fehlerfrei aus den Fächern in die eigene Tüte zu befördern, der hat sich bestimmt automatisch für “die perfekte Minute” qualifiziert. Wer Roggen-Schrippen aus dem Kasten balancieren kann, der schafft es auch, im Fernsehen Pizzakartons auf doofen Pappkegeln auszutarieren oder Schraubenmuttern mithilfe eines wackeligen Drahtes senkrecht übereinander zu stapeln.

Man steht also im Gang zwischen Gemüse und abgepacktem Brot und entwirrt schon mal die Kette mit der Metallzange, mit der man die Brötchen später im Laufe des Tages greifen will und muss. Denn, so gemahnt es ja vollkommen zu recht das Schild am Regal, das Berühren der Backwaren mit der bloßen Hand ist doof und verpflichtet zum Kauf. Eine sinnvolle Regelung, denkt man sich und hofft gleichzeitig, dass auch der verschwitzte Typ in Monteurskluft, der sich eben noch am Brötchensortiment zu schaffen machte, ebenso reinliche Gedanken hatte – wo er sich doch jetzt im Weggehen die Reste seiner Sommererkältung resolut mit dem Handrücken unter der Nase wegwischt. Man denkt noch “urgs” und macht sich dann ans Werk.

Mit der linken Hand hält man die Brötchentüte, am besten fest mit zwei Fingern, und hebt mit den leicht verspannten restlichen drei gleichzeitig die Plexiglasklappe vor dem Brötchenfach hoch. Bitte auch den zusätzlichen Metallbügel hochalten, der verhindern soll, dass Wecken und Knüppel ungehindert herauspurzeln. Dann mit der anderen Hand die Zange einführen und feststellen, dass eine verchromte Würstchenzange zum sensiblen Umgang mit fettigem Grillgut herovrragend geeigent ist, dass sie aber für das Ergreifen von knusprigem Backwerk wohl nur als Notlösung gedacht sein kann. Das Metall rutscht an krosser Kruste oder aufgestreuten Körnern leicht ab. Spätestens dann, wenn man das Brötchen durch die viel zu kleine Kastenöffnung vorbei an Metallbügel und Plexiglas Richtung Tüte zirkeln möchte und dabei ganz sacht irgendwo in der Konstruktion hängen bleibt.

Entweder fällt das Brötchen dann zurück ins Plastikfach oder – was wahrscheinlicher ist – außenbords. Dann zählen Millisekunden. Es hilt lediglich, dass man sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen das Brotregal wirft, um den freien Fall der Schrippe entweder mit dem Kinn, einer Armbeuge, dem Bauch, dem Unterleib, dem Oberschenkel oder spätestens mit dem Knie stoppen zu können. Wenns ganz blöd läuft, steht man dann auf einem Bein balancierend neben seinem Einkaufswagen, hält eine Plastikklappe hoch und mit der anderen Hand eine Metallzange, während man auf der Schuhspitze ein knusprig frisches Brötchen balanciert. An dieser Stelle würde im Fernsehen der Konfettiregen einsetzen und zauberhafte Assistentinnen würden Küsschen verteilen und den Geldkoffer überreichen.

Die Realität ist leider härter – während man also akrobatisch tänzelnd ebenso peinlich berührt wie hilfesuchend um sich blickt, stellt man sich unwillkürlich die Frage, wie oft diesem Brötchen das heute schon passiert ist – und wie sich andere Kunden in dieser Standardsituation verhalten haben: zurücklegen und andere Schrippe greifen? “Urgs”. Man kommt dann zu dem Schluss, dass man die Tüte das nächste Mal im Einkaufswagen abstellt und versucht, die Brötchen bis dorthin zu befördern – und das zu einer Zeit, in der im Markt gerade wenig los ist und man Zeit hat und nicht zu viele Zuschauer. Man beschließt dann aber schon wenig später, künftig gleich ganz auf dieses demütigende Erlebnis zu verzichten und sich von der Bürde dieser Billigst-Schrippen-Jonglage freizukaufen: In einer echten Bäckereifiliale, die haben dort Profis für so etwas hinterm Tresen.

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge

Ein Gedanke zu „Brötchen-Jonglage“

  1. Ich habe mich auch schon immer gefragt, wie man das schaffen soll, habe es selber noch nie probiert. Brötchen gibts bei uns vom Bäcker.

    Ich erinnere mich an frühere Zeiten, als die Brötchen-Dosierspender etwas anders aufgebaut waren. Der große Vorratsbehälter hatte unten eine breite Öffnung, durch die gerade so ein Brötchen von der Höhe her durchpaßte. Damit lagen immer zwei drei Brötchen in der Auffangrinne und wenn man welche entnommen hatte, rutschten die nächsten nach. Manchmal mußte man mit der Zange etwas nachhelfen, aber es hat prima funktioniert.

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