Fledermäuse

Die folgende Geschichte hat sich wahrhaftig so zugetragen, wie ich sie hier jetzt aufschreibe. Sie handelt von einem mir nahestehenden Ehepaar, dessen Namen hier aus Gründen des Persönlichkeits-Schutzes gern verschwiegen werden sollen. Nur so viel: Ich kenne die beiden seit 1975 recht gut. Schon vor Jahren fielen sie in einem großen Möbelhaus dadurch auf, dass sie mit ihrem eigenen Schuhwerk überprüften, ob denn der schicke weiße Sperrholzschrank mit den Klappfächern groß genug sei für alle möglichen Treter. Wie sich herausstellen sollte, waren die Schubladen für durchschnittliche Lübecker Füße viel zu klein – und das war vom Tischler auch so gewollt. Schließlich spielte sich diese überraschende Szenerie in der Abteilung für Phonomöbel ab – und in CD-Schränke passen nun mal keine Halbschuhe…. Sie finden diese Geschichte gut? Diese hier ist besser.

“Wir hatten Fledermäuse im Schlafzimmer”, berichtete man mir am Telefon und fügte rasch hinzu: “Dachten wir jedenfalls.” Schon jetzt wird offensichtlich: Die Geschichte wird sich wohl in eine Richtung entwickeln, die man so jedenfalls nicht vorhersehen kann. Es habe leise und zart und mit Nachdruck jämmerlich gefiept. Irgendwo hinter den Schränken oder in einer der vielen Schubladen – da vermutete man den oder sogar die verirrten Besucher. Das mitleiderregende Piepen habe nichts anderes zugelassen als schnell zu handeln. Nach dem erfolglosen Blick hinter Vorhänge und Gardinen sei sofort klar geworden, dass nun wohl alle Fächer und Schränke notfalls geöffnet und geleert werden müssten, um noch rechtzeitig zu der unter Laken und Hemden Verschütteten vorzustoßen. Die Frage, wie es einem mit Flugmembranen versehenen Wirbeltier hätte gelingen können, Schranktüren von außen zu öffnen oder Schubfächer aufzuziehen und diese von innen auch noch wieder zu verschließen, um sich dann auch noch heillos zwischen Frottee und Baumwolle zu verlaufen,… also, diese Frage hat sich in diesem Moment des allgemeinen Ausnahmezustands jedenfalls niemand gestellt.

Da werden in meiner Familie Erinnerungen an einen ganz ähnlichen Vorfall Mitte der 80er Jahre wach. Damals galt plötzlich der Wellensittich Felix als vermisst. Kurz nachdem der verwaiste Vogelbauer samt offenstehender Käfigklappe entdeckt worden war, vernahmen wir ein wohl ganz ähnliches Fiepen, wie jenes, was jüngst für die aktuelle Schlafzimmer-Aufregung sorgte. Auch in der Causa Felix war man schon kurz davor, die stattliche Schrankwand auszuräumen, um den Vermissten bergen zu können, den man nach angestrengtem Lauschen mit felsenfester Gewissheit in der staubigen Spalte zwischen Sperrholzrückwand und den Resten der 70er-Jahre-Tapete vermutete. Dann hat aber doch noch rechtzeitig jemand den verstörten Vogel auf einem Stuhl entdeckt, verdeckt von der vom Esstisch herabhängenden Tischdecke. Felix hatte die Sitzfläche mit zahllosen schwarzweißen Kügelchen individuell ausgestaltet.

Im aktuellen Fall lag der Inhalt zahlreicher Socken-Fächer inzwischen schon auf dem Bett ausgebreitet. Und sa war es wieder, das Piepen. Wieder ein bisschen schwächlicher, aber doch immer noch mit Nachdruck, hell, fordernd, klar, aufschreckend, … irgendwie regelmäßig, und… alarmierend. Vielleicht gingen auf dem Anrufbeantworter zur gleichen Zeit auch schon die Hilfsangebote befreundeter Nachbarn ein. Irgendwer kennt bestimmt einen Hundehalter, dessen Vierbeiner darauf trainiert ist, verschollene Fledermäuse selbst durch Betondecken hindurch aufzuspüren.Im Fahrstuhl wurden bestimmt schon Solidaritätsadressen ausgetauscht, wie sehr man mit unseren benachbarten Freunden mitfühle in dieser schweren Stunde. Jetzt gehe es darum, den Opfern zu helfen – gleichwohl sei es an der Zeit, ein Moratorium für Fledermäuse… egal.

In genau diesem Augenblick ging der Blick im Schlafgemach wie zufällig zur Zimmer-Decke. Und was soll ich sagen?

Ja, es gibt Rauchwarnmelder im Baumarkt. Ja, die können so pfeifen wie man sich den Ruf einer mit Ultraschall ausgestatteten Fledermaus vorstellt. Ja, Rauchmelder hängen zwar auch oben und mit dem Kopf nach unten – aber sie piepen nicht, wenn sie sich verirrt haben, sondern wenn ihre Batterie zur Neige geht. Aber wenigstens hinterlassen sie auch dann keine schwarz-weißen Panik-Kügelchen, wenn um sie herum das Gewusel um sich greift. Da kann man doch jetzt wieder beruhigt durchschlafen.

Autor: Christian

Christian Kohlhof - Lübeck, Rostock, Schwerin... in dieser Reihenfolge

Ein Gedanke zu „Fledermäuse“

  1. muahahahaha…
    danke für diesen lustigen film am frühen morgen! schade für die, die personen und die örtlichen begebenheiten nicht kennen. macht die sache glaube ich noch amüsanter.
    lg von
    mir

Kommentare sind geschlossen.