Jetzt aber!

Der März im Zeitraffer: Landesfunkhaus – Buchmesse – Kurzmeldungen

Neuer Job, neuer Tagesablauf – Seit Anfang März arbeite ich nun also im NDR-Landesfunkhaus in Schwerin für die Magazinredaktion, was auch die Besucher dieser Internetseite zu spüren bekommen: Ich habe derzeit kaum noch Muße, hier großartig zu posten.

Shaolin folgt Katze
In den Messehallen und im Congresszentrum sah man auch Shaolin-Kämpfer und Katzen Rolltreppe fahren ... (alle Fotos: Christian Kohlhof)

Das liegt vor allem daran, dass ich in Schwerin viele neue Dinge lernen muss: Da geht es um Klangelemente und wie und wann man sie einsetzen kann. Es geht um zusätzliche Software und wie man sie effektiv nutzen kann und es geht um viele Debatten mit Kollegen, wie man Themen im Radio umsetzen kann. Dazu kommen dann noch die Fahrten von und zur Arbeit. Während ich in der Redaktion allmählich die wesentlichen Dinge beherrsche, werde ich mich an das tägliche Hin- und Herfahren ziwschen Rostock und Schwerin so schnell nicht gewöhnen. Gut, dass ich ab April ein Zimmer in Schwerin haben werde. Wenn also der Weg in den Feierabend im kommenden Monat nicht mehr fast eineinhalb Stunden, sondern nur noch 15 Minuten dauern wird, erhöht sich hier hoffentlich auch wieder die Zahl der Beiträge. Hier kann ich jetzt nur einige Dinge zusammenfassend nachreichen – und eine Fotoreportage von der Buchmesse in Leipzig bieten.

Da wäre zunächst das Wochenende in Leipzig – mit Dauerkarte auf der Buchmesse. Ein buntes Stelldichein rennomierter Autoren – und Manga-Fans. In Halle 2 für Kinder-, Jugend- und Schulbuchverlage gabs auch ne riesige Ecke mit Comics. Speziell die Freunde von Mangas betrachten die Leipziger Literaturmesse als ihr Eldorado und tauchen dort in Gestalt ihrer gezeichneten Lieblinge auf.

Das wirkt dann wie das Stelldichein der Superhelden, missglückter Laborexperimente und übernatürlicher Kuscheltiere.

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... Superheldinnen mit Fönfrisur ...

Es sind hunderte, wenn nicht sogar tausende Figuren, die sich auf dem Messegelände herumtreiben – nicht nur bei den Comicständen, sondern gern auch mal bei den Fachverlagen, wo es Bücher über sächsische Architektur, Akupunktur oder Maschinenbau gibt. Die Vertreter nehmen den bunten Besuch mit großer Gelassenheit zur Kenntnis – schließlich ist das ein weitgehend harmloses, friedliches (manchmal leider aber verschwitzt müffelndes) Völkchen von 13- bis 23-Jährigen, das da bei der Messe einfällt. Beachtenswert ist vor allem die Perfektion, die manche Verkleidungen aufweisen. Billig sind Kutten, Flügel, Umhänge, Papp-Schwerter und wallende Kleider gewiss nicht.

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... und Eisbären mit Plüschfutter. Allerdings: Nicht alle Besucher der Comicabteilung auf der Leipziger Buchmesse ...

Allerdings: Nicht alle Comicfreunde scheinen zu wissen, dass auch überirdische Typen ganz weltliche Problemzonen haben können. Vielen scheint vollkommen unbekannt zu sein, was ein angemessenes Outfit für Superhelden ist.
So ist man gewzungen, auch Schwabbelbäuche unter hauchdünnen Spaghettiträgern ansehen zu müssen, obwohl man sich eigentlich gerade für neue Handbücher über PHP5 oder die Vereinten Nationen informieren will.

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… waren vorteilhaft kostümiert. Im Gegenteil.

Bei soviel Comictypen um einen herum fällt es manchmal schon schwer, sich auf das zu konzentrieren, worum es eigentlich geht: Bücher und ihre Verfasser. Wir haben Daniel Kehlmann gesehen. Von weitem. Weil sein “Ruhm” und die “Vermessung der Welt” echte Renner sind, war dort, wo er Auskunft über sein Tun und Schreiben gab, kein Rankommen. Bei Ingrid Noll war das ähnlich schwierig. Sie erklärte dem Publikum, dass sie die Opfer in ihren unkonventionellen Kriminalgeschichten am liebsten auf ungewöhnliche Weise quält anstatt sie plump in einem Blutbad umkommen zu lassen.

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An diesem Herrn Gutenberg gabs hingegen nichts auszusetzen. Der junge Mann kopierte im Auftrag des Gutenbergmuseums aus Mainz im großen Stil Bibelseiten an einem historischen Druckstock.

Auf einer Lesung am Abend, beim Litpopfestival im Neuen Rathaus, organisiert von der mdr-Welle Sputnik hielt sich der Spaß hingegen in Grenzen – das lag vor allem an einer unsäglich flachen Literaturshow, bei der Autoren wie Benjamin Lebert unter anderem die Frage beantworten mussten, warum denn zwei seiner Bücher im Titel mit Vögeln zu tun haben. Und auch der Plot der über 60 Minuten sich hinziehenden Talkrunde war ebenso witz- wie ergebnislos. Angeblich wollten die beiden Ansager den besten Autoren casten – aber das ganze Showkonzept wirkte wie lieblos am Abend vorher zusammengeschustert. Und das trotz kurzer Einspielfilme (oder vielleicht gerade wegen dieser Schnipsel).

Einzige Lichtblicke waren 1.) Tilman Rammstedt, der gekonnt und pointiert aus seinem “Der Kaiser von China” vortrug und 2.) Musiker Olli Schulz, der mit seiner Band einen schönen rockigen Höhepunkt bescherte und dabei auf den Bibo-Song verzichtete. Am besten hat mir der Song “Geheimdienst” gefallen: Ein Mann redet sich aus Liebe ein, dass seine Frau ihn  nicht betrügt, sondern im Auftrag eines Nachrichtendienstes sich leider woanders die Nacht um die Ohren schlagen muss.

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Während der Buchmesse gabs in Leipzig gut 1500 Lesungen, Diskussionsrunden und Konzerte. An diesem Stand in Halle 5 standen die Autoren in einer Sprecherkabine - für die Zuhörer gabs Kopfhörer.

Weil ich ja in Begeleitung einer Fachbuchhändlerin über die Messe lief, kamen wir schnell mit einigen Verlagsleuten ins Gespräch. Und die berichteten uns vor allem davon, dass sie während der Messe täglich beklaut werden. Gerade in der Nacht zuvor sei ein Band über Kältetechnik entwendet worden, berichtete einer. Und noch während wir plauderten, kam eine Kollegin hinzu und raunte nur: “Da hat sich gerade wieder einer bedient.”

Bücher kaufen kann man nur in der extra aufgebauten Messebuchhandlung. An den Ständen ansich ist Ankucken und Blättern erlaubt. Trotzdem wird dort viel geklaut – weil dabei auch sehr spezielle Werke verschwinden, vermute ich jetzt einfach mal mit meinem laienhaften Kriminalisteninstinkt, dass das auch Auftragsdiebstähle sind.

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An den Ständen der Verlage können sich Fachbesucher und Laien jede Menge Bücher ansehen. Kaufen ist nicht vorgesehen. Zahlreiche Besucher nehmen trotzdem Bücher mit - ohne zu zahlen.

Tagsüber das Gewusel, nachts die kaum bewachten Messehallen, dazu Aussteller, Lieferanten, Hostessen und Reinigungspersonal… Bücher zu klauen scheint zur Messe dazuzugehören.

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Gesetzeslücke: Selbst juristische Texte sind vor Langfingern nicht sicher.

In der Messebuchhandlung gabs trotzdem noch genug Kundschaft. Wie die Fachbuchhändlerin meines Vertrauens versicherte, herrschte dort mehr Trubel als im wuseligsten Weihnachtsgeschäft im heimischen Laden. Einige neue Ausgaben lagen gleich palettenweise bereit. Die Besucher haben gekauft, ohne Rücksicht auf Verluste – und zum vollen Preis. Denn die Buchpreisbindung gilt auch auf einer Literaturmesse.

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Manchen Ausstellern bleibt dann nur noch, frustriert ein paar Zettel aufzuhängen.

In diesem gigantischen Buchladen, der von mehreren Handlungen gleichzeitig betrieben wird, sind die Bände gar nicht erst nach Genre, Titel oder Autoren geordnet, sondern in erster Linie nach Verlagen. Am Rande des Gewusels saß an einem kleinen Tischchen Medizinratgeber und Gesundheitscharmeur Hademar Bankhofer (der mit den Halstüchern) und wartete auf Besucher, denen er ein Autogramm geben konnte. Wir haben niemanden gesehen, der sich dort eine Unterschrift geholt hat.

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Dabei gibt es doch extra eine Messebuchhandlung.

Überhaupt gab es nahezu jeder Ecke irgendwen zu sehen und zu hören. Inzwischen habe ich erfahren, dass auch jemand, den ich persönlich kenne, bzw. früher ganz gut kannte, auf der Messe sein neues Werk vorgestellt hat: Svealena Kutschke – sie ging wie ich aufs Katharineum, ein paar Jahrgänge unter meinem. Und jetzt kann man sich sogar schon anhören, wie es klingt, wenn sie ihren eigenen Roman vorliest.

Ach ja, auch die ersten Kalender fürs nächste Jahr sind schon gedruckt – und Hörbücher gabs auch jede Menge. Einen kurzen Blick auf den E-Book-Reader von Sony konnte ich auch werfen. Die Seiten bauen sich meinem Eindruck nach zwar flüssig, aber nicht blitzschnell auf. Dafür scheint die Darstellung absolut augenfreundlich zu sein. Dumm nur, dass das Ding mehrere hundert Euro kostet.

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Zwischen Regalen, Kassen und palettenweise aufgestapelten Büchern herrschte der größte Trubel.

Bleibt noch die Frage zu klären, was es mit diesem Foto auf sich hat:

leipziger_allerleiWeil ein Gang über eine Messe eine kräftezehrende Angelegenheit ist, war es aus Sicht der Fachbuchhändlerin notwendig, sich beim Abendessen in unserer Unterkunft nicht nur allerlei herzhafte, sondern auch gleich noch die lang ersehnten süßen Speisen auf den einzig vorhandenen Teller zu laden. Optik war in diesem Fall ausnahmsweise Nebensache.

Hier nun noch ein kurzer Abriss aus der Rubrik: Was sonst noch geschah:

  • – Habe am vergangenen Wochenende im Grand-Hotel in Heiligendamm bei einem literarischen Dinner Texte von Ehm Welk vorgelesen
  • – Morgen ist auf ndr-info ein Beitrag von mir geplant. Esgeht um eine neue interdisziplinäre Klinik für Kinder und Jugendliche, die an psychosomatischen Symptomen leiden
  • – Habe heute für unsere Frühsendung zwei Schülerinnen interviewt, die bei “Jugend forscht” mitmachen:  Sie haben herausgefunden, das Akupunktur das Wachstum von Pflanzen fördern kann. Zu hören Mittwoch früh
  • – Die Morde von Winnenden haben mich sehr beschäftigt. Allerdings auch einige Formen der Berichterstattung danach. Damit werde ich mich hoffentlich in den nächsten Tagen hier noch einmal beschäftigen können.
  • – wünsche der versammelten Leserschaft einen angenehmen Tag!

Autor: Christian

Der Verfasser aller Beiträge auf kohlhof.de (außer in der Kategorie "Schmidt, Schanghai")

6 Gedanken zu „Jetzt aber!“

  1. Hrmpf. Jetzt sehe ich gerade in der Büroversion des Internetexplorers, dass die Bilder teilweise verzerrt dargestellt werden… ist das bei anderen Lesern auch so?

  2. 1. Da geht es um Klangelemente und wie und wann man sie einsetzen kann …
    Das dachte ich eigentlich, kannst du schon sehr gut, denke da an eine gewisse CD …
    2. Klingt ja alles sehr beschäftigt und wirklich interessant, vielleicht sehe ich das ja bald mal …
    3. BUCHMESSE. Ist eine Buchmesse heute so? Ich kannte bisher nur die Frankfurter Buchmesse – schon ganz schön lange her. Aber solche Dinge und Vorkommnisse waren mir bisher fremd. Na ja …
    4. … zu hören Mittwoch früh …
    Wie früh? Welche Welle?
    5. … Die Morde von Winnenden haben mich sehr beschäftigt. Allerdings auch einige Formen der Berichterstattung danach …
    Mich auch! Was mich am meisten bei solchen Berichterstattungen nervt, sind die vielen Mutmaßungen und Meldungen darüber, den ganzen Tag lang. Denke nur an den angeblichen Eintrag im Internet über das Vorhaben. Hier dachte ich, hätte die Polizeit nicht zu Ende ermitteln können und dann wären die Berichte gekommen? Nein, besser, man hört dann am nächsten Tag wieder die ganzen Dementis. Grausig, aber mich fragt ja keiner. Mal sehen, was du dazu berichtest.
    Und dass der kurzzeitig Gekidnappte dann gleich bei Beckmann sein muss, nee, ich weiß nicht, ganz großer Beigeschmack für mich. Aber die Schuld gebe ich hier auch den Medien. Das muss doch nicht sein, oder?
    Na, dann bis bald auf deiner Seite!

    Grüße aus der Kurpfalz – bei ungefähr 6 Grad, grrrr, aber zum Glück sitzt auch meine Frisur noch! Bleibt als einziger Trost – der nächste Frühling kommt bestimmt und wenn es im Sommer ist.

  3. Vergessen! 6. Alle Bilder sind klasse! Und das Leipziger Allerlei, wem`s schmeckt, Hunger treibt´s hinein, aber so schlecht sieht´s auch gar nicht aus.

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