Missbrauchsprozess: 9 Jahre
Gefängnis für Lea-Maries Mutter

Die Mutter aus Teterow, die ihre Tochter vier Jahre lang misshandelt hat, muss für 9 Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Rostock befand sie für schuldig, dem Kind in 24 Fällen Essig oder Kalkreiniger in steigender Dosierung gewaltsam eingeflößt zu haben. Die Mutter habe ihrem Kind Lea-Marie außerdem mit kochendem Wasser die Oberschenkel verbrüht, um eine Unfallversicherung zu betrügen. Sie habe das Kind außerdem geschlagen. Die Frau wurde verurteilt wegen des Missbrauchs von Schutzbefohlenen, wegen gefährlicher Körperverletzungen und wegen Betrugs.


Die Mutter ist einem psychiatrischen Gutachter zufolge unterdurchschnittlich intelligent, aber voll schuldfähig. Warum sie aber in der Lage war, ihrem Kind die Verätzungen und Vernarbungen zuzufügen, konnte sie selbst nicht sagen. Das Kind sei eine Belastung gewesen, wenn sie es ins Krankenhaus bringen konnte, habe sie zu Hause Ruhe gehabt, sagte sie bei ihrem Geständnis. Die wahren Motive blieben aber im Dunkeln. Emotionen oder gar das Zeigen oder Beschreiben von Gefühlen würden in ihrer Welt keine Rolle spielen, schilderte der Psychiater den Geisteszustand der Frau.
Allen anderen Prozessbeteiligten und Zuschauern war der Fall sehr nahe gegangen, auch der Richter trug das Urteil mit teilweise zitternder Stimme vor: “Auch auf der Richterbank sitzen schließlich Mütter und Väter”. Vor allem ein Bild aus den Ermittlungen habe die Juristen nicht mehr losgelassen: Das Kind, 15 Monate alt, von der eigenen Mutter mit siedendem Wasser verbrüht.
Unklar ist weiterhin, warum es vier Jahre dauerte, bis die Mutter überführt wurde. Sie war mit ihrem Kind 27 Mal im Krankenhaus gewesen, die Ärzte attestierten bei Lea-Marie blutiges, unstillbares Erbrechen, Verätzungen im Mund, abgestorbene Schleimhäute und vieles mehr. Zuletzt bestand sogar Lebensgefahr. Hinweise aus den Kliniken an Kinderärzte und Jugendamt sind nach Auffassung der Staatsanwaltschaft aber nicht weitergeleitet worden.
Es gebe sichere Hinweise auf Versäumnisse, sagte auch der Richter. Die Staatsanwaltschaft prüft jetzt, ob einige Mediziner und Jugendamts-Mitarbeiter strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden müssen.
Die Mutter selbst nahm das Urteil ohne Erkennbare Reaktionen zur Kenntnis. Lea-Marie wird mit den Folgen der Misshandlungen ein Leben lang konfrontiert werden. 15 Prozent ihrer Haut sind verbrüht und vernarbt. Zur Zeit ist es nötig, dass ihre Speiseröhre alle zwei Wochen unter Vollnarkose geweitet wird. Die Röhre ist so vernarbt, dass ihr Durchmesser nur vier Millimeter beträgt, üblich sind bei Kindern in ihrem Alter aber 16 Millimeter. Das Kind lebt bei einer Pflegefamilie. Nach Angaben ihres Anwalts gehe es Lea-Marie den Umständen entsprechend gut.
Das Gericht verurteilte die Mutter außerdem, an ihre Tochter 30.000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Der Vater wurde zu 8 Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er seine Tochter mit einem Teppichklopfer geschlagen habe. Der Mann bestreitet die Vorwürfe, sein Anwalt kündigte Revision an.
Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Haft für die Mutter gefordert, die Verteidigung hatte auf 6 Jahre und 3 Monate plädiert. In einer ersten Stellungnahme deuteten beide an, dass sie das Urteil akzeptieren werden.

War mit dem Ü-Wagen am Gericht und hatte viel zu tun: Nachrichtenaufsager für NDR1 Radio MV, ndr info, Live-Gespräch mit dem Deutschlandfunk, Korrespondentengespräch mit NDR1 Radio MV, ein langes ARD-Sammelangebot und noch ein bisschen mehr.

Der Ü-Wagen stand vorm Landgericht, zahlreiche Passanten schlenderten vorbei. Immer mal wieder drücken sich auch Leute an den Fensterscheiben des Wagens die Nasen platt, um zu sehen, was drinnen vor sich geht. Heute ist mir aufgefallen: Unter den Schaulustigen waren drei Väter, die ihre kleinen Kinder, dick verpackt in bunten Jäckchen und weichen Strickmützen auf den Schulter trugen, mit vom Wind geröteten Wangen, auf den Schultern trugen. Ich fand es angemessen, heute einmal öfter als sonst, freundlich durch die Fensterscheibe zurückzuwinken.

Links:

Stern, ZDF

Autor: Christian

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3 Gedanken zu „Missbrauchsprozess: 9 Jahre
Gefängnis für Lea-Maries Mutter“

  1. Ich habe das auch gesehen gestern in den Nachrichten und mir kommen die Tränen. Und alles was du drumrum schreibst, es ist unglaublich und unfassbar. Sind neun Jahre genug? Ich meine nicht an Zeit, sondern überhaupt. Wen müsste man noch mitbestrafen? Hoffentlich wird das alles genaustens untersucht. Aber was willst du mit so einer machen?? Man möchte dieses kleine Mädchen in den Arm nehmen und nicht wieder loslassen … Ich frage mich, gabs da keine Nachbarn oder sind das die gleichen, die sonst auch wegschauen??? Davon gibt es ja leider viel zu viele!!!

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