Lektion für Wolfgang

Die Begrüßung war jeweils herzlich, aber leider falsch: „Hallo, Christoph“ schleuderte mir der Kollege von der schreibenden Zunft jedes Mal entgegen, wenn wir uns trafen. „Moin, Christoph“ oder „Na, Christoph“. Ich habe das zunächst freundlich und gutmütig überhört. Vielleicht sehe ich ja aus wie irgendein ein Christoph. Nun gut.
Es zeichneten sich bei den Begrüßungen im Laufe der dahinziehenden Monate allerdings keine entscheidende Veränderung ab. Für den guten Mann – er selbst heißt Wolfgang – blieb ich Christoph. Obwohl ich zunächst für mich und im Stillen murmelte und später auch laut einwarf, dass ich ja nun seit geraumer Zeit Christian heiße. Eigentlich schon immer. Christian eben. Sieht zwar ähnlich aus und klingt auch beim flüchtigen Hinhören fast ein bisschen wie Christoph, aber es ist eben doch was ganz anderes. Ich sagte also: „Aber, aber. Ich heiße doch Christian!“
Mein Gegenüber bedauerte aufrichtig und zutiefst – regelmäßig. Und immer wieder.
Gesten war wieder eine Gelegenheit, mich Christoph zu nennen. Wir trafen uns auf einer Pressekonferenz. Aber diesmal war ich vorbereitet. Ich hatte beschlossen, diesen Wolfgang mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
Ich hatte mich kaum gesetzt, als Wolfgang sich zu mir rüberbeugte und „Na, Christoph, alles klar?“ raunte. Das war mein Stichwort: „Klar, Werner! Und bei dir so, … Werner?“ Wolfgang stutzte und entschuldigte sich wie üblich.
Heute traf ich ihn wieder. In der Fußgängerzone. „Mensch, Christian!“ sagte er und betonte jede einzelne Silbe. Problem gelöst. Aber das ist auch wieder schade. Ich hatte mir schon so schöne Namen für die weiteren Lektionen ausgesucht: Wotan, Wendelin, Winston, Wolfhard oder auch Woody.

Autor: Christian

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Ein Gedanke zu „Lektion für Wolfgang“

  1. Siehst du, das hättest du schon viel früher machen müssen. Werner, eben. Weißt du, das erinnert mich ganz stark an die Politik. Herr Nowottny wurde von Frau Katharina Focke immer mit Herrn Nowittny angeredet, bis er ihr gedroht hat, wenn sie das nicht endlich unterlässt, na, dann wollte er bei ihr eben auch nur gerade diesen Buchstaben tauschen. Und wer will schon so heißen? Und siehe da, es ging. So ist das eben, man muss manche Leute nur mit den eigenen Waffen schlagen. Na dann, schön, Christian!

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